Kämpfen mit Witz und Engagement: Martin Oberprieler (l.) und Hartmut Binner.

50 Prozent Zuversicht, 500 Prozent Einsatz

Flughafen - Bei eisiger Kälte singen sich 500 Demonstranten warm für die nächste Etappe im Kampf gegen die dritte Startbahn. Seit gestern haben im Anhörungsverfahren im Unterschleißheimer Ballhausforum die Bürger das Wort.

Als Wolfgang Herrmann um acht Uhr morgens den Sarg aus dem Auto holt und sich das Namensschild „Kerkloh“ umhängt, ahnt er noch nicht, dass er eine halbe Stunde später dem Flughafenchef persönlich gegenübersteht. Gerade aber rüstet er sich mit seinen Freunden für den Trauermarsch. Ganz in schwarz gekleidet tragen sie die „Kulturstadt Freising“ zu Grabe. Wie schon bei den Demos in München wollen sie in Unterschleißheim auf plakative Art zeigen, wie schwer bis unmöglich das Leben für Tausende von Menschen in der Flughafenregion sein wird.

Gut 500 davon stehen vor dem Ballhausforum, in dem Uwe Büchner um 9.37 Uhr „die zweite Halbzeit“ des Anhörungsverfahrens zum Bau der dritten Startbahn anpfeifen wird. „Schaufenster der Argumente“, nennt das der Mann der Regierung von Oberbayern. Allerdings werde es nach dem „Ping Pong von Rede und Gegenrede“ keine Entscheidung geben. Die falle erst mit dem Planfeststellungsbeschluss, stellt Büchner noch mal klar.

Für Herrmann kann es dabei nur eine Entscheidung geben: kein Flughafenausbau. „Die Klima-Situation, das veränderte Bewusstsein der Leute – es wird Schluss sein mit der Turbo-Mentalität“, prophezeit der Mann, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der Freisinger Neuland-Siedlung lebt. Eine dritte Bahn würde für ihn bedeuten, „dass die Maschinen direkt über uns drüberfliegen“. Er müsste sein Haus verkaufen – „mit 150 000 bis 200 000 Euro Verlust“.

Ähnliche Sorgen treiben auch die meisten der anderen 500 Leute zur Demo bei bitterer Kälte. Ludwig Scharrer aber will sich selbst bei extremstem Fluglärm, und den befürchtet er, nicht aus Kirchdorf vertreiben lassen. Er hat sich hier mit einem Reifenservice eine Existenz aufgebaut. Ihm bleibe nur, zuzusehen, wie der Staat brav seine Steuern abbucht und zu hoffen, dass die Regierung doch noch zur Besinnung komme.

Ähnlich sieht es der Wartenberger Gerd Kohlhaas, der sich nach 30 Jahren in der Marktgemeinde nicht entwurzeln lassen will, oder das Ehepaar Igelspacher aus Röhrmoos, deren Haus genau in der Einflugschneise liegt und über deren Dach jetzt schon die Maschinen in 300 Meter Höhe donnern.

Frust ist aber bei den Demonstranten nicht zu spüren. Gemeinsam singen sie das Demo-Lied „Keine Vögel sind mehr da“, das der Kranzberger Rainer Pilz getextet hat. Sepp Raith und Otto Göttler zupfen dazu an der Gitarre und begleiten mit der Ziehharmonika.

Nach den Chancen gefragt, ob denn die Bahn noch zu verhindern sei, kommt fast immer ein „fifty-fifty“. So schätzt es auch Anneliese Reiter, die vier Kinder in Freising-Lerchenfeld großgezogen hat. „Und wenn die Bahn doch gebaut wird, dann höre ich vielleicht im Alter nicht mehr so gut“, flüchtet sie in Galgenhumor. Thomas Schwarz-Selinger hingegen sieht die Chancen für die Pistengegner seit der Landtagswahl eher gesunken. Schließlich seien nun die Fortschrittsgläubigen der FDP mit im bayerischen Regierungsboot. „Vor der Wahl hätte ich 75:25 gesagt, jetzt liegt‘s wohl wieder eher bei 50 Prozent“, sagt der 38-jährige Physiker aus Marzling und zieht seinen Parka tiefer ins Gesicht. Es ist bitter kalt, aber die hitzigen Wortgefechte werden folgen. Die ersten flamenden Reden haben gestern bereits Hartmut Binner, Helga Stieglmeier und ein Dutzend weitere Startbahngegner gehalten. Heute geht es weiter – zwar ohne Demo, aber nicht weniger engagiert. (pir)

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