Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter
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Von der Corona-Impfaktion am Münchner Flughafen ist Oberbürgermeister Dieter Reiter nicht begeistert.

Trotz Mangel in Deutschland

Luxushotel aus Italien fliegt über 100 Angestellte zur Impfung zum Flughafen München - Reiter reagiert empört

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Ein Tagestrip nach München für eine Biontech-Impfung: Genau das soll ein Luxushotel aus Sardinien seiner Belegschaft ermöglicht haben. Die Impfaktion fand auf dem Flughafen-Gelände statt.

Update vom 11. Juni, 14.46 Uhr: Die Corona-Impfung von Angestellten eines italienischen Luxushotels auf dem Gelände des Münchner Flughafen sorgt für große Aufregung. Stattgefunden haben soll die spezielle Impfaktion im dort angesiedelten Hilton-Hotel. Nun gibt es erste öffentliche Reaktionen.

Nach Corona-Impfaktion am Münchner Flughafen: Staatsanwaltschaft eingeschaltet - Impfstoff-Herkunft weiter unklar

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) prüft inzwischen - nach eigenen Angaben - ein mögliches Fehlverhalten. Auch die Landesärztekammer wurde gebeten, mögliche berufsrechtliche Verstöße zu überprüfen. Ebenso ist die Staatsanwaltschaft über den Vorfall informiert. Nach Informationen der KVB soll ein an der Impfaktion beteiligter Arzt eine Kassenzulassung haben. Der Fall werde daher von der Geschäftsstelle für Fehlverhalten im Gesundheitswesen geprüft, berichtet KVB-Sprecher Axel Heise. „Wir wissen auch nicht, was da gelaufen ist.“ Er bezeichnete das Geschehen als „eigenartig“.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zeigt sich von dem Vorfall ebenfalls alles andere als begeistert: „Es würde schon Sinn machen, die Impfreihenfolge einzuhalten, die gibt es aus gutem Grund. Wenn die Prioritäten nicht eingehalten werden, führt das zu Verdruss bei Leuten, die lange auf eine Impfung warten und auch mehr Berechtigung dafür haben“, äußert er sich gegenüber der SZ.

Corona: Gruppen-Impfung auf Flughafengelände - Hilton Hotel hält sich bedeckt

Nach wie vor ist nicht geklärt, woher der bei der Aktion verwendete Biontech-Impfstoff stammt. Eine Sprecherin des Ministeriums in München erklärte, dass die Staatsregierung nur für die staatlichen Impfzentren im Freistaat zuständig sei. Es gebe keine Kompetenzen bezüglich eines italienischen Unternehmens. Abgesehen davon sei es nicht möglich, die Herkunft von Impfstoff, der von einer Arztpraxis genutzt wurde, zu ermitteln. Doch für das Ministerium liegt der Verdacht nahe, dass der Impfstoff über eine Apotheke angeliefert wurde. Denn in Deutschland werde der vom Bund bestellte Impfstoff über den Großhandel und die Apotheken verteilt, erklärt die Ministeriumssprecherin.

Nicht zu dem Vorfall äußern, möchte sich hingegen das Hilton Hotel. Gegenüber der SZ wird lediglich klargestellt, „dass uns keine zukünftigen Buchungen dieser Art in unseren Managed Hilton Hotels in München oder anderen Destinationen in Deutschland bekannt sind“.

Ursprünglicher Artikel vom 11. Juni, 11.52 Uhr:

Flughafen München - Auch wenn es mit der Impfkampagne vorangeht: Nach wie vor warten immer noch unzählige Bayern auf ihre Corona-Erstimpfung. Umso unglaublicher klingt ein Vorfall, der sich am Airport Hotel Hilton am Münchner Flughafen abgespielt haben soll: Die Luxus-Urlaubsanlage Forte Village aus Sardinien ließ seine gesamte Belegschaft nach München einfliegen. Dort erhielten die über 100 Angestellten eine Biontech-Impfung. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Flughafen München: Corona-Impfaktion für Hotelangestellte aus Italien

Abgespielt haben soll sich das ganze bereits am 21. Mai. Hintergrund des ungewöhnlichen Betriebsausflugs: Angeblich das Wohl und die Sicherheit der Gäste, die in der Ferien-Ressort bis zu 20.000 Euro für eine Woche Urlaub hinblättern. Wie aus einer Pressemitteilung hervorgeht, wolle das Hotel ihnen „einzigartige Ferien im völligen Respekt der eigenen Gesundheit und der aller anderer ermöglichen“. Gesagt, getan. Vom sardinischen Flughafen Cagliari aus machte sich das gesamte Resort-Team auf den Weg in die bayerische Landeshauptstadt, „wo ihm der Impfstoff Biontech-Pfizer verabreicht wurde“, zitiert Spiegel die PR-Notiz.

