Ein Jahr im Amt: die neue Vorsitzende des Nachbarschaftsbeirates, Christa Stewens.
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Ein Jahr im Amt: die neue Vorsitzende des Nachbarschaftsbeirates, Christa Stewens.

Vorsitzende Christa Stewens zieht nach ihrem ersten Jahr Bilanz

Nachbarschaftsbeirat: Steter Mahner gegen den Verkehrsinfarkt

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Seit einem Jahr ist Christa Stewens Vorsitzende des Nachbarschaftsbeirats (NB). Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht sie eine erste Bilanz.

Flughafen – Flughafen und Umland zusammenbringen, ein Austausch auf Augenhöhe – das war die Intention des früheren Wirtschaftsministers Otto Wiesheu, als er 2005 den Anstoß gab, einen Nachbarschaftsbeirat (NB) zu gründen. Hintergrund waren die damals aufkommenden Pläne, die dritte Start- und Landebahn zu bauen. Ausgerechnet dieses Projekt klammert der NB mittlerweile aus – weil die Vorstellungen über die Notwendigkeit einer weitere Piste zu weit auseinander gehen und der Streit darüber ein konstruktives Miteinander völlig unmöglich machen würde.

Gründungsvorsitzende war die frühere Präsidentin des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes, Edda Huther. Vor ziemlich genau einem Jahr hat sie das Ehrenamt an die frühere Gesundheits- und Sozialministerin Christa Stewens abgegeben. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht die 75-Jährige aus Poing eine erste Bilanz. Vier Mal tagte die Vollversammlung mit Vertretern von hundert Gemeinden aus sieben Landkreisen rund um den Moos-Airport. Hinzu kamen fünf Arbeitssitzungen.

Der Flughafen ist der Vollblutpolitikerin, die 2008 von Ministerpräsident Horst Seehofer allein aus Altersgründen aus dem Kabinett gekegelt wurde, bestens bekannt, unter anderem aus ihrer 34-jährigen Zeit im Gemeinderat Poing. „Zu Riemer Zeiten saß ich in der Fluglärmkommission, und als Ministerin hatte ich immer wieder mit dem Flughafen zu tun.“

Vor allem die Bodeninfrastruktur brennt der Kommunalpolitik auf den Nägeln. Schiene und Straße gelten als chronisch überlastet. Größter Meilenstein war 2020 eine Verkehrsresolution, die Stewens im Rahmen der Vollversammlung im September in Freising an Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer übergeben hat. Gefordert werden „schnelle, praktikable Lösungen mit spürbaren Entlastungen“. Im Bereich der Verkehrserschließung verlangt der NB „die zeitnahe Umsetzung dringlicher Maßnahmen“.

Dazu gehören für Stewens der Ausbau der Staatsstraße 2580 (Flughafentangente Ost) zwischen Erding und der A 92, der vierspurige Ausbau der B 301 bei Freising sowie der Bau der Nordumfahrung von Erding. Als vordringliche Schienenprojekte listet die Resolution neben dem Erdinger S-Bahn-Ringschluss und dem S-Bahn-Überwerfungsbauwerk am Flughafen eine Expressverbindung an den Münchner Hauptbahnhof, den Ausbau der Strecke München–Mühldorf–Freilassing einschließlich Walpertskirchener Spange sowie die Fernbahnanbindung des Münchner Flughafens auf. Diese Vorhaben stehen auch bei FMG-Chef Jost Lammers ganz oben auf der Agenda, wie er im Interview mit unserer Zeitung betont hat.

Themen im September-Gespräch mit Schreyer waren aber auch Radschnellwege, die Anbindung des Flughafens an die geplante B 15neu von Rosenheim nach Landshut sowie die Weiterführung des kommunalen Wohnraumförderprogramms des Freistaates.

Stewens weiß, dass selbst Resolutionspapiere geduldig sind, drei schlummern im Schreibtisch des NB. „Deshalb ist es wichtig, dass wir vor allem die Positionen zur Infrastruktur einmal jährlich auf den Prüfstand stellen und aktualisieren. „Nur dann werden unsere Forderungen auch ernst genommen“, ist sie überzeugt.

Froh ist die 75-Jährige, dass einige Projekte in Bewegung seien, etwa Ringschluss und FTO-Ausbau, die bekanntlich bereits in Bau sind. Die frühere Ministerin will dazu auch ihre „nach wie vor guten Kontakte in die Staatsregierung“ nutzen, nicht nur zu Schreyer, sondern auch zu Innenminister Joachim Herrmann sowie Finanzminister und FMG-Aufsichtsratschef Albert Füracker. „Wir kennen uns gut.“

Den NB hält Stewens für die „ideale Plattform, auf der sich das Umland vernetzen und über die Airport-Themen hinaus austauschen kann“. Ihr Motto lautet: „Im Dialog zum Konsens.“ Dabei lobt sie den Flughafen: „Die Zusammenarbeit ist sehr gut, es findet ein reger Austausch statt.“ So sei der NB frühzeitig von FMG-Chef Lammers über die Folgen der Corona-Pandemie in Kenntnis gesetzt worden. Auch Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr habe das Gremium über die Auswirkungen der Lockdowns offen informiert.

Die dritte Startbahn ist weiter kein Thema, es ist laut Stewens zu konfliktbeladen. Allerdings hat sie festgestellt: „Das Moratorium der Staatsregierung hat zu einer gewissen Erleichterung und Entspannung im Umland geführt.“

Dennoch bekomme die Region die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu spüren – durch Einbrüche bei der Gewerbe- und der Einkommenssteuer. „Das gegenseitige Verständnis ist dadurch sicher größer geworden“, ist die Ex-Ministerin überzeugt. Für sie ist das ein positiver Aspekt der Pandemie.

Die war es auch, die Stewens in ihrem Engagement gebremst hat. „Zwei Drittel der Mitglieder konnte ich schon besuchen. Zuletzt ging das leider nicht mehr.“ 2021 will die 75-Jährige das nachholen. Zwei Vollversammlung will sie im begonnenen Jahr abhalten – und prüfen, wie aktuell vor allem die Verkehrsresolution ist.

ham

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