Forsterns Bürgermeister Rainer Streu sitzt an seinem Schreibtisch.
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Büroarbeit gehört zum Job von Bürgermeister Rainer Streu – durchaus eine Umstellung für ihn, wie der gelernte Schreinermeister zugibt.

100 TAGE IM AMT

„Du musst einfach da sein“ – Forsterns Bürgermeister Rainer Streu im Interview

  • Veronika Macht
    vonVeronika Macht
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Im März wurde Rainer Streu (AWG) zum neuen Bürgermeister von Forstern gewählt. Nach 100 Tagen im Amt zieht er im Interview eine erste Bilanz.

Forstern – Besonders für die neuen Bürgermeister war der Start ins Amt heuer holprig. Gewählt mitten in der Corona-Krise, mussten sie sich unter ganz besonderen Bedingungen in ihre neue Aufgabe einfinden. Für Rainer Streu (40, AWG) war das in Forstern nicht anders. Inzwischen sind rund 100 Tage vergangen. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Herr Streu, wie fühlt es sich an, Bürgermeister zu sein?
Das kann man manchmal immer noch nicht so ganz greifen. Zum Beispiel wenn die Kinder, die man noch vom Kinderkino kennt, kommen und einen mit „Herr Bürgermeister“ anreden, dann ist das lustig, aber auch ein komisches Gefühl. Das braucht wohl seine Zeit, bis man da voll drin ist.
Die ersten 100 Tage als Bürgermeister sind vorbei. Wie lief es bisher?
Das Amt ist unglaublich vielseitig. Man weiß zwar, dass es eine Herausforderung ist, aber es ist dann doch mehr Neues als erwartet. Am Anfang sind so viele Leute gekommen, die sich vorgestellt haben. Und dann haben wir so viel Personal, allein mit den Kindergärten. Da konnte ich noch gar nicht mit jedem ein Personalgespräch führen. Ich habe mich aber in den Einrichtungen vorgestellt und abgefragt, wie es weitergehen soll. Die Leute sollten merken, dass man da ist. Und ich hatte den Eindruck, dass ihnen das auch wichtig ist.
Apropos Personal: Da hat die Gemeinde seit einiger Zeit ziemlich zu kämpfen.
Ja, erst kürzlich haben wir von der Rechnungsprüfung wieder gehört, dass wir vollkommen unterbesetzt sind. Dabei haben wir so unglaublich viele Themen, die angefangen wurden. Elf Vollzeitkräfte bräuchten wir für eine funktionierende Verwaltung, aktuell sind es nur drei, der Rest sind Teilzeitkräfte. Umgerechnet kommen wir so auf sechs bis sieben Mitarbeiter in Vollzeit.
Und Sie sind schon wieder auf der Suche.
Wir suchen derzeit unter anderem einen Kassenverwalter, eine Leitung fürs Kinderhaus Villa Wirbelwind, einen Erzieher für die Offene Ganztagsschule und einen Geschäftsleiter, denn Wolfgang Donig wechselt nächsten April zum Kommunalen Prüfungsverband. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Bewerbungsgespräche ich seit Mai schon geführt habe.
Woran liegt die hohe Fluktuation beim Personal?
Wir stehen vor großen Herausforderungen. Hinzu kommt, dass lange Zeit vieles nur interimsmäßig gemacht wurde, es gibt viel aufzuarbeiten. Das erschreckt den einen oder anderen Bewerber. Wir müssen in der Verwaltung einfach wieder in ruhiges Fahrwasser kommen. Es ist nicht so einfach. Wenn über Jahre das Personal so dünn besetzt ist, dann sind die Mitarbeiter einfach überbeansprucht. Und auch die Strukturen sind oft nicht mehr ganz so klar, weil jeder für jeden einspringt.
Es gibt einige Baustellen in der Gemeinde, die Sie schon anpacken mussten – allen voran der angespannte Haushalt. Wie geht es da jetzt weiter?
Das war sicher kein einfacher Start. Aber das Wichtigste ist, dass wir ruhig agieren und nicht an allen Stellen weiterplanen, wie es vielleicht angedacht war. Ich kann es verstehen – es war Wahlkampf, aus den Fraktionen kommen Anträge, man will was verändern und angreifen. Aber man wird das einbremsen müssen, weil vieles momentan schlicht nicht leistbar ist.
Wo wird zum Beispiel gebremst?
