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Metzgerfamilie Wohlmuth mit (v. r.) Thomas, Anita und Thomas jun. in ihrem Schlachthaus. 

Gewerbegebiet in Forstern 

Metzgerfamilie bangt um den Mittelstand

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Nicht jeder in Forstern freut sich, dass im Gewerbegebiet der Lebensmittel-Einzelhandel ausgeweitet werden soll. Die Metzgerfamilie Wohlmuth aus Tading zum Beispiel. Sie sieht die mittelständischen Betriebe bedroht – und damit auch die eigene Existenz.

Tading– Größer und mit mehr Angebot – so soll er werden, der neue Edeka in Forstern. Dazu kommen ein Penny-Markt und die Drogeriekette Rossmann. Die Gemeinde will so die Kaufkraft am Ort halten und für die Zukunft vorsorgen. Immerhin sei es nicht absehbar, wie es mit den Handwerksbetrieben langfristig weitergeht. Mehrfach hatte Bürgermeister Georg Els (AWG) schon seine Befürchtung geäußert, dass die Bäcker und Metzger am Ort irgendwann mangels Nachfolgern schließen müssen (wir berichteten).

Über solche Mutmaßungen kann Familie Wohlmuth aus Tading nur den Kopf schütteln. Sie betreibt eine der beiden Metzgereien im Gemeindegebiet – und das schon seit 118 Jahren in Familienbesitz. In jüngster Zeit jedoch bekomme sie immer wieder zu hören, dass ihre Metzgerei ohnehin bald schließen werde und man zum Einkaufen dort gar nicht mehr hingehen brauche.

Dabei ist die Metzgerei bestens gerüstet, um noch lange zu bestehen: Das Schlachthaus ist hochmodern, ihr Vieh züchtet die Familie selbst und erst vor zwei Jahren haben Anita und Thomas Wohlmuth das Geschäft von Anitas Eltern übernommen. Die beiden sind 42 Jahre alt und gelernte Metzger, Thomas Wohlmuth hat vor 17 Jahren zudem seinen Meisterbrief gemacht. „Wir zwei haben noch mindestens 25 Jahre Berufsleben vor uns“, sagt er und betont: „Ein Nachwuchsproblem haben wir nicht.“ Denn auch die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Sohn Thomas jun. ist 22 Jahre alt, ebenfalls gelernter Metzger – und möchte den Familienbetrieb irgendwann übernehmen.

Doch wird es dazu überhaupt kommen? Bei der derzeitigen Politik, immer noch größere Gewerbegebiete ausweisen zu wollen, sehen die Wohlmuths momentan nicht unbedingt optimistisch in die Zukunft. Schon die Eröffnung des jetzigen Edeka-Markts inklusive Fleisch- und Wursttheke vor einigen Jahren habe sie am Umsatz gespürt. Jetzt soll das Supermarkt-Angebot nochmals erweitert werden.

„Dabei sollten die Gemeinden den Mittelstand fördern anstatt ihn zu zerstören“, fordert Thomas Wohlmuth, und seine Frau ergänzt: „Es sollte mehr auf die Betriebe geschaut werden, die schon jahrelang ortsansässig sind.“

Dass es mit ihrer Meinung nicht alleine dastehe, erlebe es immer wieder, berichtet das Ehepaar. So komme Zuspruch zum Beispiel von den Kunden – aber nicht nur von der älteren Generation. Auch die Jungen bewege dieses Thema sehr.

„Unsere Gemeinde hat 3600 Einwohner. Unser Betrieb alleine hätte die Kapazitäten, um die Grundversorgung aller Bürger mit Fleisch und Wurst abdecken zu können“, sagt Thomas Wohlmuth. Dafür habe die Familie schon vor knapp 20 Jahren vorgesorgt. Auf dem Hof in Tading hat sie ein modernes Schlachthaus gebaut. Es war eines der ersten im Landkreis, das eine EU-Zulassung erhalten habe und somit in Sachen Hygiene den gleichen hohen Standards unterliege wie ein großer Zerlegebetrieb.

„Wenn, dann wollten wir es gleich g’scheid machen“, erklärt Anita Wohlmuth diesen Schritt. Zwar fielen dadurch für regelmäßige veterinärrechtliche Untersuchungen enorme Kosten an. „So haben wir aber keinerlei Transportwege“, ergänzt ihr Mann.

Da die Familie neben der Metzgerei noch eine Landwirtschaft mit Schweine- und Rindermast betreibt, kommen die Tiere direkt aus dem Stall ins Schlachthaus. Der Mutterkuhbetrieb umfasst 20 Mutterkühe und eigene Nachzucht, die am Hof ausgemästet wird. Stundenlanges Herumfahren der lebenden Tiere oder der fertigen Waren entfalle. Die Wurst wird ebenfalls vor Ort produziert. In einen Transportwagen kommen die Lebensmittel nur für die rund 1,3 Kilometer lange Fahrt von der Produktionsstätte in den Laden.

„Trotzdem sind wir nicht teurer als die Supermärkte, und wir wollen mit dem Preis auch nicht weiter hoch gehen“, beteuert Anita Wohlmuth. Das liege nicht zuletzt auch daran, weil man als kleiner Handwerksbetrieb besser auf die Nachfrage reagieren könne und nicht für die Mülltonne produziere, sondern nach Bedarf.

Er könne die Gemeinde durchaus verstehen, einen Markt ansiedeln zu wollen, in dem es alles gibt – beispielsweise für Senioren, die nicht mehr mobil sind, sagt Thomas Wohlmuth. Doch ein Supermarkt am Ortsrand sei mit Rollator oder Gehstöcken auch nicht für jeden gut zu erreichen. Die ortsansässigen Metzger und Bäcker hingegen verkauften ihre Waren mitten im Ort – das Geschäft der Wohlmuths zum Beispiel liegt an der Hauptstraße nicht weit weg vom Rathaus.

„Bürger, die in den Außenbereichen leben, müssen sowieso ins Auto steigen. Und Supermärkte gibt es im Umkreis schon viele“, sagt Thomas Wohlmuth, der als Landwirt den deutschlandweiten Bauwahn von Gewerbeflächen auch aus dieser Sicht sieht und fragt: „Wie viel hochwertiger, landwirtschaftlicher Mutterboden muss noch für riesige Einkaufsmärkte zugebaut werden?“

Freilich würden durch neue Geschäfte zusätzliche Jobs am Ort geschaffen. „Aber auch wir bieten Arbeitsplätze“, sagt Anita Wohlmuth. Sie, ihr Mann, Sohn Thomas und ihre Eltern arbeiten im Betrieb mit – und darüber hinaus noch sieben Angestellte, von der Verkäuferin bis zum Metzger. Sie sind seit vielen Jahren im Team, einige schon seit mehr als 20 Jahren. Müsste der Familienbetrieb schließen, würden auch diese sieben Menschen ihren Job verlieren.

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