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Entschädigung steht Passagieren bei Flugverspätungen und -annullierungen zu – für Anwälte ein lukratives Geschäft. 

Tausende Verspätungen und Annullierungen im Pandemie-Jahr – Klagewelle rollt an

Wenige Flüge, viele Probleme

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Paradox am deutschen Himmel: Obwohl im Corona-Jahr 2020 deutlich weniger Flugzeuge gestartet und gelandet sind, kam es prozentual gesehen zu mehr Verspätungen und Annullierungen. Das wird die Justiz zu spüren bekommen.

Flughafen – Diese Bilanz zieht AirHelp, die eigenen Angaben zufolge weltweit größte Organisation, die sich auf Fluggastrechte spezialisiert hat und für Passagiere Entschädigungen juristisch durchzufechten versucht.

Von den deutschen Flughäfen sind im vergangenen Jahr laut AirHelp dreimal weniger Flugzeuge und viermal weniger Passagiere als ein Jahr zuvor gestartet und gelandet. Am Flughafen München ging das Passagierverkehrsaufkommen in den Lockdown-Monaten teils gar um über 90 Prozent zurück.

„Dennoch litten Passagiere viel häufiger unter Problemen“, so ein AirHelp-Sprecher. Flugannullierungen hätten nicht weniger als einen von 30 Reisenden betroffen, während 2019 nur einer von 74 betroffen gewesen sei. Fast 245 000 Passagiere hätten Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung.

„Dies bedeutet, dass Covid-19 nicht die einzige Ursache für Flugunterbrechungen war. Die Passagiere hatten beispielsweise auch mit technischen Problemen oder Personalmangel zu kämpfen, wofür die Fluggesellschaften verantwortlich sind“, urteilt de juristische Dienstleister. „2020 war ein Jahr des Chaos, fehlender Informationen und Unsicherheit“, urteilt der Rechtsexperte Christian Leininger.

AirHelp hat einige Strecken ausgewertet, auf denen nach Auffassung ihrer Juristen Entschädigungen einklagbar seien. Es handelt sich um Verbindungen, die von Verspätungen und Annullierungen besonders betroffen waren. Unter den Top Ten taucht fünf Mal der Moos-Airport auf. So sollen auf der Strecke Hamburg–München 4400 Passagiere anspruchsberechtigt sein, Düsseldorf–München 4100, Berlin-Tegel–München 3100. München–Düsseldorf 2600 und München–Hamburg 2300. Ausgewertet wurden dabei alle Flüge zwischen 1. Januar und 30. November.

Und genau für diese Reisenden interessiert sich AirHelp, denn ab einer bestimmten Verspätungszeit oder bei Flugausfällen steht ihnen eine Entschädigung zu. Je länger die Verzögerung, desto mehr Geld gibt es zurück. AirHelp zitiert dabei die Europäische Kommission, der zufolge nur 20 Prozent der Berechtigten ihre Ansprüche geltend machten – für juristische Dienstleister ein fruchtbarer Boden.

„Leider ist noch immer die überwältigende Mehrheit der Reisenden nur wenig über ihre Rechte informiert. Dies gilt vor allem für Passagiere, die eine Annullierung erleben“, erklärt Leininger. Häufig werde fälschlicherweise angenommen, die Fluggesellschaft schulde dem Passagier hier lediglich die Rückerstattung des gekauften Tickets. „Jedoch können Fluggäste im Falle einer plötzlichen Annullierung eines Fluges, die von der Fluggesellschaft verschuldet wurde, die Rückerstattung ihres Tickets oder einen alternativen Flug und zusätzlich eine finanzielle Entschädigung verlangen“, so der Rechtsexperte.

AirHelp und andere Anbieter machen es den Passagieren dabei leicht. Sie übernehmen die gesamten Ansprüche, bezahlen dem Auftraggeber eine Entschädigung und versuchen dann, bei Gericht die Entschädigung einzuklagen.

Diese Fälle landen oftmals am Amtsgericht Erding. Das ist für den Flughafen München zuständig. Hier werden aber auch andere Verstöße gegen die Europäische Fluggastrechteverordnung ausgefochten. Es reicht, dass eine Verbindung über den Moos-Airport geführt hat. Die Erdinger Justiz ertrinkt seit Jahren in einer Flut an Zivilklagen gegen Airlines.

An sich regelt EU-Recht sehr genau, wie viel Ausgleich einem Passagier bei Verspätung oder Annullierung zusteht. Gestritten wird aber oft um die Ursache. Denn nur wenn die Fluggesellschaft die Verzögerung zu verantworten hat, ist sie regresspflichtig. Das kann dazu führen, dass Wetterkarten zu Beweismitteln werden. Am Amtsgericht hoffte man nur kurz, dass Corona die Prozessflut eindämmen würde. Jetzt scheint sie wegen der zahlreichen Ausfälle eher noch anzuschwellen.

ham

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