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„Es macht immer noch Spaß“

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Von: Hans Moritz

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Seit zwei Jahren ist Jost Lammers (54) Flughafenchef - und seither fast nur Coronakrisenmanager. © Bauersachs Peter

Als Jost Lammers (54) vor ziemlich genau zwei Jahren an den Flughafen München kam, übernahm der Flughafenchef von Michael Kerkloh ein top bestelltes Haus – mehr als ein Dutzend Bauprojekte und 48 Millionen Fluggäste. Nach zwei Monaten im Amt kam Corona. Seither kennt Lammers nur eins: Krise, Corona-Krise. Sie dominierte auch das traditionelle Jahresinterview mit unserer Zeitung.

Herr Lammers, die gleiche Frage wie vor einem Jahr: Sie kennen im Erdinger Moos nur Krise. Macht’s immer noch Spaß?

Ja, es macht immer noch Spaß. Ich fühle mich hier unverändert wohl, auch wenn die Zeiten noch immer sehr herausfordernd sind. Aber das, was wir im Corona-Jahr zwei erreicht haben, ist deutlich besser als 2020 – und wir sind hoffnungsvoller. Die Luftfahrt hellt sich ja auch wieder auf.

Wir haben drei Lockdowns hinter uns und stehen möglicherweise vor einem vierten. Was hat sich geändert?

Die größte Veränderung ist, dass wir seit ziemlich genau einem Jahr einen Impfstoff haben und signifikante Verbesserungen sehen. Trotz der Lockdowns zwei und drei hatten wir die Gewissheit: Der Impfstoff ist da, es geht voran. Und dann ging es im Sommer auch voran, wir hatten wirklich vielversprechende Zahlen. Das dritte Quartal war mit fünf Millionen Passagieren hervorragend. Das hat gezeigt: Die Menschen wollen fliegen – und sie tun dies auch, wenn die pandemische Lage dies zulässt.

Was heißt das in Zahlen?

Wir werden heuer über zwölf Millionen Passagiere abgefertigt haben. Das ist – leider – nur ein bisschen besser als vor einem Jahr, als es elf Millionen waren. Da darf man aber nicht vergessen, dass das erste Quartal 2020 noch kaum von der Pandemie belastet war. Natürlich sind wir weit vom Vor-Corona-Niveau entfernt, 2019 waren es 48 Millionen Passagiere. Aber wenn man bedenkt, dass wir im ersten Halbjahr 2021 gerade mal etwas mehr als zwei Millionen Fluggäste hatten, dann sieht man, wie gut sich die zweite Hälfte entwickelt hat. Allerdings belastet uns nun die vierte Welle und ganz aktuell Omikron.

Wie sieht es bei der Kurzarbeit aus?

Wir hatten lange Zeit über 70 Prozent. Im Sommer sind wir auf 20 bis 30 Prozent runter, mehr Arbeit war da, die Leute wurden gebraucht.

Ändert sich das jetzt wieder?

Das ist nicht geplant. Zum einen haben wir große Spitzen im Flugverkehr, zum anderen haben wir Mehrarbeit, um in der Pandemie die Hygienekonzepte zu gewährleisten. Wir brauchen mehr Platz, um die Passagierströme zu entzerren. Deswegen haben wir den Terminal-2-Satelliten teilweise wieder geöffnet. Vor allem im USA-Verkehr sind die Sicherheitsanforderungen und Sonderkontrollen umfangreicher. All das braucht Personal. Das ist nicht immer auskömmlich, aber wir wollen Sicherheit und Komfort bieten.

Befürchten Sie neuerliche Einschnitte durch die Omikron-Variante?

Wir sehen leider wieder Beschränkungen und Quarantäne-Anordnungen. Das betrifft etwa die Flüge aus Südafrika, neuerdings auch die aus Großbritannien. Gut ist: Reisen ist weiter möglich, aber die Restriktionen sind enorm. Das wirkt sich natürlich aufs Buchungsverhalten aus.

Wer kommt denn jetzt noch aus Südafrika, wenn er weiß, dass er zwei Wochen in Quarantäne muss?

Das sind vor allem Rückkehrer, also Deutsche und Europäer, sowie Umsteiger.

Glauben Sie, dass es noch einmal einen Lockdown mit Reiseverboten gibt?

Es wäre sehr wichtig, ohne Verbote auszukommen. Da bin ich aber optimistisch. Wichtig ist weiterhin eine starke Rolle der EU im Hinblick auf Standardisierung und Harmonisierung.

Wie beurteilen Sie das Weihnachtsgeschäft?

Wir erwarten in den Weihnachtsferien knapp 10 000 Flüge und etwas weniger als eine Million Passagiere. Vor der Pandemie hatten wir etwa doppelt so viele. Man muss aber auch die Entwicklung der letzten zwölf Monate sehen: Im Januar 2021 waren es nur 200 000 Reisende, im Februar 100 000. Da stehen wir jetzt zu Weihnachten deutlich besser da.

