Besuch bei den Rettern: Florian und Selina haben sich bei den Feuerwehren bedankt, hier bei der Feuerwehr Finsing mit Kommandant Martin Kneißl (r.) und seinem Stellvertreter Bernhard Huber.
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Besuch bei den Rettern: Florian und Selina haben sich bei den Feuerwehren bedankt, hier bei der Feuerwehr Finsing mit Kommandant Martin Kneißl (r.) und seinem Stellvertreter Bernhard Huber.

Selina (17) und Florian (18) danken nach einem schweren Verkehrsunfall ihren Rettern

Willkommen zurück im Leben

  • Veronika Macht
    vonVeronika Macht
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Bei einem Verkehrsunfall im März 2020 bei Finsing werden Florian aus Forstinning und Selina aus Markt Schwaben schwer verletzt. Zeitweise schweben die Jugendlichen in Lebensgefahr. Zehn Monate später kämpfen sie noch immer mit den Folgen. Jetzt sagen sie denjenigen Danke, die sich als Erste um sie gekümmert haben – den Aktiven der Feuerwehren.

Finsing – Es ist der 8. März 2020, ein Sonntag, früher Abend. Florian, damals 17, und die ein Jahr jüngere Selina wollen von Finsing nach Hause fahren. Sie sind auf Florians Leichtkraftrad unterwegs – wie schon so oft. Es sind nur wenige Kilometer bis nach Markt Schwaben. Doch an diesem Abend kommen die Freunde nicht daheim an.

Kurz hinter Finsing haben sie einen schweren Unfall. Das Leichtkraftrad kracht frontal in ein Auto, das auf die Gegenfahrbahn geraten ist. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, wollen die beiden ihre Nachnamen nicht nennen.

Florian und Selina: Mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus

„Als uns das Auto entgegenkam, habe ich erst im letzten Moment gesehen, dass es auf unserer Spur war“, erzählt der heute 18-jährige Forstinninger Florian. Danach – nichts mehr, „erst als eine Ersthelferin bei mir war, kann ich mich wieder erinnern bis dahin, als ich noch vor Ort in Narkose versetzt wurde“. Denn Florian wird schwerst verletzt, er kommt mit dem Rettungshubschrauber ins Münchner Klinikum Großhadern. Anfangs sieht es gar nicht gut aus, Florian erleidet etliche Knochenbrüche, auch sein Becken ist gebrochen, es kommt zu inneren Blutungen. Doch die Ärzte können sie stoppen und retten dem jungen Mann das Leben.

Auch Selina kommt in ein Münchner Klinikum, nach Bogenhausen. Erinnerungen an den Unfall hat sie keine mehr. „Erst viel später kam ein kleiner Erinnerungsfetzen, wie ich auf der Straße liege und Florian im Schock schreien höre“, erzählt die junge Frau. Sie erleidet einen Becken- und Unterschenkelbruch, „anfangs sah es wohl nicht so dramatisch aus“. Doch dann stellt sich heraus, dass sie ein Loch im Darm hat. Sie bekommt eine Blutvergiftung und eine Lungenentzündung, muss für zweieinhalb Wochen ins künstliche Koma versetzt werden. „Ich hatte eine 50:50-Chance“, sagt sie rückblickend. Mittlerweile könne sie wieder über diese Zeit sprechen, anfangs sei ihr das sehr schwer gefallen.

Wegen Corona ist zeitweise kein Besuch möglich

„Es ist einfach krass, was die Ärzte und Pflegekräfte geleistet haben. Ich hatte ein, zwei Intensivschwestern – ohne die wäre es für mich noch schlimmer gewesen als es eh schon war“, sagt Selina. Denn wegen Corona war zeitweise kein Besuch möglich. „Du bist am Tiefpunkt, kannst dich nicht bewegen, nicht selber trinken, essen, auf Toilette gehen. Und dann hast du niemanden, den du kennst, mit dem du reden kannst. Das war schon hart“, sagt Florian. Neun Wochen liegt er im Krankenhaus, bevor er zum ersten Mal wieder nach Hause kann.

