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FILE PHOTO: German carrier AirBerlin's aircrafts are pictured at Tegel airport in Berlin

41- jähriger kettet Fluggast mitten auf der Straße an

Zöllner war bei Ausraster nicht schuldfähig

Bizarre Szenen haben sich am frühen Morgen des 19. September 2016 auf der Straße vor dem Terminal 1/Modul D abgespielt.

Flughafen/Erding – Ein heute 41 Jahre alter Zöllner hatte einen in Österreich lebenden Nigerianer ohne jeden Grund vom Check-In der Fluggesellschaft Air France auf die Straße getrieben und ihn mitten im fließenden Verkehr an einen Kofferwagen gekettet. Zudem löste er Großalarm aus. Im Gepäck des Reisenden solle sich eine Bombe befinden.

Bereits in einer ersten Verhandlung im November 2018 hatte sich herausgestellt, dass der Einsatz ohne jeden Anlass erfolgt war (wir berichteten). Der Österreicher war Zufallsopfer des Beamten geworden. Auslöser soll eine verneinte Frage nach einem Feuerzeug gewesen sein. Richterin Michaela Wawerla hatte den ersten Prozess unterbrochen, um den Angeklagten, der seither unbewaffnet im Innendienst arbeitet, psychiatrisch begutachten zu lassen.

Zu recht, wie sich jetzt bei der Fortsetzung herausstellte. Denn ein Gutachter kam zu dem Schluss, dass der 41-Jährige zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig und damit schuldunfähig gewesen sei.

Die Biografie des aus Ostdeutschland stammenden Angeklagten ist in der Tat tragisch. Er ist mit einem eineiigen Zwillingsbruder aufgewachsen. Beide arbeiteten beim Zoll. Sein Bruder hat sich vor einigen Jahren in Köln vom Dach eines Dienstgebäudes in den Tod gestürzt. Mit dieser Tragödie kam der Hinterbliebene nicht klar. Bereits dreimal wurde der heute in München lebende Beamte in die Psychiatrie aufgenommen und mehrere Monate stationär behandelt. Laut Gutachter litt er damals unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Seine Einsichtsfähigkeit war zum Tatzeitpunkt wegen einer akuten seelischen Störung aufgehoben“, so das Fazit der Untersuchung. Der Zöllner sei in Stresssituationen nicht in der Lage gewesen, Dinge richtig einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Die Untersuchung ergab: Er wusste nicht, was er tat.“

Richterin Wawerla sprach den 41-Jährigen daraufhin frei. Sein Zustand hat sich mittlerweile deutlich gebessert. Er ist wieder im (Innen-)dienst. Über seinen Verteidiger, Rechtsassessor Nikolaus Köhler, hatte er gleich zu Beginn der zweiten Verhandlung erklären lassen, ihm fehle die Erinnerung an den Ausraster. Die Tat sei jedoch nicht zu leugnen.

Köhler bedauerte den Ausraster, der damals für einen Großeinsatz gesorgt hatte, der den Verkehr auf der Terminalstraße zusammenbrechen ließ. „Es war die Zeit allgemeiner Angst vor Terroranschlägen, noch dazu fand zu diesem Zeitpunkt in München das Oktoberfest statt.“ Er sei froh, „dass die Sache nun so schnell zu Ende gegangen ist“.

Weitere Zeugen mussten nicht gehört werden. Fünf Monate zuvor hatte das Zufallsopfer ausgesagt. Er sei ob der Polizeigewalt völlig konsterniert gewesen. „Das habe ich in Deutschland nicht erwartet.“ Unmittelbar nach der Aktion hatte sich der Zöllner im Wahn die Kleider vom Leib gerissen und war drohend auf wartende Autofahrer zugerannt.

HANS MORITZ

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