Gertrud Eichinger vor dem Finsinger Rathaus
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„Traut euch, Verantwortung zu übernehmen“: Gertrud Eichinger würde sich wünschen, dass sich mehr Frauen politisch engagieren – auch wenn es für sie ihrer Erfahrung nach noch immer nicht so leicht ist, präsent zu sein.

Gertrud Eichinger (SPD) über Geschlechterrollen, Frauenquote und Sticheleien in Gremien

„Wir brauchen uns nicht belächeln zu lassen“

  • Veronika Macht
    VonVeronika Macht
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Gertrud Eichinger (SPD) engagiert sich seit 2008 als Mandatsträgerin in der Kommunalpolitik. Wir sprachen mit ihr über Geschlechterrollen in der Politik, über die Frauenquote und Erfahrungen mit Sticheleien in Gremien.

Neufinsing – Sechs Jahre lang war sie 3. Bürgermeisterin von Finsing und 3. Landrätin. Beide Posten hat Gertrud Eichinger (SPD) nach der Kommunalwahl diesen März verloren – und musste dazu noch eine herbe Wahlschlappe einstecken. War sie 2014 bei der Bürgermeisterwahl Amtsinhaber Max Kressirer (WGE) nur knapp unterlegen, so zeigte sich die 54-Jährige heuer umso enttäuschter, dass sie nur 15,5 Prozent der Stimmen holen konnte.

„Frauen haben wohl noch schlechtere Chancen, wenn mehr Männer zur Wahl stehen“, lautete noch am Wahlabend das Fazit der selbstständigen Kommunikations-Designerin. In der Gemeinde wie auch im Landkreis sind die Stellvertreter-Ämter jetzt wieder reine Männersache. Wir sprachen mit Gertrud Eichinger, verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder, über Geschlechterrollen in der Politik, über die Frauenquote und Erfahrungen mit Sticheleien in Gremien.

