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Mittendrin, statt nur dabei: Erzieher Christian Schraufstetter hat jede Menge Spaß in seinem Beruf. Und die Kinder des Integrationshorts Villa Kunterbunt in Forstern sind froh, dass sie ihn haben. 

Erzieher Christian Schraufstetter 

Als Mann ein Exot

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Krankenschwester, Sekretärin, Verkäuferin: Es gibt viele typische Frauenberufe, in denen Männer heutzutage noch immer Exoten sind. Einer von ihnen ist Christian Schraufstetter. Der 29-Jährige arbeitet als Erzieher im Hort Villa Kunterbunt in Forstern.

Forstern/Pemmering Christian Schraufstetter liebt seinen Beruf. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, leuchten seine Augen. Der 29-Jährige aus Pemmering (Gemeinde Isen) ist Erzieher – und das mit Leib und Seele.

Als Ministrant in seiner Pfarrei kam er früh zur Jugendarbeit. Dieses Ehrenamt übt Schraufstetter noch heute aus. „Das hat mit dem Alter nichts zu tun“, findet er. Doch dass er Erzieher werden will, stand für ihn erst relativ spät fest. Nach einer angefangenen Ausbildung zum Bürokaufmann absolvierte er einen generationsübergreifenden Freiwilligendienst, Praktika machte er unter anderem in den katholischen Kindergärten Isen und Forstern.

Im Jahr 2009 schließlich begann er seine Ausbildung an der Katholischen Fachakademie für Sozialpädagogik in München. Schraufstetter machte die Prüfung zum Kinderpfleger und später zum Erzieher. Über das Berufspraktikum kam Schraufstetter schließlich an den Integrationshort Villa Kunterbunt in Forstern. „Danach war für mich klar: Die Arbeit im Hort ist genau meins“, erinnert er sich. Mit der Übernahme hat es dann recht schnell geklappt.

Fünf Jahre lang dauerte die Ausbildung. „Ich finde es traurig, dass das nicht als Studium angesehen wird“, bedauert der 29-Jährige, der als Mann schon in der Akademie so etwas wie ein Exot war: Unter den rund 15 Teilnehmern seien nur drei Männer gewesen. „Die ganze Kindheit ist frauengeprägt – vom Kindergarten bis zur Grundschule“, sagt Schraufstetter. „Mehr männliche Bezugspersonen würden Buben wie Mädchen gut tun“, findet er. Auch das Bundesfamilienministerium würde gerne mehr männliche Erzieher sehen.

Drei männliche Erzieher im Landkreis

Laut aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik waren am Stichtag (1. März 2017) 35 088 männliche Fachkräfte, Praktikanten und Freiwilligendienstler in deutschen Kitas beschäftigt, das entspricht 5,85 Prozent (Frauen: 564 684). Bayernweit stehen 4003 Männern 89 869 Frauen gegenüber. In den 92 Einrichtungen im Landkreis sind es laut Landratsamt nur drei Männer.

Doch warum wollen so wenige Männer Erzieher oder Kinderpfleger werden? Ein Grund ist sicherlich die geringe Bezahlung. „Wenn man eine Familie ernähren soll, ist das schwierig“, gibt Schraufstetter zu. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Bundesfamilienministeriums. Weitere Gründe sind demnach, dass es nur geringe Aufstiegsmöglichkeiten gebe und die Anforderungen sehr hoch seien, die soziale Anerkennung dafür umso geringer. Und es gebe nach wie vor eine stereotype Geschlechterordnung, nach der frühkindliche Erziehung eben Frauensache sei.

Auch ein gewisser Generalverdacht, unter den männliche Erzieher schnell gestellt werden, verunsichere viele. Mit derartigen Vorurteilen sei er bisher noch nicht konfrontiert worden, sagt Schraufstetter. Kollegen, Träger, Freunde, Eltern, Kinder – von allen Seiten habe er bislang nur positive Rückmeldungen auf seine Berufswahl bekommen. „Ich wurde in Forstern immer gut angenommen als Mann“, sagt der 29-Jährige, der selbst noch keine Kinder hat. Und wenn er neuen Bekannten von seinem Beruf erzählt? Dann sagten die meisten: „Respekt. Den ganzen Tag mit Kindern arbeiten – das könnte ich nicht.“

Doch für Schraufstetter, der mit seiner Mutter im nur wenige Kilometer entfernten Pemmering in der Nachbargemeinde Isen lebt, ist Erzieher der absolute Traumberuf. „Ich kann mir im Moment nichts anderes vorstellen“, sagt der junge Mann, dem man mit jedem Wort anmerkt, wie sehr er seine Arbeit liebt.

Sie sei unheimlich vielseitig, man sei immer in Bewegung und könne sich selbst verwirklichen. Schraufstetter zum Beispiel tut das durch seine Leidenschaft, die Musik. Er singt gerne, unter anderem in einer eigenen Band, aber auch mit den Kindern.

„Für mich ist es eine Berufung“

„Das ist mein Ausgleich zur Arbeit, aber ich kann es dort auch einbringen.“ Und so seien auch die Kinder mit ganzem Herzen dabei, wenn im Hort gesungen wird – am liebsten deutsche Popmusik, von Andreas Bourani bis zu den Toten Hosen.

Seit der Hort am Wörlanger um ein zweites Modul erweitert wurde, ist Schraufstetter zum Gruppenleiter aufgestiegen – ein klares Zeichen dafür, dass Hortleitung und die Gemeinde Forstern als Träger geschlossen hinter dem jungen Mann stehen. Für ihn wiederum ist es eine Herausforderung, eine Gruppe komplett neu aufzubauen. „Auf einmal ist man auch für die Eltern der erste Ansprechpartner“, sagt Schraufstetter. „Aber ich hab’ den Rückhalt aus meinem Team.“ Überhaupt sei der Zusammenhalt im Hort – sowohl unter den Kollegen, als auch unter den Kindern – für ihn enorm wichtig.

„Das Wohl der Kinder steht für uns im Mittelpunkt“, erklärt der Pemmeringer. Dabei gehe es um so viel mehr als nur um spielen. Es sei ein Klischee, dass Erzieher den ganzen Tag nichts anderes tun. Viel mehr gehe es darum, mit Humor und Spaß die Talente der Mädchen und Buben zu fördern – und zwar geschlechtsunabhängig. Da machen die Mädchen ebenso beim WM-Tippspiel mit oder zerlegen mit Freude kleine Elektrogeräte wie die Buben. Und die wiederum sind beim Basteln oder beim Styling-Tag mit Haargel vorne dabei. „Der Christian lässt sich immer was Cooles für uns einfallen“, sagt ein Bub über den Erzieher und seine Ideen.

„Für mich ist Erzieher zu sein eine Berufung. Man muss kämpferisch sein, braucht Geduld und Durchsetzungsvermögen. Wer Erzieher werden will, muss sich der Verantwortung bewusst sein“, sagt Schraufstetter. „Aber es ist ein Beruf der Zukunft. Wir erziehen die nächste Generation und geben Werte weiter, die wir auch in der eigenen Erziehung mitbekommen haben.“ Bitte und Danke sagen, hilfsbereit sein oder freundlich grüßen zum Beispiel.

Und auch gewisse Traditionen gehören dazu – etwa das Klopf-o-Gehen, das Schraufstetter aus seiner aktiven Ministrantenzeit mit in den Hort gebracht hat, und bei dem die Kinder mit Freude und Begeisterung dabei sind.

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