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So sieht Trostlosigkeit aus: Viele Flüchtlinge leben in Unterkünften, in denen es keine Privatsphäre gibt.

Nach Mord im Flüchtlingsheim

Ehemaliger Flüchtling erzählt: "Die Enge verändert einen"

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Dorfen - Die Streitigkeiten in Flüchtlingsunterkünften haben ein neues Niveau erreicht: Ein Asylbewerber ist bei einer Messerattacke in Dorfen ums Leben gekommen. Ein ehemaliger Flüchtling erzählt, wie die Enge in einem solchen Heim das Leben verändert.

Uche Akpulu träumt gerade einen Traum, der bei seiner Familie in Nigeria spielt, als er von einem lauten Streit geweckt wird. Zwei seiner Mitbewohner schreien sich an. Irgendwer hat irgendwem irgendwas weggenommen. Er setzt sich auf seinem Stockbett auf, reibt sich die Augen – und fragt sich, wo er hier gelandet ist. Er ist vor knapp vier Jahren aus seiner afrikanischen Heimat geflüchtet, hat sich bis München durchgeschlagen, dabei mehrmals sein Leben riskiert. Nun teilt er sich in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft 13 Quadratmeter mit drei anderen Afrikanern. Täglich gibt es Streit, auch Schlägereien sind nicht selten, fast sogar Alltag. Vier Jahre haben nicht ausgereicht, um sich daran zu gewöhnen. Genauso wenig an die Enge, die fehlende Privatsphäre oder die kaputte Dusche, aus der nur eiskaltes Wasser kommt.

Momente wie diese liegen in Uche Akpulus Leben acht Jahre zurück. Inzwischen lebt er in einer Wohnung in München, er hat eine Arbeitsstelle, er hat wieder ein Leben. Doch jedes Mal, wenn er in der Zeitung von Schlägereien in Flüchtlingunterkünften liest oder im Radio von Körperverletzungen unter Asylbewerbern hört, denkt er an seine eigene Zeit in der Unterkunft. Der 49-Jährige weiß, wie die Konflikte entstehen, er sagt: „Sie sind auf so engem Raum unvermeidbar.“

Meldungen über Schlägereien kommen täglich

Am Wochenende haben die Konflikte in den bayerischen Flüchtlingsunterkünften eine neue Ebene erreicht. Zum ersten Mal ist ein Streit tödlich ausgegangen. In Dorfen im Landkreis Erding hat ein 38-jähriger Somalier seinen 20-jährigen Zimmergenossen erstochen. Der Mann hat den Messerangriff zugegeben, er sitzt in Untersuchungshaft. Die Meldungen über Schlägereien kommen nahezu täglich. In Prien am Chiemsee schlug am Wochenende ein Somalier mit einem Pflasterstein auf einen anderen Flüchtling ein. In Poing kam es am Montag in einer Turnhalle, die zur Zeit für die Flüchtlingsunterbringung genutzt wird, zu einer Massenschlägerei. Etwa 40 Asylbewerber waren aufeinander losgegangen.

Konflikte gab es in den Unterkünften immer, sagt Uche Akpulu. Auch Körperverletzungen. Massenschlägereien aber nicht. Doch er ist sicher, dass die Situation durch die Traglufthallen, Container und Turnhallen schlimmer geworden ist. „Das Leben in der Unterkunft verändert einen“, sagt der 49-Jährige. „Es macht einen zu einem anderen Menschen.“ Er hat die Veränderung an sich selbst gespürt. Dass er psychisch immer labiler wurde, dass er nachts nicht mehr schlafen konnte. Dass ihn das monatelange Warten immer ungeduldiger machte. „Man ist am Leben, aber man lebt nicht“, sagt er. „Man fühlt sich nicht willkommen. Und es gibt kaum Ablenkung.“

"Andere drehen in der Enge durch"

Akpulu hat sich sein Zimmer mit drei Nigerianern geteilt, die in einer ähnlichen Situation waren wie er. „Aber nur, weil man dasselbe Heimatland hat, heißt das nicht automatisch, dass man sich gut versteht“, sagt er. „Jeder ist ein anderer Typ. Einige halten es länger ohne Privatsphäre aus. Andere drehen in der Enge durch, fangen an zu trinken, werden depressiv oder aggressiv.“ Er ist sicher: Je weniger Rückzugsmöglichkeiten, desto schneller liegen die Nerven blank.

Er selbst hat während seiner Zeit in der Unterkunft ein Ventil gefunden. „Ich habe mich politischen Gruppen angeschlossen“, erzählt er. Er lernte Mitarbeiter des Flüchtlingsrats kennen, die ihm das System in Deutschland erklärten, er war bei deren Aktionen dabei – die Ablenkung hat ihm geholfen. Heute arbeitet der studierte Biochemiker hauptberuflich im Büro des Flüchtlingsrats. Es gibt vor allem ein Thema, für das Uche Akpulu sich seit damals leidenschaftlich einsetzt: die Abschaffung der Lagerunterbringung.

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