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Vor dem Landgericht Landshut muss sich ein Syrer verantworten, der in 38 Fällen Landsleute per Flugzeug eingeschleust hat. (Symbolbild)

Syrer verhilft Dutzenden Flüchtlingen auf dem Luftweg zur illegalen Einreise

Der Luxus-Schleuser

Vor dem Landgericht Landshut muss sich ein Syrer verantworten, der in 38 Fällen Landsleute per Flugzeug eingeschleust hat.

VON WALTER SCHÖTTL

Flughafen/Landshut – Nicht nur mit dem Boot übers Mittelmeer, in Lastwagen und unter Zügen gelangen Flüchtlinge nach Deutschland. Auch per Flugzeug findet Migration statt, längst nicht immer legal. Vor dem Landgericht Landshut muss sich ein Syrer verantworten, der in 38 Fällen Landsleute eingeschleust hat. 23 Mal ging die „Schleusung de luxe“ schief. Der 31-Jährige ist geständig.

Dem zuletzt in Berlin lebenden Mann wirft die Staatsanwaltschaft Landshut vor, 2016 und 2017 vor allem Syrer über Griechenland nach Deutschland, aber auch nach Spanien, Italien, in die Schweiz und nach Ungarn gebracht zu haben. Die Masche war immer die gleiche: Zunächst ging es über Mittelsmänner in die Türkei und von dort in griechische Flüchtlingslager. Wer weiter wollte, musste zum Teil hohe vierstellige Summen zahlen und per WhatsApp ein Foto zur Identifizierung schicken.

Danach mussten die Flüchtlinge auf eigene Faust nach Thessaloniki kommen. Der Angeklagte, in der Szene als „Rudi“ bekannt, beschaffte derweil die illegalen Papiere. Zur Fälschung der Ausweise wurden teilweise die Fotos der Originalpapiere ausgewechselt. Es wurden aber auch echte Dokumente verwendet, bei denen das Originalfoto der schleusungswilligen Person ähnlich sah.

Rudi wies die Migranten an, die Papiere im Flugzeug zu vernichten. Wiederum per WhatsApp erhielten die Angehörigen ein Foto von den „Passagieren“, um zu bezahlen – pro Person zwischen 600 und 6000 Euro. Insgesamt soll der Angeklagte 92 000 Euro kassiert haben.

Die erste Schleusung flog im September 2016 auf, als ein Syrer aus Thessaloniki kommend ausstieg und bei der Kontrolle einen echten deutschen Personalausweis präsentierte. 3000 Euro hatte er dafür auf den Tisch geblättert.

Im November 2016 wurde eine Syrerin aufgegriffen, die gleich zwei verfälschte deutsche Personalausweise, nämlich auf die Namen Brigitte S. und Karin B., sowie einen deutschen Reisepass mit getauschtem Foto dabei hatte. Mit einem manipulierten griechischen Reisepass, bei dem ebenfalls das Foto getauscht war, versuchte im Dezember 2016 eine weitere Syrerin die Einreise.

Mit einer gestohlenen griechischen ID-Karte, auf der das Foto ausgetauscht worden war, wurde ebenfalls im Dezember ein Landsmann ertappt. Im Mai 2017 erfolgte dann der letzte in der Anklage enthaltende Aufgriff am Münchner Flughafen: Dabei handelte es sich um eine Syrerin mit gefälschter griechischer ID-Karte.

Weitere Fälle, bei denen der 31-Jährige beteiligt war, spielten sich an anderen deutschen Flughäfen von Stuttgart bis Berlin, von Frankfurt bis Köln ab. Insgesamt wurden 38 Personen erfolgreich geschleust.

Bereits vor Prozessbeginn war die von den Verteidigern Patrick Schladt und Michael Schneider initiierte Verständigung gescheitert: Die Staatsanwaltschaft war zunächst von einer Freiheitsstrafe von acht bis neun Jahren ausgegangen, reduzierte ihre Vorstellungen dann aber auf fünfeinhalb bis sechseinhalb Jahre. Für die Verteidiger, die bei einem umfassenden Geständnis auf fünf bis sechs Jahren beharrten, war das immer noch zu viel.

Geradezu fröhlich präsentierte sich der 31-Jährige nach dem gescheiterten Deal auf der Anklagebank und verzichtete bei seinem umfassenden Geständnis dann sogar größtenteils auf den Dolmetscher. Er sei, berichtete er, 2016 nach Griechenland geflogen, weil er eigentlich seine dorthin geflüchteten Eltern nach Deutschland holen wollte. Dies sei gescheitert, stattdessen habe er aber intensiven Kontakt mit der griechischen Schleuserszene bekommen.

Zurück in Berlin, sei er dann von einem der Schleuser gebeten worden, ihm behilflich zu sein, eine in Berlin gelandete Person nach Dänemark zu bringen. „Ich habe sie am Busbahnhof abgeliefert und dafür 500 Euro sowie das Angebot erhalten, weiterhin Hilfe zu leisten“, berichtete der 31-Jährige. Er sei dann wieder nach Griechenland geflogen und in die Schleuserorganisation aufgenommen worden.

„Ich bin in die Asylunterkünfte gegangen und habe verhandelt. Die Papiere wurden von meinen Auftraggebern geliefert. Ich war dann für den Transfer zum Flughafen verantwortlich.“

Nach ein paar Monaten habe er sich quasi selbstständig gemacht. Probleme mit seinen früheren „Dienstherrn“ habe es deswegen nicht gegeben: „Es gab ja genügend, die raus wollten.“

Seine Aussage garnierte der 31-Jährige mit Anekdoten, wobei er vor allem haarsträubende Zustände am Flughafen in Thessaloniki schilderte: Dort sei die Polizei zwar hinter den aus der Türkei kommenden Flüchtlingen und ihren Schleusern her, und die würden dann auch zu Freiheitsstrafen um die sechs Jahre verurteilt. Bei Schleusungen von Griechenland in das übrige Europa sei das aber anders: „Ich war da bekannt wie ein bunter Hund. Jeder wusste, was ich tue.“ Einmal sei er zwar festgenommen, aber schon nach fünf Minuten wieder entlassen worden.

Der Prozess wird fortgesetzt, das Urteil dürfte es voraussichtlich am 22. Juli geben.

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