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Ritual zur Rückkehr: Das letzte Team von Navis und Apotheker ohne Grenzen stößt mit einem Bier an. Darauf, dass alle heil geblieben sind, und dass der härteste Einsatz in der Navis-Geschichte erfolgreich abgeschlossen ist.

Mission erfüllt: Navis beendet Philippinen-Hilfseinsatz

Haiti, Kenia und Pakistan waren schlimm. Doch eine Zerstörung wie auf den Philippinen hatten die Mitglieder der Moosburger Hilfsorganisation Navis noch nicht erlebt. Nach zehn Wochen im Katastrophengebiet ist der längste und härteste Einsatz des Vereins beendet.

Sie haben keine Chance. Kurz nachdem der Taifun das Dach der Schule von San Joaquin wegfliegen lässt, als wäre es aus Papier, schwappt eine Flutwelle von oben in das aufgerissene Gebäude. Alle Kinder, die im Schulhaus Schutz gesucht haben, ertrinken.

Es sind tragische Geschichten wie diese, die den Helfern von Navis erzählt werden, als sie Mitte November das Katastrophengebiet erreichen. Dazu kommt die Erschütterung beim Anblick der scheinbar grenzenlosen Zerstörung.

Aber die ehrenamtlichen Frauen und Männer sind nicht gekommen, um in Schockstarre zu verfallen. Sie möchten anpacken. Dem Volk schnellstmöglich ein normales Leben zurückgeben. Sie wollen helfen, wo sie können. Und so behandeln sie nicht nur 5700 Patienten und produzieren 225 000 Liter Trinkwasser, sondern bauen dem Schulhaus von San Joaquin auch ein neues Dach.

Alle warten auf Team 5

Es wirkt wie ein Familienfest, was die Navis-Leute bei jeder Rückkehr ihrer Teams am Flughafen zelebrieren. Aus allen Richtungen strömen auch an diesem Abend die Mitglieder zum Ankunfts-Gate. Der Flieger ist noch gar nicht da, aber es wird schon viel umarmt, gelacht, manche tragen die blaue Navis-Uniform. Alle warten auf Team 5. Die Willkommens-Blumensträuße füllen zwei Kofferkulis.

Wolfgang Wagner, der Navis-Vorsitzende, ist auch wieder gekommen. Während sich die übrigen Ehrenamtlichen ihre Erlebnisse aus früheren Einsätzen erzählen und sich in kleinen Grüppchen verteilen, versucht der 72-Jährige, die Ordnung zu wahren. Wenn gleich die Mannschaft aus dem Sicherheitsbereich schreitet, sollen schließlich alle zusammenstehen. Ein Einsatz – ein Verein – eine Gemeinschaft.

Wagner liebt das Organisieren. Er schaut auf die Uhr. An welcher Flughafen-Bar es heute den spätesten Ausschank für das Willkommens-Weißbier gibt, hat er längst in Erfahrung gebracht. Wenn die tapferen Helfer zurück auf bayerischem Boden sind, müssen sie auch entsprechend empfangen werden. „Würdig“ soll es sein, sagt Wagner. Seine Wertschätzung ist nicht gespielt. Er war selbst dabei, damals auf Haiti. Er weiß, wie viel die Rückkehr-Zeremonie den Helfern und ihren Familien bedeutet.

Nur 20 Prozent des Equipments kommt zurück

54 „Navisianer“ waren auf den Philippinen insgesamt dabei, dazu kamen noch elf Apotheker ohne Grenzen, die sich um die Medikamentenversorgung in den Navis-Zelten gekümmert haben. „Wir hätten sogar noch ein sechstes Team zusammengebracht“, sagt Wagner mit stolzem Lächeln. „Aber es hat sich herausgestellt: Die Infrastruktur in der Region ist von staatlicher Seite wieder stabilisiert, die große Not herrscht nicht mehr.“

Vom gesamten Material, das in das asiatische Land transportiert wurde, geht nur noch 20 Prozent zurück. Zelte, Werkzeug, medizinisches Verbrauchsmaterial – Dinge, die nach wie vor händeringend gebraucht werden, bleiben in San Joaquin. Je weniger zurückgeschifft werden muss, desto billiger. Das mobile Röntgengerät, das aus Spenden finanziert wurde und auf den Philippinen zum ersten Mal im Einsatz war, kommt natürlich wieder nach Moosburg: Es kostet 60.000 Euro. „Wir haben damit über 200 Menschen untersuchen können“, sagt Wagner.

Ein Wildfremder zieht 500 Euro aus dem Geldbeutel

Es sind Aussagen wie diese, die der Hilfsorganisation eine gewaltige Spendenbereitschaft eingebracht haben. Dass Navis nur aus Ehrenamtlichen besteht, gefällt den Leuten. Ihre Spenden kommen an – dafür hat Wolfgang Wagner schon in einem Radiointerview eifrig geworben.

„Sind Sie nicht der Herr aus der Bayern 1-Sendung?“, hat ein wildfremder Geschäftsmann Wagner gefragt, als der vor ein paar Wochen gerade Team 5 am Airbräu verabschiedete. „Ja, der bin ich“, sagte der Navis-Chef – und war baff: Der Reisende, ein Ingolstädter, zückte seine Brieftasche und drückte Wagner 500 Euro in die Hand. Als spontane Spende.

Den Bruder im Arm - mehr hat der Taifun nicht gelassen

Die Gruppe vor Gate C steht noch immer da und erwartet die Rückkehr der Kollegen. Viele arbeiten bei der Feuerwehr, der Einsatzpieper am Gürtel verrät sie. Jeder hat irgendeine Story vom eigenen Einsatz auf den Philippinen auf Lager. Die meisten handeln von Nächten mit wenig Schlaf und den ungewohnten klimatischen Bedingungen.

Einer erinnert sich an den philippinischen Jungen, der immer nur zuschaute, während die Navis-Helfer mit den anderen Kindern Fußball oder Basketball spielten. Der Bub hielt seinen kleinen Bruder im Arm. Sämtliche Versuche, den Älteren zum Mitspielen zu bewegen, schlugen fehl. Irgendwann erfuhren die Erwachsenen, wieso: Der Junge hatte in der Flut seine ganze Familie verloren. Sein Bruder war der einzige, der ihm noch geblieben war. Er wollte ihn einfach nicht loslassen.

„Sie kommen“, ruft einer. Und tatsächlich: Die Glastüre öffnet sich, und Team 5 schreitet heraus. Großer Applaus brandet auf. Das Willkommenskommitee besteht mittlerweile aus weit über 50 Leuten. Wagner steht schon da, mit den Blumensträußen in den Händen. Nachdem er jeden Ankömmling geherzt hat, jedem ein „Danke! Willkommen zurück!“ gesagt hat, steht er etwas abseits. Eine Last ist von ihm abgefallen. Kaum hörbar murmelt er: „Alle heil.“

Armin Forster

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