+
3,8 Kilogramm Kokain hatte ein Engländer über den Münchner Flughafen zu schmuggeln versucht.

Engländer wollte angeblich nur ein Erbe sichern – Von Drogen habe er nichts gewusst – Mehr als vier Jahre Haft

Märchenonkel mit Koks in der Laptoptasche

Es war eine derart wüste Räuberpistole, die ein 55-jähriger Engländer in einer stundenlangen Einlassung vor dem Landgericht Landshut vorgebracht hatte, dass man sie am Ende fast glauben mochte. Doch der Angeklagte muss lange in Haft.

Flughafen/Landshut Brasilien, Hongkong, Paris, London – zwei Jahre lang sei er um den halben Globus gereist, nur um durch den Transport von Dokumenten einem Mädchen von der Elfenbeinküste eine Erbschaft von rund neun Millionen Euro zu sichern. „Ich bin in eine große Falle getappt“, so das Fazit des Angeklagten in seinem letzten Wort.

Seine dritte Reise war im Oktober 2020 am Flughafen München zu Ende gegangen, als der Zoll knapp vier Kilo Kokain in seinem Handgepäck entdeckte. Nach drei Verhandlungstagen mit akribischer Beweisaufnahme sowie einer ausführlichen Urteilsberatung glaubte die vierte Strafkammer dann doch nicht an die „große Falle“: Der 55-Jährige wurde wegen unerlaubter Einfuhr von sowie Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt.

Die Anklage war kurz und knapp: Der 55-Jährige war am 20. Oktober aus Dubai kommend über Zürich in die Bundesrepublik eingereist. In seinem Handgepäckskoffer sowie einer Laptoptasche befanden sich insgesamt 3,8 Kilo Kokain. Für den Transport war dem Angeklagten eine Entlohnung von 3450 Euro in Aussicht gestellt worden. 815 Euro hatte er bereits erhalten. Staatsanwältin Isabella Bock sah die Anklage durch die Beweisaufnahme dann auch bestätigt und forderte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Die Einlassung des Engländers hingegen erfolgte in epischer Breite. 2018 habe er die erste E-Mail des Mädchens erhalten, so der 55-Jährige. Ihr verstorbener Vater habe Immobilien in Brasilien besessen. Um den Besitz verwalten zu können, brauche sie einen Vormund. Ob er Interesse habe? Als Lohn würde er Anteile bekommen. Die folgenden zwei Monate habe sie ihm fast täglich geschrieben. Dann erst habe er geantwortet: „Warum ich?“ Sein Profil auf Facebook habe ihr gefallen; er sei ein Familienmensch, so die Antwort.

Dann habe sich ein Anwalt bei ihm gemeldet, um die Modalitäten zu besprechen. Er müsse nach São Paulo reisen, um Dokumente zu unterschreiben und zu transportieren, hieß es. In der Folge trat der Angeklagte noch zwei weitere Reisen an: „Irgendwie fehlten immer Unterschriften von mir.“ Er wisse auch nicht, wie er da reingeraten konnte, hatte der 55-Jährige nach seiner Festnahme einem Zollbeamten gegenüber erklärt.

Der Angeklagte habe „wirklich sehr überrascht“ gewirkt, als man die Tasche angebohrt habe und weißes Pulver herausgerieselt sei, so der Zöllner im Zeugenstand. Ob es Anzeichen gegeben habe, dass der Angeklagte seine Geschichte selbst geglaubt habe, wollte Vorsitzender Richter Andreas Wiedemann wissen. Die ganzen Umstände hätten ihm schon zu denken geben müssen, so der Zollbeamte. „Aber es gibt ja nichts, was es nicht gibt.“

Dieser Ansicht war auch Verteidiger Jürgen Neumaier. Der Einlassung seines Mandanten entsprechend forderte er einen Freispruch. Der 55-Jährige habe in Dubai aufgrund eines alkoholbedingten Unwohlseins 20 Minuten im Bad verbracht. Zeitgleich habe sich ein Mann im selben Hotelzimmer befunden, der sich als Fahrer eines angeblichen Bankers ausgegeben habe. Während sein Mandant im Nebenzimmer gewesen sei, hätte der Fremde also Zeit genug gehabt, „Dinge zu arrangieren“.

Wiedemann verwies diesbezüglich in der Urteilsbegründung allerdings auf die Laptoptasche, in der das Kokain eingenäht war. Der Angeklagte habe gesagt, es sei seine eigene gewesen. Aus Sicht der Kammer hätte ein Austausch hier keinen Sinn gemacht, da die Hintermänner das Modell nicht kannten beziehungsweise das Einnähen des Kokains nicht so schnell gegangen wäre.  nig

Auch interessant

Kommentare