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Einräumen und los geht’s: Die Fahrer Georg Maier (l.) und Johannes Wilms laden die Thermobehälter mit dem Essen ins Auto, das im Pastettener Gasthaus Zum Rauch frisch gekocht wird. Im wöchentlichen Wechsel fahren die beiden Rentner für den Forsterner Kochtopf die Mittagessen aus.
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Seit Jahren Kunde des Forsterner Kochtopfs ist Rudolf Schlichting aus Forstern. „Mir schmeckt’s“, sagt der 89-Jährige.

Unterwegs mit dem „Forsterner Kochtopf“

Die Engel von nebenan kommen mit dem Auto

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Forstern – Johannes Wilms und Georg Maier versorgen für den Forsterner Kochtopf werktags rund 20 Senioren mit Mittagessen. Doch Sie sind viel mehr als Lieferanten. Sie sind Zuhörer, Trostspender, Helfer und auch ein bisschen Seelsorger. Wir haben Wilms auf einer Tour begleitet.

Als Johannes Wilms auf den Hof fährt, ist die Haustür schon offen. Drinnen, am Ende des Ganges, sitzt die ältere Dame im Rollstuhl und wartet bereits auf ihn. Es ist kurz vor 12.30 Uhr, Zeit fürs Mittagessen. Wilms, 69 Jahre alt, trägt die graue Kunststoffbox in die Küche der Frau. Die beiden ratschen kurz – über die Hühner der Hausherrin, über ihre Knie-OP. Dann geht’s weiter. Als Wilms in sein Auto steigt, ist er seit zwei Stunden unterwegs und hat 17 Mittagessen ausgefahren.

Der Dienst für den Forsterner Kochtopf, so heißt das Essen auf Rädern der Nachbarschaftshilfe Forstern-Tading, beginnt für Wilms werktags gegen 10.30 Uhr. Zu der Zeit herrscht in der Küche des Pastettener Gasthauses Zum Rauch längst reges Treiben. Chefin Christine Bowinzki und Gabi Krieg haben das Mittagessen fertig. Der Schweinsbraten ist geschnitten, die Knödel schwimmen dampfend im Topf. Mit geübten Handgriffen befüllt Bowinzki die Porzellanteller, Krieg setzt sie in die Thermobehälter, wo alles bis zu zwei Stunden heiß bleibt. Eine Schale Joghurt komplettiert das Menü. Deckel drauf und schon wird eingeladen.

20 Essen hat Bowinzki heute für den Kochtopf zubereitet, nur zwei Sonderwünsche sind dabei: eine halbe Portion und einmal ohne Fleisch. „Es wichtig, auf diese Wünsche einzugehen, damit die Leute merken, dass man an sie denkt“, sagt Bowinzki, die auch für Senioren in Pastetten kocht. Diese Kooperation besteht seit September 2014. Fritz Steinbauer fährt in Pastetten fünf bis sieben Essen am Tag aus und wechselt sich mit den Damen der dortigen Nachbarschaftshilfe ab. Seit drei Jahren bereitet Bowinzki die Speisen für den Kochtopf zu, gibt diese Aufgabe aber betriebsbedingt ab: Zum Februar übernimmt der Forsterner Hirschbachwirt.

Eine Tour: Rund 45 Kilometer

Wilms stapelt die Behälter in sein Auto. Unterstützt wird er ausnahmsweise von Georg Maier. Normalerweise wechseln sich die beiden ab. Jeder fährt eine Woche lang. Wird einer krank, springt der andere oder bei Bedarf Richard Scherer ein. Bald bekommen sie weitere Unterstützung vom frisch gebackenen Rentner Martin Maurer.

Wilms ist von Anfang an dabei. Über seine Frau Helga, Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe, kam er vor acht Jahren zu seinem Ehrenamt. „,Du könntest doch fahren’, hat sie gesagt, und schon war ich Fahrer“, erzählt Wilms. Ebenfalls von Beginn an dabei war Ludwig Kloo, der aus gesundheitlichen Gründen zur Zeit nicht fahren kann.

Maier (67), der früher in München sein Geld als Fleischbeschauer verdient hat, kam vor viereinhalb Jahren dazu und will seine Rente mit einer sinnvollen Aufgabe verbringen. „Es gefällt mir, für andere etwas zu tun. Die Leute freuen sich, wenn wir kommen. Das ist schön“, sagt er.

Die ersten Essen vor acht Jahren hat Helga Wilms selbst ausgefahren – zwei Mahlzeiten in der Woche, und die erste Bestellerin von damals gehört noch immer zu den Kunden. Heute liefert die Nachbarschaftshilfe zu Spitzenzeiten bis zu 28 Mahlzeiten am Tag aus, seit Beginn der Aktion sind weit mehr als 20 000 zusammengekommen. Für den reibungslosen Ablauf ist Katrin Gesellensetter zuständig. Die Schriftführerin der Nachbarschaftshilfe kümmert sich um Organisation und Abrechnung.

Die Fahrer kennen ihre Senioren

Sind alle Behälter umkippsicher verstaut, beginnt die Tour. Rund 45 Kilometer legen die Fahrer jeden Tag in ihren privaten Autos zurück, im vergangenen Jahr waren es 9385. Sie sind über den Verein versichert und bekommen eine kleine Aufwandsentschädigung sowie eine Kilometerpauschale. Dennoch wäre ein eigenes Kochtopf-Auto ein großer Wunsch.

Wie viele Kunden sie anfahren, variiert von Tag zu Tag. „Manche essen einmal in der Woche mit ihren Kindern, andere mögen ein bestimmtes Gericht nicht“, erklärt Wilms. Die Speisepläne sind Wochen im Voraus bekannt und können auch übers Internet eingesehen werden. Gekocht wird, was den Senioren schmeckt. „Nichts Fremdes, sondern was sie von früher kennen“, sagt Bowinzki – vom Schweinsbraten über Milzwurst bis zu Spinat mit Spiegelei.