Bei der Städtebauförderung. Da waren für heuer viele planerische Maßnahmen angesetzt. Den Umbau des Rathauses zum Kulturzentrum etwa – es bringt uns aber nicht weiter, wenn wir hier Luftschlösser planen. Deshalb haben wir mit der Regierung festgelegt, dass wir nur ein Thema in Angriff nehmen – die Staatsstraße. Da soll es einen Besprechungstermin geben, um abzustecken, wie der Ausbau ausschaut, was das Straßenbauamt macht und was zusätzlich über Städtebauförderung möglich wäre. Vor allem geht es um die Radwegsituation, dass die Leute sicher durch den Ort kommen. Wir müssen realistisch und vorsichtig bleiben und eins nach dem anderen anpacken. Als wichtige Themen hat der Gemeinderat die Breitbandförderung und das Kinderhaus in Karlsdorf festgelegt.
Wie ist beim Kinderhaus der aktuelle Stand?
Es sind jetzt alle Ausschreibungen draußen. Die Vergabe ist im September geplant.
Ein großes Thema war der Nachtragshaushalt, verbunden mit zusätzlichen Darlehensaufnahmen.
Das stimmt. Wir wollen nicht noch mehr Schulden machen, ich möchte nicht noch ein Darlehen aufnehmen müssen. Das hat mich schon belastet: Wenn man selber ein Haus baut, dann schaut man, dass man das mit möglichst wenig Schulden hinkriegt. Und dann unterschreibt man nach acht Wochen im Amt einen Darlehensvertrag über 1,4 Millionen Euro. Das ist ein komisches Gefühl. Wir hoffen, dass wir mit dem, wie wir jetzt geplant haben, hinkommen und keinen zweiten Nachtragshaushalt brauchen.
Auch nicht wegen der Corona-Krise?
Unser Kämmerer sagt, dass wir zumindest bei der Gewerbesteuer bis jetzt noch im Rahmen sind. Wenn, dann merken wir das wohl erst im nächsten Jahr. Bei der Einkommensteuer ist es hingegen noch nicht absehbar.
Sie sind auch Vorsitzender des Mittelschulverbands. Welche Aufgaben erwarten Sie da?
Die Schule an sich ist ein großer Punkt, der sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein Beispiel ist die Digitalisierung. Gerade haben wir die Leihgeräte auf den Weg gebracht, und der Technikraum soll umgebaut werden.
Auch Neubau oder Sanierung stehen im Raum.
Ja, aber da muss man angesichts der Finanzen vorsichtig sein. Das wird in den nächsten mindestens zwei, drei Jahren kein Thema sein.
Was das Amt des Bürgermeisters auch ausmacht, ist der Kontakt zu den Bürgern. Das alles fehlt ja aufgrund der Pandemie.
Ja, leider. Es gab zwar ein paar Geburtstagsgratulationen, aber nur am Gartenzaun und nur mit kurzem Small Talk. Alle sind sehr vorsichtig und zurückhaltend, es gibt derzeit einfach nichts Öffentliches. Ein Chorkonzert im Hof der Schule war kürzlich der erste Termin seit Monaten. Zwar hat man so wenigstens abends ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, aber es ist freilich schade, weil gerade die Begegnungen mit den Bürgern das Amt ja auch ausmachen.
Wie halten Sie dennoch Kontakt zu den Forsternern?
Ich schaue, dass jeder, der einen Termin bei mir haben will, so schnell wie möglich auch einen bekommt. Und das nutzen viele Leute.
Mit welchen Anliegen kommen sie zu Ihnen?
Das reicht von Bauanträgen, die länger liegen oder abgelehnt wurden, bis hin zu Nachbarschaftsstreitigkeiten, die ich mir anhöre, wo ich dann aber sagen muss, dass wir als Gemeinde keine Streitschlichter sind. Kürzlich kam ein Bürger, der nahe an der Grenze zu Hohenlinden wohnt und dem das Wasser abgedreht wurde. Es hat viel Zeit gekostet, alle Zweckvereinbarungen rauszusuchen und eine Lösung zu finden. Auch die Vereine haben viele Fragen, etwa ob sie wieder Versammlungen abhalten können. Du musst einfach Ansprechpartner sein, da sein, dir die Zeit nehmen.
Apropos Vereinsversammlungen: Gibt es schon einen Plan für die Kommandantenwahl?
Wir könnten zwar wählen, aber der Rahmen in einer Turnhalle mit zwei Metern Abstand, wo jeder sein Kreuz macht und dann heim geht – das finden wir für das Amt des Kommandanten nicht wirklich passend. Aber Neuwahlen sind auch nicht zwingend nötig. Ich habe das mit Kreisbrandrat Willi Vogl abgesprochen. Stellvertretender Kommandant Mathias Belmer übernimmt ja sehr viel. Beim neuen Feuerwehrhaus geht es jetzt noch um Dinge wie Mängelbeseitigung. Da ist es schon gut, dass ich das noch mitmache, immerhin war ich bei der Planung dabei. Im September sind wir hoffentlich endgültig fertig.

Vroni Macht

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