Bewegender Moment: Henry Pritschet am Machu Picchu.
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Bewegender Moment: Henry Pritschet am Machu Picchu.

Serie „Mein Leben“: Henry Pritschet (78) ist als Kind an Polio erkrankt – Vom Reisen hat ihn das nie abgehalten

Mit dem Rollstuhl rund um die Welt

  • Veronika Macht
    VonVeronika Macht
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Henry Pritschet ist Weltenbummler, Ländersammler, Abenteurer. Mehr als 60 Nationen hat der Forsterner (78) schon bereist. Dass er seit einer Polio-Erkrankung als Kleinkind gehbehindert ist, hat ihn davon nie abgehalten. Seit einigen Jahren ist er mit dem Rollstuhl weltweit unterwegs.

Forstern – Durch ferne Länder reisen, fremde Kulturen entdecken, neue Leute kennenlernen: Das Reisefieber packte Henry Pritschet 1966. Mit seinen Brüdern Otto und Hans sowie zwei von dessen Freunden, letztere drei passionierte Bergsteiger, ging es mit dem VW-Bus bis zum Hindukusch in Afghanistan. Den Mir Samir, einen Sechstausender, wollten sie besteigen, und weil Pritschet als ausgebildeter Fremdsprachenkorrespondent schon immer ein Sprachtalent war, bat ihn sein Bruder mitzukommen.

Zwei Monate sollte die Reise dauern. „Also habe ich Sprachbücher gekauft und mir Persisch angeeignet“, erzählt er, als ginge es darum, ein paar Englischvokabeln aus der Schulzeit aufzufrischen. Doch neue Sprachen zu lernen, das war für Pritschet nie ein Problem. „Egal, wohin ich gereist bin: Ich habe immer geschaut, dass ich die Sprache ein wenig lerne“, erzählt er. „Wenn man eine Sprache auch nur ein bisschen lernt, dann lüftet man den Vorhang und kommt immer mehr rein.“

Beginn der Reiselust: Henry Pritschet (r.) in Afghanistan.

Italienisch, Portugiesisch, Russisch und Türkisch beherrscht Pritschet bruchstückhaft, von Finnisch, Polnisch oder Arabisch sind ein paar Brocken hängen geblieben. Sehr gut verständigen kann sich der 78-Jährige auf Englisch, Französisch und Spanisch – diese drei hat er als junger Mann auf der Sprachschule gelernt.

Geboren wurde Pritschet im November 1942 in Sulzberg bei Kempten im Allgäu als dritter von vier Brüdern. Mit zwei Jahren erkrankte er an Polio, konnte nicht mehr gehen. „Das war 1944. Heute existiert die Krankheit bei uns ja so gut wie nicht mehr – dank der Impfung“, sagt Pritschet. Diese hat es damals noch nicht gegeben – für den Weltenbummler, der für seine späteren Reisen etliche Impfungen bekommen hat, besonders bitter.

An Weihnachten 1945 tat der kleine Bub zum Glück wieder die ersten Schritte, hinkt seitdem aber. Weil in Folge der Erkrankung die Muskeln verkümmert sind, wurde auch das Wachstum gehindert. Eine Seite ist stärker betroffen, bei beiden Beine besteht ein Längenunterschied von fünf Zentimetern. Dies führte in der Wachstumsphase zu einer Skoliose, einer Fehlstellung der Wirbelsäule.

Davon bremsen lassen hat sich Pritschet aber schon als Kind nicht. „Ich war eher der Rädelsführer, wenn wir Blödsinn gemacht haben“, sagt er lachend. Er lernte schwimmen, radfahren, und beim Fußball mit Freunden „war ich halt der Torwart“.

Wissbegierig war Henry Pritschet schon als Kind – hier als Zweitklässler.

Als Jugendlicher besuchte Pritschet die Oberrealschule und merkte schnell, dass ihm Sprachen liegen. Auch die Lehrer rieten: Heinrich, wie er eigentlich heißt, von allen aber nur Henry genannt wird, sollte einen Beruf mit Sprachen erlernen. In Regensburg besuchte er schließlich eine private Sprachschule. Doch die war teuer. Der Vater hatte nach der Rückkehr aus dem Krieg in einer Fabrik gearbeitet, war wegen einer schweren Staublunge früh verrentet worden – das Geld war knapp. Also hat die Familie einen Zuschuss beantragt, der mit Hilfe des VdK genehmigt wurde.