Die Tour führt über Reithofen, Buch, Oberbuch, Forstern, Preisendorf, Neumühlhausen (Gemeinde Hohenlinden) und Karlsdorf nach Neupullach. Der Weg ist längst eingespielte Routine. Die Fahrer wissen, in welcher Reihenfolge sie die Kunden am schnellsten erreichen, auf was sie achten müssen und wie die einzelnen Senioren ticken.

Sie wissen, bei wem sie besonders lange klingeln müssen, damit die Glocke gehört wird; wem sie das Essen klein schneiden müssen; wer auf medizinische Apparate angewiesen ist; wer absolut keinen Schokoladenpudding mag; wer schon vor ihrem Eintreffen die Tür geöffnet hat. Und sie wissen, zu wessen Häusern sie Schlüssel brauchen, weil der Bewohner im Rollstuhl sitzt und deswegen die Tür nicht selbst aufmachen kann.

Ein solches Schlüsselobjekt, wie Wilms sagt, ist in Buch. „Heute hast du aber lang gebraucht“, sagt die Dame, als Wilms in ihr Wohnzimmer tritt. Sie sitzt am Küchentisch und wartet schon sehnsüchtig, bis Wilms ihr den Braten geschnitten hat

„Heute gibt’s Igel statt Schwein“

Die meisten Senioren wissen ganz genau, wann sie an der Reihe sind – der erste um 10.40 Uhr, die letzte um kurz vor 13 Uhr. Mittendrin bekommt Rudolf Schlichting sein Essen. Er hat schon alles vorbereitet, als Wilms an seine Tür klopft. Zwiebeln und Knoblauch liegen, fein gewürfelt, auf einem Brettchen – bereit, das Essen zu verfeinern. „Knoblauch und Zwiebel vertreiben alle Übel“, sagt der 89-Jährige lachend, der seit dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren allein lebt.

Stets einen flotten Spruch hat auch Wilms auf den Lippen, als er von Haus zu Haus zieht. „Die Sau ist weggelaufen. Es gibt heute keinen Schweinsbraten“, sagt er zur Begrüßung im Haus einer 90-Jährigen. „Du kriegst Igel.“ Die Frau schaut ihn kurz ungläubig an – und bricht in herzliches Gelächter aus.

„Ich war auf vielen Beerdigungen“

Den Scherz mit dem Igel macht Wilms an diesem Vormittag noch oft. Die Senioren kennen seine Witze, seine Sprüche und seine Frotzeleien. Das gehört dazu – wie auch das eine oder andere mahnende Wort. „Wo ist denn dein Glas, ich hab’ dich heute noch gar nicht trinken sehen“, sagt Wilms und schenkt Wasser ein. Die Seniorin nimmt einen kräftigen Schluck, und ganz beiläufig fragt Wilms nach, ob sie ihre Tabletten heute schon genommen hat.

„Unser ehemaliger Pfarrer hat einmal gesagt, dass wir richtige Seelsorger sind“, erzählt Wilms, während er einer weiteren Dame die Thermobox in die Küche trägt. „Mir geht’s heute gar nicht gut“, sagt die Frau und legt ihr Sauerstoffgerät an. Der Wetterumschwung mache ihr zu schaffen. „Das wird schon“, spricht Wilms ihr gut zu und trifft stets genau den richtigen Ton, die richtige Balance zwischen Einfühlsamkeit und Witzeleien. Einige Minuten für ein paar nette Worte haben die Fahrer immer, auch wenn ihr Zeitplan straff ist.

„Die beiden sind Gold wert“, sagt eine Tochter über die Fahrer, die an diesem Tag frei hat und ihre Mama besucht. Die meisten Kochtopf-Kunden leben alleine oder sind es zumindest tagsüber, wenn die im Haus wohnenden Verwandten in der Arbeit sind. Der Ratsch mit dem Fahrer ist für sie Abwechslung und Konstante im Alltag zugleich. Für viele Senioren ist der Service, der pro Essen inklusive Lieferung 5,90 Euro kostet, im täglichen Leben unentbehrlich geworden. Sie sind froh, dass eine eigentlich so banale Sache wie das Mittagessen geregelt ist.

Wie lange die Tour dauert, ist jeden Tag unterschiedlich. „Manchmal muss ich einen Angehörigen oder einen Arzt anrufen, wenn etwas passiert ist“, sagt Wilms. Für Notfälle haben die Fahrer immer Kontaktnummern dabei.

Auch schwankt die Zahl der bestellten Essen, etwa wenn Kunden in ein Heim ziehen, eine Pflegekraft engagieren – oder sterben. „Ich war schon auf vielen Beerdigungen“, sagt Wilms, den jedes einzelne Schicksal mitnimmt. Nach der Tour einfach umschalten und nicht mehr daran denken, das geht nicht. „Man nimmt so was schon mit nach Hause.“

Heute ist Wilms, der bis zur Rente als Verkaufsleiter gearbeitet hat, knapp zweieinhalb Stunden unterwegs, bevor er zurück nach Pastetten fährt. Im Kofferraum liegen die leeren Behälter vom Vortag, die in jedem Haus schon bereit stehen und die die Fahrer nach Ende ihrer Tour zurück zum Gasthaus bringen. Dort warten die Boxen auf ihren nächsten Einsatz am folgenden Tag.

Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/ Dorfener Anzeiger unterstützt Organisationen wie die Nachbarschaftshilfe Forstern-Tading bei ihrer Arbeit. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es bitte ebenfalls auf der Überweisung.

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