Ein Schwein liegt im Stroh
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Schweinehalter haben mit sinkenden Preisen fürs Fleisch zu kämpfen (Symbolbild).

Engpässe in Schlachthöfen sorgen für sinkende Preise

Corona schuld am Schweine-Stau

  • Henry Dinger
    vonHenry Dinger
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Bei Schweinemästern und -züchtern im Landkreis Erding macht machen sich Unmut und Resignation breit, sagt der Geschäftsführer des Bauernverbands. Schuld daran hat auch Corona.

Forstern – Für die Schweinehalter in Bayern und ganz Deutschland wird die Luft dünn. In den vergangenen Monaten rutschte der Preis, den die Schlachthöfe den Erzeugern zahlen, in den Keller. Derzeit bekommen Mäster laut Homepage der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft durchschnittlich rund 1,20 Euro netto pro Kilo. Vor einem Jahr lag dieser Preis bei 2,05 Euro. Für die Landwirte ist das kaum noch rentabel: Allein die Anschaffung eines Ferkels und dessen Mast bis zum schlachtreifen Schwein kostet mindestens 115 Euro, hinzu kommen die Betriebskosten des Hofs und mehr.

Diktiert werden die Preise von den drei größten Betrieben in der deutschen Schlachtbranche Tönnies, Westfleisch und Vion, die mehr als die Hälfte aller Schweine – etwa 50 Millionen jährlich – schlachten. Die Verbraucher bekommen davon nichts mit, der Lebensmitteleinzelhandel hat die Preise kaum verändert. „Bei den Schweinehaltern im Landkreis machen sich derzeit Unmut und Resignation breit“, sagt Gerhard Stock, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV) Erding-Freising.

Einer von ihnen ist Josef Obermaier. Der Landwirt aus Brand (Gemeinde Forstern) betreibt neben dem Anbau von Kartoffeln und Getreide auch Schweinemast mit rund 1200 Tieren. Seit dem Preisverfall lasse sich ihr Fleisch kaum noch kostendeckend vermarkten, sagt er.

Landwirt Josef Obermaier betreibt mit seiner Frau Bettina einen Hof bei Forstern. Neben dem Anbau von Kartoffeln und Getreide ist auch die Schweinemast ein Standbein. Die zehnjährige Isabella (l.) hat noch drei Geschwister, die den Betrieb einmal übernehmen wollen.

„Durch die Corona-Hygienemaßnahmen und Ausfälle von Mitarbeitern durch Quarantäne-Anordnungen laufen die Schlachthöfe nur noch mit halber Kraft“, erklärt der 51-jährige. Das habe zur Folge, dass weniger Schlachttiere angenommen würden. Es entstehe ein Rückstau, die Schweine blieben in den Ställen und legten an Gewicht weiter zu. Auch wenn das, wie Obermaier betont, zu keinen Qualitätseinbußen führe, sinke damit der Ankaufspreis auf weit unter einen Euro pro Kilo. Etwa 40 000 Schweine im Bereich der Erzeugergemeinschaft Südbayern, schätzt Obermaier, hätten schon längst vom Schlachtbetrieb übernommen werden müssen.

Wie seine Kollegen im Bauernverband ist auch er der Meinung, dass hier durch zeitlich begrenzte Lockerungen bei den Rahmenbedingen Abhilfe geschaffen werden könnte – etwa durch vorübergehende verlängerte Arbeitszeiten oder Sonn- und Feiertagseinsätze. Eine entsprechende Forderung hatte Bauernpräsident Walter Heidl bereits vor einigen Wochen an Staatskanzleichef Florian Herrmann gerichtet und mittlerweile erste Gespräche geführt.

Viele geben lieber auf, als einen „betriebswirtschaftlichen Selbstmordakt“ zu wagen

Für die Schweinemäster komme erschwerend hinzu, dass neue Verordnungen wie die Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung oder die Betäubungspflicht bei der Ferkelkastration, die ab diesem Januar greift, auch teils hohe Investitionen erfordern. „Etwa den Stall nach den Vorgaben der Halteverordnung umzubauen, kann schnell einige hunderttausend Euro kosten“, sagt Obermaier. „Doch wer investiert die, wenn er nicht weiß, ob das Geld jemals wieder reinkommt?“ Also geben Ferkelzüchter oder Mäster lieber ganz auf, als einen „betriebswirtschaftlichen Selbstmordakt“ zu wagen.

