„Da sträuben sich jedem Prognostiker die Nackenhaare“

Flughafen - Zwei friedlich spielende Kinder, zwei sich fetzende Wissenschaftler – Eindrücke vom zweiten Tag des Anhörungsverfahrens zur dritten Startbahn für Privatbürger.

Für Milena und Kira war das Ballhausforum gestern vor allem ein großer Spielplatz. Die beiden Zweijährigen tollten durch die Sitzreihen, während sich am Podium zwei Wissenschaftler fetzten.

Im Mittelpunkt stand die Bedarfsprognose. Dafür sorgte bereits der Leiter des Anhörungsverfahrens, Uwe Büchner. „Wenn kein Bedarf für eine dritte Bahn da ist, dann fällt das Ganze wie ein Kartenhaus zusammen“, sagte der Mann von der Regierung von Oberbayern, die letztlich über den Antrag der Flughafen München GmbH (FMG) entscheidet.

Das Prognosegutachten der Intraplan Consult GmbH beantworte diese Frage allerdings nicht, meinte Prof. Dr. Michael Besch. Der Kranzberger, der 1967 promoviert hat, warf Intraplan eine Methodik vor, „da sträuben sich jedem Prognostiker die Nackenhaare“. Statt mit unterschiedlichen Bandbreiten vom schlechtesten bis zum Bestfall zu arbeiten, „machen Sie Punktschätzungen. Das erweckt den Eindruck auf Auftragserfüllung“, beschuldigte Besch Intraplan, dem Auftraggeber FMG ein Gefälligkeitsgutachten erstellt zu haben. „Die Eingaben von noch so vielen Daten nützt nichts, wenn sie veraltet oder fehlerhaft ist“, sagte der Professor und zitierte seine amerikanischen Kollegen: „Shit in, shit out.“ Konkret bezog sich Besch etwa auf den Rohölpreis, der in den letzten drei Jahren um jeweils rund 50 Prozent gestiegen sei, im Gutachten gehe Intraplan aber laut Gutachten bis zum Jahr 2020 von einem konstanten Preis von 50 Dollar pro Barrel aus. Für Besch lässt sich dieser Preis nicht halten. „Und wenn sie das nicht halten können, dann können Sie Ihre ganze Prognose in den Papierkorb stecken“, sagte der Kranzberger in Richtung Sachverständige und beantragte eine neues „verlässliches Prognosegutachten über die Rohölpreisentwicklung und die Auswirkungen auf die Flugpreise“. Bis dahin solle das Planfeststellungsverfahren ausgesetzt werden.

Dr. Markus Schubert ärgerte sich über den „fast schon beleidigenden Vorwurf“, dass er unwissenschaftlich vorgehen würde“. Der Intraplan-Geschäftsführer wies auf den Ruf seines Unternehmens, das etwa die Prognosen für die letzten drei Bundesverkehrswegepläne geliefert habe. Das Punktprognosemodell sei eben „ein mathematisches Modell, das exakte Zahlen ausgibt – und nicht, weil der Auftraggeber eine bestimmte Zahl“. Auch die Wirtschaftsinstitute würden bei Prognosen keine Streubreiten angeben.

Vor dem Schlagabtausch der Wissenschaftler hatte sich bereits Willi Graßl zu Wort gemeldet. Der Mann aus Freising-Lerchenfeld plagt sich seit Eröffnung des Flughafens 1992 mit Bronchialasthma herum. „Den Hinweis auf die Atemwegserkrankung nehmen wir zur Kenntnis“, bekam er auf seine Einwendung zur dritten Startbahn zu hören. Graßl interpretierte diesen Satz der Regierung von Oberbayern so: „Es schert uns nicht. Hauptsache die Geschäfte der FMG florieren.“ Der Freisinger, der auch den Verfall der Grundstückspreise in der Region sowie die Gefahren fürs Grundwasser kritisierte, schlug vor, die FMG zu verpflichten, die Haftung für etwaige Krankheiten zu übernehmen und Pauschalen an die Krankenkassen zu bezahlen.

Die kleine Kira war zu diesem Zeitpunkt übrigens irgendwo zwischen Sitzreihe 14 und 15 unterwegs. Ihre Mutter Claudia Oehlerking dagegen schrieb fleißig mit. Vor dreieinhalb Jahren war sie mit ihrem Mann nach Lerchenfeld gezogen. „Sollte die dritte Startbahn tatsächlich kommen, werden wir unser Haus wohl verkaufen müssen“, sagte sie der Heimatzeitung. Aber je länger das Verfahren dauere, desto größer würden die Chancen, dass sich der Flughafenausbau von selbst erledige, glaubt sie.

Das hofft auch Sabine Weinberger, die in der Freisinger Gartenstraße ohne Schallschutzfenster lebt und deshalb „selbst bei geschlossenen Fenstern“ den Lärm hört, „weil die Flieger sich an keine Routen halten und über Vötting abdrehen“. Sie erzählt von einem Spaziergang mit Kindern aus Lenggries, die der Fluglärm total erschrocken habe. „Für die Kinder ist dieser Krach richtig bedrohlich“, sagt Weinberger. Wie Claudia Oehlerking will auch sie im Ballhausforum vors Mikrofon treten. Gestern schafften sie es nicht mehr. Kira und Milena wurde es irgendwann doch zu langweilig.

(pir)

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