Der junge Mann lernte Englisch und Französisch, später kam Spanisch hinzu. Und genau diese Sprache war ausschlaggebend, dass er später nach Forstern kam. „Eine ehemalige Schulkollegin arbeitete bei der Traktorenfabrik Eicher und hatte Kontakt zur Schulleitung aufgenommen, weil dort jemand gesucht wurde, der Spanisch spricht.“ So landete er 1962 in Forstern, bewohnte zunächst ein kleines Zimmer. Von seinem ersten bei Eicher verdienten Geld kaufte sich Pritschet eine Gitarre, das Spielen hat er sich selbst beigebracht. Über die Musik schloss er schnell Freundschaften, die teilweise heute noch bestehen, und kam so auch als Sänger zum Eicher-Chor. Zehn Jahre blieb Pritschet in der Firma, arbeitete danach bis zur Rente bei Stahlgruber in München.

Afghanistan war 1966 seine erste große Reise und ein richtiges Abenteuer noch dazu. Rund 8000 Kilometer legten die Fünf bis zum Hindukusch zurück, 14 Tage dauerte die Anreise. Anfangs schliefen sie noch im Zelt, später einfach auf dem blanken Boden. „Einmal bin ich aufgewacht, und es stand ein Hirte vor mir und hat mich angestarrt“, erzählt Pritschet lachend. „Wir waren sowieso das G’schau überall. In Teheran haben wir sogar einen Stau verursacht, weil sich so viele Leute um unseren Bus geschart hatten.“

Wer mit dem Rollstuhl verreist, ist viel auf Hilfe angewiesen. 

Pritschets Sprachkenntnisse kamen der Gruppe oft zugute – an den Grenzen, beim Lesen von Wegweisern, bei der Kommunikation mit Einheimischen. Mit Hakim zum Beispiel, einer Art Provinzgouverneur, zu dem die Reisenden im Pandschschir-Tal geschickt wurden. Dort verbrachten sie eine Nacht, Frühstück auf dem Teppich sitzend inklusive. Schier unendlich ist der Schatz an Erinnerungen, aus dem Pritschet schöpft. Stundenlang kann er von seinen Reisen erzählen, erinnert sich an jedes noch so kleine Detail.

„Nach Afghanistan hatte ich Blut geleckt, von da an bin ich jedes Jahr verreist“, sagt er. Bis Anfang der 70er Jahre unternahm er diese Reisen mit anderen Menschen, ab 1974 meist nur noch mit Ehefrau Beate. Sie hatte er beim Faschingsball beim Hirschbachwirt kennengelernt und 1972 geheiratet. Ab da erkundeten die beiden gemeinsam die Welt: „Ich hätte mir dafür keine bessere Partnerin wünschen können, sie war bei allem sofort dabei.“

Und es waren teilweise sehr abgelegene, exotische Gegenden, in die es das Ehepaar verschlug. 12 000 Kilometer nur mit Pkw und Zelt ans Kaspische Meer, durch die Sowjetunion, in die Sahara. Dort gab das Auto den Geist auf und wurde später vom ADAC zurückgeholt. Die Reisen führten durch Gegenden der Ukraine, wo inzwischen Krieg herrscht, oder in die Oasenstadt Palmyra in Syrien – jene antike Stätte, die vor einigen Jahren von der Terrormiliz Islamischer Staat teilweise zerstört wurde.

Die letzte große Fahrt ging für Henry Pritschet im Jahr 2019 nach Kolumbien, hier im Bild beim Besuch der Tatacoa-Wüste, einer Landschaft aus gigantischen Felsen und Kakteen. 