Auch der Lebensmitteleinzelhandel sei in der Pflicht, den Erzeugern wieder einen angemessenen Preis zu zahlen. „Sonderangebote bei Lebensmitteln sind mit Sicherheit der falsche Weg“, findet Obermaier und geht dabei auf die Forderung des BBV-Präsidenten ein, der ein Ende des „Verramschens von Fleisch“ politisch fordert.

Für regional erzeugtes Fleisch den Preis bezahlen, den es wert ist

Dass es derzeit keine Überbrückungshilfen vom Staat gibt, ist für den Landwirtschaftsmeister unverständlich. Unmissverständlich macht er deutlich, dass er nicht an Subventionen denke, sondern eine Gleichbehandlung möchte. „Die Gastronomie, an der wir ja auch hängen, bekommt drei Viertel der Umsatzdifferenz ersetzt, in die Lufthansa werden über Jahre Milliarden-Hilfen gesteckt, die Autoindustrie wird mit Geld unterstützt, um staatliche Auflagen zu erfüllen. Profitieren werden die Aktionäre“, gibt Obermaier zu bedenken.

Zuschüsse seien jedoch der falsche Weg: „Das System muss in sich laufen“, sagt er und meint damit auch die Verbraucher, die dazu bereit sein müssten, für regional erzeugtes Fleisch den Preis zu bezahlen, den es wert ist. Nur dann lohne sich die Landwirtschaft auch wirtschaftlich. „Ich bin gern Landwirt“, sagt der Vater von vier Kindern. Drei von ihnen haben Interesse daran, in seine Fußstapfen zu treten. Er hofft, dass sich das auch noch in einigen Jahren lohnt, um eine Familie ernähren zu können.

MdL Zierer: „Schweinehalter brauchen Unterstützung“

Im Erdinger Land gibt es rund 150 schweinehaltende Betriebe, in deren Ställen nach Zahlen des Landwirtschaftsamts etwa 53 000 Schweine stehen. Züchter und Mäster hätten derzeit mit vielfältigen Problemen zu kämpfen, erklärt Benno Zierer, FW-Betreuungsabgeordneter für den Kreis Erding, in einer Pressemitteilung: Preisverfall, wegbrechende Absatzmärkte durch Corona-Krise und Afrikanische Schweinepest (ASP), Engpässe in Schlachthöfen. Die „Schweine-Krise“ beschäftige auch den Landtag. Deshalb hat sich Zierer vor Ort bei Landwirten über die Lage informiert.

Im Lockdown falle die Gastronomie als Abnehmer weitgehend aus. „Mit Beginn des zweiten Lockdowns haben die Großhändler 60 bis 70 Prozent weniger abgenommen“, berichtet Landwirt Anton Angermaier aus Itzling. Innerhalb kürzester Zeit habe es einen rapiden Preisverfall gegeben.

Die Pandemie sorge auch für geringere Kapazitäten in den Schlachthöfen. Die zeitweilige Schließung des Schlachthofs Vilshofen habe die Situation in Bayern verschärft. Zwischen 80 000 und 100 000 Tiere hätten nicht zeitgerecht verarbeitet werden können. „Wenn Schweine über ein Schlachtgewicht von 120 Kilo hinaus gemästet werden müssen, führt das zu enormen Abzügen beim Schlachtpreis“, erklärt Landwirt Bernhard Hartl aus Hönning. Auch Züchter wie Alexander Obermeier aus Esterndorf sind betroffen, weil die Ferkel nicht in die Mastställe nachrücken können.

„In dieser schwierigen Situation brauchen die Schweinehalter Unterstützung“, erklärt Zierer, selbst Landwirt. Es gelte, Kapazitäten an Schlachthöfen zu erhöhen. Er habe sich bei den zuständigen Ministerien dafür eingesetzt, dass Anträge auf Ausweitung der Betriebszeiten, etwa für Schlachtungen an Sonntagen, schnell genehmigt werden könnten. Auch eine Allgemeinverfügung wäre möglich. FW und CSU hätten zudem gemeinsam einen Dringlichkeitsantrag eingebracht: Der Freistaat solle sich auf Bundesebene dafür einsetzen, dass die Fördersätze für Tierwohlinvestitionen in der Sauenhaltung erhöht werden. red

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