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„Da muss man schon einen kühlen Kopf bewahren.“ Flughafenchef Michael Kerkloh vor wenigen Tagen im Münchner Presse-Club. Als Klimakiller Nummer 1 will er seine Branche nicht an den Pranger gestellt sehen.  

Klimaschutz und dritte Bahn: Kurz vor der Rente spricht Michael Kerkloh erst recht Klartext

Mister Flughafen sortiert sein Erbe

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Allzu viele Gelegenheiten hat Michael Kerkloh nicht mehr, um in offizieller Funktion für die Luftfahrt im Allgemeinen und für „seinen“ Flughafen München im Besonderen zu werben. Wenn der 66-Jährige zum Jahresende in Ruhestand geht, wird er 17 Jahre lang unbestritten erfolgreich die Geschicke von Deutschlands zweitgrößtem Flughafen gelenkt haben. Zuvor hatte er an den Airports Frankfurt und Hamburg Verantwortung getragen.

Flughafen - Deswegen war der Termin im Presse-Club in München nicht die gewohnte Routine, die FMG-Halbjahresbilanz vorzustellen. Hoch über dem Marienplatz wurde deutlich: Dieser Mann beginnt, sein Erbe zu sortieren. Es war nicht zu überhören: Fünf Monate vor dem Ausscheiden muss Kerkloh erst recht kein Blatt (mehr) vor dem Mund nehmen.

In Zeiten der Fridays-for-Future-Demos werden viele Blätter vor den Mund genommen, wenn es ums Fliegen geht. Sogar ein eigenes Wort gibt es schon dafür – „Flugscham“. Nein, Kerkloh schämt sich für sein Metier nicht. Im Gegenteil, seine letzte Bilanz-Pressekonferenz nutzte er nicht zuletzt, um die Doppelzüngigkeit der Luftverkehrsdebatte herauszuschälen. Und er verwies auf die vielfältigen Unternehmungen, um die Fliegerei klimaschonender zu machen.

Mag die Flugscham in aller Munde sein – die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Von wegen Zurückhaltung: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind im Erdinger Moos genauso viele Menschen gestartet und gelandet wie im gesamten Jahr 2000. Das Wachstum auf 22,74 Millionen Passagiere – das bedeutet einen weiteren Rekord – betrug 4,8 Prozent binnen eines Jahres. Bei den Flugbewegungen ging es ebenfalls bergauf – um 2,8 Prozent auf 204 800.

Im Presse-Club erweckte Kerkloh den Eindruck, er traue diesen Zahlen selbst nicht so ganz. „Dieser Anstieg ist auch deshalb bemerkenswert, weil die freien Kapazitäten für weitere Slots an unserem Airport mittlerweile weitgehend erschöpft sind.“ Jede zusätzliche Verbindung verschärfe die Kapazitätsengpässe. Deswegen glaubt er „an ein Ende des Wachstums bei den Flugbewegungen“. Zuwächse beim Passagieraufkommen würden dann nur noch begrenzt über den Einsatz größerer Flugzeuge möglich sein.

Etwas Luft nach oben ist hier aber noch. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat gerade erst verkündet, zusätzlich zu den fünf Münchner Airbus A 380 zwei weitere Typen der weltweit größten Passagiermaschine von Frankfurt nach München zu verlegen. Auch bei der bis jetzt 15 Maschinen umfassenden Münchner A 350-Familie der Lufthansa ist Kerkloh guter Dinge, dass ein paar von den zehn zusätzlich bestellten Flugzeugen in München stationiert werden.

Wenn Kerkloh das Wort Kapazität in den Mund nimmt, ahnt man, was kommt: Wie ein wild entschlossener Jungspund kämpft der 66-Jährige um sein ganz großes Projekt, von dem er weiß, dass er es als aktiver Luftfahrtmanager nicht mehr erleben wird: die dritte Start- und Landebahn im Nordosten des Moos-Airports. „Für uns bleibt die dritte Bahn, die im Augenblick aufgrund des bestehenden Moratoriums nicht realisiert werden kann, ein zentrales Zukunftsprojekt, das zur Befriedigung des Mobilitätsbedarfs dringend gebraucht wird.“

Bedarf scheint in der Tat vorhanden zu sein. Die Lufthansa nimmt seit heuer neu Kurs auf Osaka und Bangkok. Im Dezember kommt auch Sao Paulo in den Kranich-Flugplan. American Airlines fliegt neuerdings nach Dallas.

Flugscham? Eher nicht, der große Wachstumstreiber am Drehkreuz des Südens ist der Interkontinentalverkehr. Das Passagieraufkommen ist im ersten Halbjahr 2019 um 10,6 Prozent gestiegen, im Europaverkehr waren es plus 4,5 Prozent. Der viel geschmähte Deutschlandverkehr geht bundesweit unterm Strich eher zurück.

