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Leere Terminals prägen das Bild nun schon seit acht Monaten. Im Sommer gingen die Zahlen urlaubsbedingt zwar wieder leicht nach oben, doch mit dem Herbst zeigen die Kurven erneut nach unten.

Verbände verlangen von der EU einheitliches Vorgehen in der Corona-Krise – Flughäfen leiden

Tourismusbranche funkt SOS

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Die Tourismusbranche leidet besonders unter der Corona-Krise. Die Verbände rufen nun EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen um Hilfe. Darunter auch der Flughafen München.

Flughafen – Absturz einer jahrelang aufstrebenden Branche: Der Tourismussektor und mit ihm die Luftfahrt sind von der Corona-Krise stärker betroffen als viele andere Wirtschaftszweige. Nach einer – reisesaisonbedingt – leichten Erholung im Sommer gehen die Zahlen nun schon wieder zurück. Reisewarnungen und Quarantänepflichten halten Urlauber wie Geschäftsreisende ab, in den Flieger zu steigen.

Europaweit rufen Tourismus-, Wirtschafts- und Mobilitätsverbände EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf, ein europaweit einheitliches Vorgehen durchzusetzen. Unter den Unterzeichnern ist auch der Chef des Münchner Flughafens, Jost Lammers, zugleich Präsident des Europäischen Flughafenverbandes ACI. Auf Bundesebene fordert der Flughafenverband ADV schnelle Finanzhilfen.

Die europäische Reisebranche kritisiert die unterschiedlichen Regelungen in der Pandemie. „International unterschiedliche Rahmenbedingungen bei Quarantäne und Einreisebestimmungen führen zu immer weniger Mobilität“, warnt Lammers. „Die gesamte Luftverkehrsbranche braucht deshalb dringend ein einheitliches und transparentes internationales Regelwerk für ein sicheres Reisen. Das Vertrauen in den Luftverkehr muss wieder gestärkt werden.“

Maßnahmen funktionieren nur, wenn sie EU-weit umgesetzt werden

In dem unserer Zeitung vorliegenden Schreiben an von der Leyen betont die Branche, dass sie den von der Kommission vorgeschlagenen Koordinierungsrahmen zur Eindämmung der Pandemie „in vollem Umfang unterstützt“. Dieser müsse aber von allen Mitgliedstaaten angenommen und vollständig umgesetzt werden.

Geschehe das nicht, würde „jede Chance auf einen möglichen Wiederaufbau zunichtegemacht“. Dies wäre eine „unmittelbare Bedrohung der Existenzgrundlage von mehr als 27 Millionen Europäern, die in diesem Sektor arbeiten“. Betroffen seien nicht nur Airlines und Flughäfen, sondern auch Hotels, Restaurants, Reiseveranstalter, Busunternehmer, Logistiker, Campingplätze, Ferienparks und Tourismusämter.

In dem Schreiben ist von einer „chaotischen Situation“ die Rede, bei der von der Leyen eingreifen müsse. Besonders kritisiert wird, dass „grenzüberschreitende Reisen innerhalb des EU- und Schengen-Raums immer noch ohne angemessene Begründung unterschiedlich behandelt werden. Extreme Reisebeschränkungen – insbesondere Quarantänen – sind alles andere als risikobasiert. Sie sind kein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Epidemie.“

Reisen in Europa dürfen nicht verteufelt werden

Die aktiven Aufforderungen der Regierungen, Reisen selbst innerhalb Europas zu vermeiden, „verteufeln unsere Industrien und einen integralen Bestandteil der europäischen Lebensweise. Das muss aufhören.“

Der ADV teilt mit, die deutschen Airports müssten mittlerweile um ihre Existenz bangen. Faktisch befinde sich die Luft- und Reisebranche in einem zweiten Lockdown mit einem Passagiervolumen von unter 20 Prozent. Vorschläge zu einer Teststrategie für Passagiere seien „mehr oder weniger ungehört“ geblieben, lautet die Kritik an der bisherigen Strategie zur Eindämmung der Pandemie.

In einem ersten Schritt müssten die Vorhaltekosten aus der Zeit des Lockdowns im Frühjahr erstattet werden, in denen die Flughäfen ihre Infrastruktur aufrecht erhalten haben, erklärt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Die Kosten dafür bezifferte er mit 740 Millionen Euro.4

Bundesregierung und Bundesrat hatten für diesen Schritt bereits Zustimmung signalisiert. Für den 6. November hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zu einem Luftverkehrsgipfel eingeladen.

Corona: Flughäfen brauchen Beihilfen

Weitere Hilfen für die meist im öffentlichen Besitz befindlichen Flughafenbetreiber seien aber notwendig, argumentiert der ADV. Im laufenden und nächsten Jahr gingen die Einnahmen der Flughäfen um zusammen mehr als sechs Milliarden Euro zurück, warnte der Verband. An fast allen Standorten reichten die flüssigen Mittel nur noch bis ins zweite Halbjahr 2021. Jeder vierte der rund 180 000 Arbeitsplätze sei direkt gefährdet. Trotz bestehender Bundesrahmenregelung seien bislang kaum Beihilfen geflossen.

Auch am Moos-Airport ist die Lage dramatisch. Das Passagieraufkommen lag in den ersten neun Monaten 2020 nur bei rund 30 Prozent des Vorjahresniveaus. In den ersten drei Quartalen verzeichnete die FMG 61 Prozent weniger Starts und Landungen. Die Auswirkungen im Frachtbereich seien geringer als in der Passage. Im Erdinger Moos werden heuer gerade einmal zwölf Millionen Passagiere erwartet.

Fluggastzahlen brechen ein zweites Mal ein

Das Passagieraufkommen sank von Januar bis September um rund 27 Millionen auf etwas mehr als zehn Millionen und lag damit um knapp 73 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Anzahl der Starts und Landungen sank im gleichen Zeitraum um knapp 200 000. Bisher wurden im laufenden Jahr rund 123 000 Flugbewegungen gezählt, ein Minus von 61 Prozent.

Im Hauptreisemonat August wurden 880 000 Passagiere gezählt. Mit den steigenden Infektionszahlen sank das Aufkommen aber im September schon wieder – auf 730 000 Reisende – gerade einmal 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. FMG-Chef Lammers rechnet „in den nächsten Monaten nicht mit einer Trendwende“.  mit dpa

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