Wie entwickelt sich der USA-Verkehr, der seit September wieder möglich ist?

Die Öffnung hat dem Transatlantikverkehr ganz wichtige Impulse geliefert. Jetzt werden wieder 14 nordamerikanische Destinationen ab München bedient, alle US-Gesellschaften sind zurückgekommen. Aber die Wintermonate sind immer schwierig, und die vierte Welle sowie Omikron dämpfen im Augenblick zusätzlich die Nachfrage. Deswegen ist die Auslastung momentan nicht so gut. Aber Richtung Ostern nehmen die Buchungen schon wieder zu, Lufthansa stationiert zusätzliche Flugzeuge, es gibt neue Strecken.

Die Deutsche Flugsicherung sieht aber schon wieder ein Ende des Aufschwungs.

Die kommenden Monate werden schwierig sein, weil saisonale und pandemiebedingte Effekte zusammenkommen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Märkte, die schon wieder sehr gut funktionieren, etwa der Reiseverkehr in die Türkei und nach Spanien. Entscheidend ist für mich, dass wir den Tiefpunkt der Krise definitiv überwunden haben und dass der Verkehr im Laufe des kommenden Jahres aller Voraussicht nach deutlich zulegen wird. Die traurigen Bilder aus den Anfängen der Pandemie gehören endgültig der Vergangenheit an. Ich hoffe, dass es ein einmaliges Erlebnis bleibt, so viele geparkte Flugzeuge auf den Vorfeldern sehen zu müssen. Das war wirklich schockierend.

Sie haben unlängst in einem Interview die dritte Startbahn wieder ins Spiel gebracht. Was ist da los?

Das war ein sehr langes Interview, breiter publik geworden ist nur ein Satz. Tatsache ist: Da gibt es nichts Neues, die dritte Startbahn ist zur Zeit kein Thema. Wir wollen bis 2024 unser Vorkrisenniveau wieder erreichen, und das ist eine große Herausforderung. Wir betreiben hier eine für den Freistaat und das Land sehr wichtige Infrastruktureinrichtung, die mittel- und langfristig weiterentwickelt werden muss. Aber wie gesagt: Der Ausbau beschäftigt uns derzeit nicht.

Es heißt immer, Corona habe das Geschäftsreiseverhalten verändert. Haben Sie das gemerkt?

Wir fanden es sehr ermutigend, dass nach den Sommerferien die Zahlen nicht wieder nach unten gegangen sind, im Gegenteil. Wir haben von Unternehmen oftmals gehört, dass sie Dienstreisen wieder erlauben.

Wie war es bei Ihnen?

Ich habe nie aufgehört zu reisen. Mir war es wichtig, unsere Schlüsselkunden zu besuchen. Ich war früh in den USA und Kanada, um mit unseren Airlinekunden eine zügige Wiederaufnahme von Flugverbindungen zu diskutieren. Zusammen mit unserem Aviation-Team haben wir viel Vertriebsarbeit geleistet. Dabei habe ich erlebt, dass andere Länder die Krise schon viel stärker hinter sich gelassen haben. Es hat mich gefreut, zu hören, dass wir die ersten und einzigen waren, die persönlich gekommen sind. Auch ich ziehe eine persönliche Begegnung einer Videokonferenz immer vor.

Der Südring ist fertig, der Bahntunnel auch, aber außerhalb passiert bei der Infrastruktur wenig. Ärgert Sie das?

Ich finde, 2021 hat sich einiges gut sortiert und entwickelt. Mit dem Nachbarschaftsbeirat, den Umlandgemeinden und dem Verkehrsministerium haben wir kleine, aber wichtige Schritte gemacht und festgelegt, was in den nächsten Monate und Jahren erreicht werden sollte. Es war auch richtig, mit der Lufthansa und der Deutschen Bahn eine Task Force gegründet zu haben. Indem wir Kräfte bündeln, erzeugen wir mehr Schubkraft.

Der ICE-Anschluss ist wieder im Gespräch. Wie wichtig ist er für den Flughafen?

Sehr wichtig. Das war auch eine bittere Lehre der Krise: Ohne Fernbahnanschluss hatten und haben wir einen enormen strategischen Nachteil gegenüber unseren Wettbewerbern. Als die Flüge runtergefahren wurden, fehlten uns die Umsteiger- und Zubringerverkehre über die Schiene besonders. Wir hätten mit einer effizienten Fernbahnanbindung sicher mehr Passagiere gehabt.

Ist die Bahn aber nicht auch Konkurrent?

Im Sinne der Intermodalität ist sie für uns zunächst einmal eine wichtige Ergänzung. Und wenn die Bahn den Ultrakurzstreckenverkehr – also etwa Flüge nach Nürnberg – ersetzt, haben wir damit als Flughafen überhaupt kein Problem. Aber Kurzstrecken kann ich nun einmal nur auf die Schiene verlagern, wenn es dort ein Angebot gibt.