In der Klimaschutzdebatte hat die Fliegerei einen schlechten Stand. Da wirft sich Kerkloh für die gesamte Branche in die Bresche. Wer behaupte, der Luftverkehr sei der Klimakiller Nummer 1, dem bescheidet der Flughafenchef, „Unsinn“ zu reden. Denn der Anteil dieses Wirtschaftszweiges am CO2-Ausstoß betrage gerade einmal zwei bis drei Prozent. „Da muss man schon einen kühlen Kopf bewahren und sich mit den Fakten beschäftigen“, meint er – und unterschlägt dabei geflissentlich, dass dieses CO2 in besonders sensiblen Luftschichten emittiert wird.

Dabei sucht Kerkloh gar nicht den Konflikt mit den Klimaschützern. Im Gegenteil, er gibt ihnen recht. „Die Luftverkehrsbranche wird langfristig nur dann eine Chance haben, wenn sie schrittweise gar kein CO2 mehr ausstößt.“

Dass der Münchner Flughafen bis 2030 klimaneutral sein will – zu 60 Prozent mit entsprechenden Projekten und zu 40 Prozent durch Zertifikatehandel – ist hinlänglich bekannt.

Als letzte Amtshandlung als Chef der Vereinigung der europäischen Flughäfen ist es Kerkloh erst vor wenigen Tage drüber hinaus gelungen, 190 Airportchefs davon zu überzeugen, bis 2050 komplett klimaneutral zu sein. „Net Zero Carbon 2050“ heißt das Programm.

An diesem Punkt melden sich regelmäßig die Skeptiker zu Wort. Es sei ja löblich, dass die Airports klimaneutral werden wollten, das Problem seien aber die Flugzeuge selbst. Kerkloh vertraut da auf die Forschung: „Wir wissen, dass die Versorgung des Luftverkehrs mit nachhaltigem Kraftstoff mittelfristig ein realistisches Ziel ist.“ Die Technologien gebe es bereits: CO2 könne als Rohstoff verwendet und mithilfe nachhaltiger Energien, etwa Windkraft, in synthetisches Kerosin verwandelt werden. Sein Rat an die Politik: Die Luftverkehrssteuer sollte für die Erforschung und Erprobung neuer Technologien verwendet werden. „Ökologisch hat sie derzeit keinerlei Lenkungswirkung.“

Von Flugverboten oder individuellen Reglementierungen, wie sie etwa den Grünen vorschweben, hält „Mister Airport“ nichts. „Das ist keine tragfähige Option für eine vernetzte Weltgemeinschaft.“ Und wird fast romantisch. Ja, der Luftverkehr produziere Emissionen. „Genauso produziert er aber auch kulturellen Austausch, menschliche Begegnungen und wirtschaftliche Zusammenarbeit in einer globalen Dimension.“ Luftverkehr stehe für „Weltoffenheit, Arbeitsplätze und Wohlstand“.

Wenn sich Kerkloh daran macht, sein Erbe zu sortieren, dann gehört dazu auch das Umland. Prügel bezog er nicht nur für seine Startbahn-Pläne. Immer wieder stand der Airport am Pranger wegen schlechter Bezahlung, einer viel zu hohen Leiharbeiterquote sowie dem enormen Druck auf das Umland durch das rasante Wachstum mit immer mehr Zuzug.

Pünktlich zu seinem letzten Amtsjahr ist die neue Beschäftigtenerhebung herausgekommen. Seit 2015 wurden am Flughafen 3370 neue Arbeitsplätze geschaffen, im Schnitt sind das drei zusätzliche Jobs pro Tag. Die Lufthansa hat als Nummer eins um 2400 auf 13 100 Beschäftigte zugelegt, die FMG als Zweite um 1000 auf 9700 Angestellte. Insgesamt verdienen 518 Firmen am Campus ihr Geld.

87 Prozent – das ist für Kerkloh ein wichtiger Wert, um Kritiker zu überzeugen. So hoch ist der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Jobs. Bundesweit beträgt der Mittelwert 74 Prozent. Nimmt man Beamte und Azubis dazu, sind es am Airport sogar 95 Prozent.

Mehr als ein Viertel arbeitet in Teilzeit – für Kerkloh ein Beleg für die Familienfreundlichkeit der Arbeitgeber. Jede vierte feste Anstellung in den Landkreisen Erding und Freising ist mit dem Flughafen verbunden. Seit 2015 sei das durchschnittliche Brutto-Jahreseinkommen um über zwölf Prozent von 46 700 auf 52 400 Euro gestiegen. Insgesamt wurden am Moos-Airport zwei Milliarden Euro an Löhnen und Gehältern ausbezahlt. In fünf Monaten wird Kerkloh aus dieser Statistik herausfallen.

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