Irgendwann dürfen zumindest die Mamas zu ihren Kindern. „Ich durfte bei ihr im Zimmer bleiben. Ich glaube, das war mit ein Grund für ihre schnelle Genesung“, sagt Selinas Mama Marion, die zeitweise dort auch die Pflege ihrer Tochter übernimmt. „Es gab nur eine Notversorgung“, sagt sie. „Das Personal war teilweise überfordert.“

Beide Jugendlichen sind froh, diese Zeit hinter sich zu haben. „Ohne meine Familie und meine besten Freunde wäre ich da nie durchgekommen“, sagt Selina. „Und ich war sehr froh, dass wir und Florians Familie uns gegenseitig Mut zugesprochen und uns unterstützt haben, das war wirklich großartig“, ergänzt ihre Mama.

Beste Freunde seit der achten Klasse

Selina und Florian sind beste Freunde, kennen sich seit der achten Klasse, haben gemeinsam 2019 die Lena-Christ-Realschule in Markt Schwaben abgeschlossen. Dass man ihnen in der Rehaklinik in Bad Endorf extra Zimmer nebeneinander gibt, „das war wirklich toll“, findet Selina.

Sie hofft nun auf eine baldige ambulante Reha, bis dahin geht sie zwei- bis dreimal pro Woche zur Physiotherapie. Die besucht auch Florian, aktuell viermal in der Woche, „das war auch schon mal mehr“. Beide werden noch lange mit den Folgen ihrer Verletzungen zu kämpfen haben. Ob und wann es wieder wie vorher wird – „das kann keiner sagen“, erklärt Selina, die früher gern ins Fitnessstudio gegangen ist. „Man hat einfach keine Kraft. Bis die Muskeln wieder aufgebaut sind, die im Krankenhaus verloren gegangen sind, dauert es ewig“, sagt Florian. Rund zwei Jahre müsse man dafür rechnen, mindestens. Zusätzlich muss Selina eine weitere Operation am Bauch über sich ergehen lassen – acht, neun Mal ist sie wegen der Darmperforation bereits operiert worden.

Bei Florian werden irgendwann Metallschrauben und -platten aus den Handgelenken und teilweise dem Becken entfernt. Durch die Beckenbrüche kann er seinen Fuß nicht richtig anziehen, hat Probleme beim Gehen. „Ob das je wieder wird, weiß man nicht, aber ich hoffe es“, sagt der 18-Jährige tapfer.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Aufgeben kommt für die jungen Erwachsenen aber auf keinen Fall in Frage, auch wenn ihre eigentlichen Pläne erst einmal auf Eis liegen. Selina musste ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau abbrechen. „Die werde ich zu Ende machen, auch wenn ich weiß, dass ich mit den Verletzungen nie ein Leben lang in diesem Beruf arbeiten kann, weil er körperlich zu belastend ist. Da will ich schauen, wie ich mich weiterbilde. Und ich möchte meinen Führerschein fertig machen, wenn die Fahrschulen wieder öffnen“, zählt die ehrgeizige junge Frau auf, die in ihrer Freizeit gerne schreibt und liest.

Florian will sein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten beenden, „das musste ich nach sechs Monaten komplett aussetzen“. Danach will er eine Ausbildung zum Erzieher beginnen. Die Stelle dafür hatte er schon in der Tasche, kann den Beginn aber um ein Jahr verschieben. „Da waren alle sehr verständnisvoll“, sagt er.

Dankesbriefe an die Feuerwehren

Dass sie kurz vor Weihnachten bei der Feuerwehr Finsing vorbeigeschaut haben, um Danke zu sagen, war für die beiden „das Mindeste“, wie sie sagen. „Wegen Corona wollten wir nicht zu allen Feuerwehren gehen, aber wir haben überall Dankesbriefe eingeworfen“, erzählt Selina. Denn neben den Ehrenamtlichen aus Finsing waren am 8. März auch Kameraden aus Gelting, Markt Schwaben und Eicherloh im Einsatz, ebenso mehrere Rettungswagen, Notarzt, Rettungshubschrauber.

„Es war für uns beide von Anfang an klar, dass wir uns bei den Leuten bedanken wollen, die mitgeholfen haben, unser Leben zu retten. Ohne sie wäre das nicht gegangen. Die haben super Arbeit geleistet, das muss man würdigen“, sagt die 17-Jährige. Und Florian ergänzt: „Man sieht es immer als Selbstverständlichkeit, dass das alles so gut funktioniert – die einen sperren die Straße ab, die anderen helfen den Verletzten oder leuchten den Helikopterlandeplatz aus.“

Wäre Corona nicht dazwischen gekommen, hätten die beiden all ihren Helfern gerne eine Brotzeit spendiert. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

vam

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