Frau Eichinger, Sie waren zuletzt sechs Jahre lang 3. Bürgermeisterin und 3. Landrätin. Jetzt sind Sie nichts mehr von beidem. Wie ist das für Sie?
Das ist erst mal komisch. Als stellvertretende Landrätin wurde ich doch anders wahrgenommen. Ich wäre auch gern weiterhin 3. Bürgermeisterin geblieben und stand in der konstituierenden Sitzung auch zur Wahl. Aber – und das hat mich sehr gestört – der Ortsproporz, dass aus jedem Ortsteil ein Stellvertreter kommt, war der Mehrheit im Gremium wichtiger, als dass eine Frau dabei ist. Dabei wäre es sehr wichtig, dass es in der Gemeinde auch eine Frau als Ansprechpartnerin gibt.
Sie sind seit 2008 im Gemeinderat. Wie hat sich seitdem der Frauenanteil entwickelt?
2008 waren wir fünf Frauen, sechs Jahre später nur noch drei. Seit heuer sind es zum Glück wieder sechs Rätinnen, das ist gut ein Drittel des Gemeinderats. Den Unterschied zwischen den ersten zwei Perioden hat man schon gemerkt, zum Beispiel dass manche Argumente nicht so recht gezogen haben und in der allgemeinen Diskussion untergegangen sind.
Was meinen Sie damit?
Ein krasses Beispiel ist das Thema Tiefgarage beim Lebensmittelmarkt im Neufinsinger Ortszentrum. Alle Frauen im Gremium waren für eine Tiefgarage – sie nimmt oben keinen Platz weg und bietet auch für die Einkäufer viele Vorteile. Die anwesenden Männer waren allesamt dagegen. „Das braucht’s nicht“, haben sie gesagt. Wir haben sie gefragt, wie oft sie denn selbst einkaufen gehen. „Ach, das macht mei Frau“, war die Antwort. Und so wurde ohne Tiefgarage gebaut. Das sehe ich heute noch mehr als Fehler, man hätte das Gebäude viel kompakter bauen sollen.
Was kann frau aus solchen Vorfällen lernen?
Wir Frauen müssen uns noch deutlicher machen und uns nicht von der allgemeinen Diskussionslage beeinflussen lassen. Wir müssen eigene Kompetenzen an den Tag legen und Argumente mit unseren Erfahrungen stützen.
Was machen Männer vielleicht anders?
Natürlich ist das alles pauschal gesprochen. Aber Frauen achten oft zu wenig auf eine gewisse Eigenpräsentation. Viele Männer in der Politik können sich besser in Szene setzen oder auch mal auf den Tisch hauen. Ich nehme auch wahr, dass die Aussagen von Frauen oft nicht so stark gewichtet werden – eben weil sie in der Minderheit sind. Auf der anderen Seite habe ich in zwölf Jahren Gremiumsarbeit noch nie erlebt, dass eine Frau unvorbereitet in die Sitzung kommt. Bei Männern hingegen habe ich das auch schon anders wahrgenommen.
Was raten Sie anderen Frauen aus Ihrer Erfahrung heraus?
Habt den Mut zu sagen, was euch wichtig ist und warum. Traut euch, Verantwortung zu übernehmen. Ihr könnt Haus, Garten und Hund auch mal euren Ehemännern überlassen (lacht) – mein Gatte Josef zum Beispiel hat mich immer unterstützt. Vor allem brauchen sich Frauen nicht belächeln zu lassen.
Es klingt, als sprächen Sie da aus Erfahrung.
Ja, auch ich habe immer mal wieder kleine Nickligkeiten gegen mich erlebt, gerade am Anfang im Gemeinderat. Sticheleien oder blöde Witze. Das ist besser geworden, hat aber zum Wahlkampf hin leider wieder Fahrt aufgenommen. Es gibt durchaus Gemeinderäte, die mit den Augen rollen oder süffisant lächeln, wenn ich mich zu Wort melde.
Wie reagieren Sie in solchen Situationen?
Ich sage dann schon mal, dass so etwas nicht angemessen ist. Man muss in der Politik ein bisschen dickhäutig sein. Aber je weniger ich das auf mich als Frau beziehe, umso weniger Macht hat so etwas über mich. Mag sein, dass ich als empfindlich wahrgenommen werde. Aber wenn ich immer nur drauf achte, dass ich homogen erscheine, dann werde ich schnell nivelliert. Man darf es sich nicht gefallen lassen, wenn das eigene Argument belächelt wird, und muss manchmal vielleicht auch zickig sein.
Zickig – diese Eigenschaft wirft man Frauen ja gerne mal vor.
Das stimmt schon. Frauen, die emotional handeln und diskutieren, werden schnell als Zicken abgestempelt. Zwar finde ich, dass man nicht alles aufbauschen muss. Aber ich denke auch, dass sich Frauen nicht alles gefallen lassen sollten. Im Übrigen sind es in Diskussionen oft die Männer, die die beleidigte Leberwurst spielen.
Es gibt in politischen Gremien nicht nur mehr Männer als Frauen, sondern auch mehr männliche Kandidaten als weibliche. Warum?
Viele Frauen, die sich engagieren wollen, tun das lieber im sozialen Bereich. Sie wollen gerne unmittelbar am Menschen helfen und arbeiten weniger gerne gegen Widerstände. Diese Konfrontation liegt nicht jeder. Dabei übernimmt man ja Verantwortung für die Gesellschaft, wenn man in die Politik geht. Ich hielte da ein Mentoringprogramm für junge Politikerinnen für sehr sinnvoll. Frauen in der Politik sind ein Thema, das mir mit den Jahren immer mehr am Herzen liegt.
Warum?
Je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass immer noch Grenzen da sind. Dass es für Frauen noch immer nicht so leicht ist, präsent zu sein. Das zeigt auch die Prozentzahl an Frauen im Bundestag, die zurückgeht.
Braucht’s denn eine Frauenquote in der Politik?
Auch wenn viele Frauen sagen, dass sie keine Quotenfrau sein wollen, so halte ich eine Quote doch für notwendig. Lieber wäre es mir ohne, aber erst wenn wir wirklich eine Parität haben, dann brauchen wir keine Quote mehr. Das gilt nicht nur in der Politik, sondern auch in anderen Bereichen wie der Geschäftswelt.
Sollten Ihrer Meinung nach Frauen auch über Parteigrenzen hinaus zusammenarbeiten?
Gerade im Gemeinderat spielt Parteipolitik ohnehin kaum eine Rolle. Es macht für mich daher absolut Sinn, dass sich Frauen zusammentun und austauschen, sich gegenseitig stärken. Zum Beispiel, indem eine Frau das Argument einer anderen in der Diskussion noch einmal aufgreift. Das haben wir auch im Kreistag immer wieder so gemacht, etwa beim Thema Frauenhaus. Im neuen Gremium muss sich das erst wieder aufbauen. Es ist eine kleine Seilschaft. Wobei ich natürlich auch Argumente der Männer unterstütze, wenn sie mir wichtig sind.
Die Bürgermeisterwahl 2014 ist knapp ausgefallen. Heuer sind Sie deutlicher unterlegen.
Vor sechs Jahren hatte ich fast 46 Prozent – das war beeindruckend. Von diesem Schwung bin ich ausgegangen, und auch bei der Landtagswahl 2018 hatte ich durchaus schöne Zahlen. Aber heuer 15,5 Prozent – das ist schon frustrierend.
Sie haben in der Wahlnacht gesagt, „dass Frauen noch schlechtere Chancen haben, wenn mehr Männer zur Wahl stehen“. Einige Monate später – sehen Sie das noch immer so?
Sicher haben für mein Wahlergebnis mehrere Faktoren eine Rolle gespielt, darunter auch die Partei. Ich denke im Rückblick, dass es wohl für den Wähler wichtig war, dass die Kandidaten klare Kante zeigen und ein Stück auf Konfrontation gehen. Das haben die anderen Bewerber getan, sie sind schon in den Monaten vor der Wahl im Gremium kontrovers nach vorne gegangen. Mag sein, dass ich zu zurückhaltend war.
Im Kreistag haben Sie hingegen zugelegt – um knapp 3000 Stimmen.
Das ist auf jeden Fall eine Bestätigung und sicherlich auch dem Amt der stellvertretenden Landrätin geschuldet. Das habe ich gerne gemacht, die Aufgaben waren sehr spannend, auch wenn es doch recht zeitintensiv war. Ich habe den Landkreis und den Landrat in zahlreichen Gremien vertreten, habe eigene Veranstaltungen des Landkreises besucht, aber auch bei Geburtstagen, Ehejubiläen und Abschlussfeiern gratuliert. Da kamen viele Abendtermine zusammen. Aber es war schön, als Gesicht des Landkreises wahrgenommen zu werden – auch als „rotes Gesicht“ (lacht).

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