Erst ein technischer Defekt, danach verängstigte Passagiere. Bei einem Flug nach Antalya ist so viel schiefgegangen, dass sich Reisende und Airline vor dem Amtsgericht Erding wieder trafen.

Kurioser Prozess vor dem Amtsgericht Erding

Ängstliche Passagiere blockieren Abflug

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Wer muss zahlen, wenn sich ein Flug wegen ängstlicher Reisender verzögert? Diese knifflige Frage musste das Amtsgericht Erding beantworten – und entschied verbraucherfreundlich.

Erding - Im Mittelpunkt der zivilrechtlichen Verhandlung stand ein Flug von München nach Antalya am 1. Juni vergangenen Jahres. Der landete in der Türkei nicht planmäßig um 17.55, sondern erst um 21.10 Uhr.

Dafür gab es zwei Ursachen: eine Stunde und 35 Minuten Verspätung gingen auf das Konto der Airline. Eine Motorkontroll-Lampe im Flieger hatte geleuchtet. Der Defekt musste behoben werden. Dieser Zwischenfall versetzte eine Familie in so große Sorge, dass sie nicht mitfliegen wollte. Bis sie aus der Maschine waren und das Gepäck wieder ausgeladen war, verstrich weitere wertvolle Zeit.

Vier Reisende zogen gegen die Fluggesellschaft vor Gericht und beriefen sich auf die Europäische Fluggastverordnung. Sie legt fest, wann und wie ein Passagier bei Verzögerungen entschädigt wird.

Die Fluggesellschaft berief sich darauf, dass sie keine schadensersatzpflichtige Schuld treffe. Denn jede der beiden Ursachen für sich genommen habe nicht zu einer Verspätung von mehr als drei Stunden geführt. Erst nach dieser Frist können Ansprüche geltend gemacht werden.

Das Amtsgericht Erding sah dies jedoch anders und sprach jedem der Vier 400 Euro zu. Die Verspätung sei nicht auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen. Technische Defekte des Flugzeugs stellten nämlich keine außergewöhnlichen Umstände dar. Sie seien durchaus beherrschbar.

Das Gericht bezog sich dabei auch auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Der BGH sagt, dass eine Panne zu bewerkstelligen sei, „wenn alle vorgeschriebenen oder sonst bei Beachtung der erforderlichen Sorgfalt gebotenen Wartungsarbeiten frist- und ordnungsgemäß ausgeführt wurden“.

Das Amtsgericht kam zu dem Schluss, dass beide Verspätungen zusammen gesehen werden müssten. Erst der technische Defekt habe bei einigen Passagieren Angstzustände hervorgerufen – und danach den Wunsch, die Reise nicht anzutreten.

Die Airline legte gegen die Entscheidung Berufung ein und argumentierte, Flugängste von Reisenden seien wie eine plötzliche Erkrankung von Passagieren von einer Fluggesellschaft nicht beherrschbar – und daher eben doch ein außergewöhnlicher Umstand, für den sie nicht einstehen müsse.

Die Berufung, berichtet Gerichtssprecher Dr. Stefan Priller, habe jedoch keinen Erfolg gehabt. Das Landgericht Landshut teilte sogar die Auffassung der Airline im Grundsatz. Anders sei dies jedoch, wenn die Flugangst durch einen technischen Defekt am Flugzeug unmittelbar ausgelöst werde. Wenn, wie vorliegend, die zunächst unauffälligen Passagiere erst durch einen technischen Defekt am Flugzeug in Flugangst versetzt worden seien und deshalb nicht mehr mitfliegen wollten, sei das Auftreten der Flugangst nicht außergewöhnlich gewesen. Die Fluggesellschaft zog ihre Berufung daraufhin zurück. Das Urteil ist somit rechtskräftig (Amtsgericht Erding, Az. 8 C 2378/16).

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