Apropos Grünes Fliegen: Wie läuft der Absatz regenerativen Flugbenzins?

Wir setzen uns als Flughafen für die Dekarbonisierung des Luftverkehrs ein, emissionsarme Treibstoffe sind da ein wichtiger Hebel. Deshalb haben wir im Juni unser Tanksystem nach eingehender Überprüfung für Sustainable Aviation Fuel freigegeben. Über Liefermengen kann ich noch nichts sagen, wir stehen bei dem Thema noch am Anfang. Aber wir werden Airlines, die SAF tanken wollen, fördern, indem wir etwa Anreize bei den Nutzungsentgelten schaffen.

Wie sieht es mit alternativer Fliegerei aus, etwa Flugtaxis – rüstet sich der Münchner Flughafen für dieses Segment?

Damit beschäftigen wir uns schon länger. Wir sind im Hinblick auf die sogenannte Urban Air Mobility herstelleroffen und -unabhängig, sprechen hier also mit vielen potenziellen Partnern. Bei uns soll jeder landen können, sofern das Angebot passt und sich in die bestehende Infrastruktur integrieren lässt. Da geht es beispielsweise um die Bereitstellung von Strom und Ladeinfrastruktur. Wichtig ist auch, welches Businessmodell für unseren Flughafen in Frage kommt – also die Frage, ob es zum Beispiel eher um Umsteiger aus anderen Regionen oder um Zubringer aus München geht.

Glauben Sie, dass es Ihnen die Grünen in der Bundesregierung eher schwerer machen werden?

Was ich im Koalitionsvertrag gelesen habe, stimmt mich sehr zuversichtlich. Besonders gefreut hat mich die hohe Bedeutung, die der Schienenanbindung der Drehkreuzflughäfen zugemessen wird. Wichtig ist, dass keine Regeln erlassen werden, die unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt schwächen.

Die Grünen wollten die Kurzstrecken ja auch schon mal verbieten.

Ich denke, dass dieses Thema inzwischen differenzierter diskutiert wird. Mit Verboten schafft man es nicht, das Fliegen grün(er) zu machen. Der Feind ist nicht die Luftfahrt, sondern das CO2. Da sind wir in Europa mit unseren Technologien sehr gut aufgestellt. Wir haben die Innovationen und das Ingenieurswissen, nachhaltiges Fliegen auf den Weltmarkt zu bringen. Das ist eine Riesenchance. Wir müssen bei uns anfangen, sonst fängt keiner an. Und es wäre auch niemandem damit gedient, wenn die Verkehrsströme über den Bosporus oder den Arabischen Golf ausweichen. Damit wäre dem Klima erst recht nicht geholfen.

Was konnten Sie 2021 an Projekten abschließen?

Wir haben den Bahntunnel für den Erdiger Ringschluss fertiggestellt, der LabCampus kommt gut voran, die ersten Gebäude sind im Entstehen. Es gibt auch Projekte, die man kaum sieht, etwa ein Testareal für autonomes Fahren. Dann investiert DHL bei uns in ein neues Frachtgebäude eine zweistellige Millionensumme. Insgesamt haben wir in der Pandemie gezeigt, dass wir auch als Umschlagplatz für Luftfracht sehr gut funktionieren, vor allem bei hochwertigen Produkten.

Was ist der Sachstand bei der Terminal-1-Erweiterung?

Der neue Flugsteig ist unser größtes Projekt. Aber in der Krise haben wir natürlich geschaut, in welchem Tempo wir hier vorankommen. Wichtig ist, dass das Gebäude bald dicht ist. Der weitere Ausbau orientiert sich dann am Bedarf, sprich der Entwicklung des Flugverkehrs.

München verweigert Ihnen Finanzhilfen. Deshalb müssen Sie auf über 250 Millionen von Stadt, Bund und Land verzichten. Ärgert Sie das?

Natürlich wäre diese Finanzhilfe angesichts der enormen pandemiebedingten Verluste hilfreich gewesen. Aber wir haben durch unser eigenes Krisenmanagement viel erreicht. Wir waren ja zuvor nur Wachstum gewohnt, konnten dann aber auch in der Krise unsere wirtschaftliche Stabilität wahren. Es macht mich stolz, dass wir es aus eigener Kraft geschafft haben und schaffen. Für mich ist wichtig: Wenn es hart auf hart käme, könnten wir uns auf die Hilfe aller drei Gesellschafter verlassen.

Die gleiche letzte Frage wie voriges Jahr: Wie feiern Sie Weihnachten und Silvester?

Wir fahren zum Familienbesuch ins Ruhrgebiet und feiern im kleinen Kreis. Danach geht es eine Woche nach Südtirol – einfach mal nichts tun.

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