Wie genau dieser fragwürdige Impftourismus ablief, schildert Ressortmanager Domenico Bagala dem italienischen Fernsehsender Rai. „Um 9 Uhr haben wir den Flieger in Cagliari genommen, um 11 Uhr waren wir in München, um 12.30 Uhr war alles schon vorbei. Pause mit bayerischem Bier. Um 17 Uhr sind wir mit unserem Impfnachweis nach Cagliari zurückgereist.“ Nicht einmal das Flughafengelände mussten die italienischen Tagesgäste verlassen: Den exklusiven Pieks gab‘s im Hotel Hilton Munich Airport, dass sich zwischen den Terminals 1 und 2 befindet. Geplant war in München laut dem Manager wohl erst mal nur die erste Impfung.

Corona in Bayern: Gruppenimpfung für Italiener - Münchner Arzt impft mit Biontech

Ausgeführt wurde die Corona-Impfaktion von Dr. Udo Beckenbauer, Inhaber von Arztpraxen in München und am Tegernsee. Im Gespräch mit der italienischen Journalistin Francisca De Canadia stellt der Mediziner klar: „Egal, ob Sie aus Italien oder Russland kommen, wenn Sie bei mir Patient würden, könnte ich Sie impfen.“ Auch über die Zusammenarbeit mit dem Luxushotel äußerte sich Beckenbauer.

„Es gab einen Vertrag. Nicht mit mir, sondern mit jemand anderem. Ich habe gefragt, ob es erlaubt sei. Sonst hätte ich es nicht gemacht.“ Der Impfstoff sei „von dritter Seite zur Verfügung gestellt worden“, erzählt Beckenbauer der SZ. Für seinen Impfeinsatz hat der Arzt angeblich kein Honorar erhalten. „Meine ärztlichen Dienstleistungen sind nicht berechnet worden.“

Ein Geheimnis bleibt hingegen, wer der deutsche Geschäftspartner der Flughafen-Impfaktion ist. Zur geschäftlichen Abwicklung verrät Balaga nur soviel: „Wir haben eine kommerzielle Vereinbarung geschlossen (...). Der Kauf von Kitteln, von Handschuhen, wir haben den gesamten Service bezahlt.“

Corona-Impfung für Gäste aus dem Ausland: Bayerisches Gesundheitsministerium äußert sich

Doch wie kann es sein, dass Tagestouristen aus Italien eine Biontech-Impfung in München erhalten, während unzählige Einheimische sehnlichst auf einen Impftermin warten? Und dürfen ausländische Besucher in Deutschland überhaupt geimpft werden? Eine Nachfrage vom Spiegel an das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege liefert zumindest die Antwort auf zweite Frage: „Anspruch auf Schutzimpfung haben Personen, die in Deutschland in der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung sind bzw. ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland haben.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Großteil der Hotelangestellten in diese Kategorie zählt - eher unwahrscheinlich. Zum Thema Corona-Impfung durch bayerische Ärzte an ausländischen Besuchern äußert sich ein Sprecher der Bayerischen Ärztekammer folgendermaßen: „Grundsätzlich gilt: Die niedergelassenen bayerischen Ärztinnen und Ärzte impfen Patientinnen und Patienten gemäß den Vorschriften der CoronaImpfV“. Hierin sind unter anderem die Impfpriorität, die Terminvergabe und die Finanzierung festgelegt.

Eine Recherche der SZ ergab: Nach eigenen Aussagen weiß das bayerische Gesundheitsministerium nichts von dem Vorgang. Seine allgemeine Erklärung dazu: „Es wurde den Ärzten überlassen, Priorisierungsentscheidungen nach ordnungsgemäßer ärztlicher Ermessensausübung selbst zu treffen.“ Viele Fragen zu der ungewöhnlichen Impfaktion bleiben weiter offen. Eines steht jedoch fest: Das Hotel-Management freut sich über die gelungene Impfaktion: „Wir glauben, dass diese Investition das Beste ist, was getan werden kann“, heißt es in dem Rai-Fernsehbeitrag.

Noch mehr Nachrichten rund um den Münchner Flughafen lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Erding-Newsletter. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA (kof)

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