„Die 60er, 70er und 80er Jahre waren die besten Reisezeiten“, sagt Pritschet rückblickend. Jemen, Afghanistan, Jordanien: In dieser Zeit hat er viele Orte besucht, die heute Krisengebiete sind. Orte, an die man besser nicht mehr reisen sollte. „Vieles davon wäre lebensgefährlich, und das ist wirklich traurig.“

Von seinen Reisen bringt Pritschet immer kleine Souvenirs mit, aber auch tausende Fotos und zig Stunden Filmmaterial – einst Super 8, heute digital, die er gerne zu Vorträgen zusammenstellt. Die Touren hat er immer komplett selbst ausgearbeitet. Reichen heute für die perfekte Route wenige Klicks im Internet, war das früher eine echte Herausforderung. „Ich habe Karten und Reiseführer gekauft, in Zeitschriften nach Tipps gesucht, mir vom ADAC Routenbeschreibungen schicken lassen“, erzählt er. „Aber schon diese Vorbereitung hat einen riesen Spaß gemacht.“

Später war Pritschet einige Jahre allein unterwegs. Doch ab Mitte 40 wurde das Gehen immer schlechter. In einer Zeitschrift stieß er auf Grabo-Tours, einen Anbieter speziell für Rollstuhl-Reisen. Die Grabo-Tours-Reisen unternahm er allein. Die ersten Fahrten gingen in die USA und nach Südafrika – damals noch mit Stock. Doch als Pritschet 1999 bei einer Tour stürzte, weil die Knie lange Spaziergänge nicht mehr mitmachten, holte er sich einen Rollstuhl. Damit ging es 2000 an die US-Westküste, „und das war eine Offenbarung“, gesteht er. Einfach unterwegs sein, ohne ständig nach der nächsten Sitzgelegenheit Ausschau halten zu müssen. Inzwischen nutzt Pritschet den Rollstuhl auch daheim – seit einem Sturz, nach dem er kurzzeitig gelähmt war. Zum Einkaufen fährt er mit einem kleinen E-Mobil, die Beinmuskulatur hält er am Heimtrainer fit.

Einen Gleitschirmflug wagte Henry Pritschet 2017 an seinem 75. Geburtstag. Gelandet ist er direkt im Rollstuhl.

Dass er als Rollstuhlfahrer beim Reisen viel auf fremde Hilfe angewiesen ist, daran hat sich Pritschet gewöhnt. Unebene Wege im Dschungel oder hohe Steintreppen – notfalls werden die Teilnehmer samt Rollstuhl getragen. Vieles können sie nur so erleben, wie die peruanische Ruinenstadt Machu Picchu. „Das war ein ganz großer Moment für mich“, erinnert sich Pritschet. Von zwei jungen Männern wurde er hunderte Stufen nach oben geschleppt, bis auf gut 2300 Meter Höhe. „Der Blick von ganz oben – da bleibt dir der Atem stehen.“

18 Mal ist Pritschet inzwischen mit Grabo-Tours verreist. Nach Chile, Peru, Nepal, Brasilien und zuletzt 2019 Kolumbien. Voriges Jahr sollte es nach Malaysia gehen, doch dann kam Corona. Pritschet hofft, dass er nächstes Jahr wieder auf große Fahrt gehen kann, denn dann wird er 80 Jahre alt. Und diesen runden Geburtstag würde er gern wieder an einem besonderen Ort verbringen. Den 70. hatte er in Äthiopien gefeiert, den 75. im indischen Goa – inklusive spontanem Gleitschirmflug am Strand. „Ich habe Sachen erlebt, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie je erleben darf“, blickt er zurück.

65 Länder hat der Weltenbummler schon bereist, in Asien, Afrika, Europa, Nord- und Südamerika. Konkrete Ziele, die er noch sehen will, hat er nicht wirklich. Exotisch sollten die Orte sein, wie Patagonien und Feuerland. „Aber ich nehm’s, wie’s kommt. Jedes Jahr, in dem ich überhaupt noch verreisen kann, ist ein geschenktes Jahr. Alles, was ich noch machen kann, ist ein Geschenk. Und anders als früher habe ich auch keine Angst mehr, etwas zu versäumen, wenn ich nicht wirklich alles gesehen habe“, sagt Pritschet.

Bürgermedaille für ehrenamtliches Engagement

Henry Pritschet ist im Laufe der Zeit zu einer „treibenden Kraft des örtlichen Vereinslebens“ in Forstern geworden. So hat es Altbürgermeister Georg Els in der Chronik der Gemeinde geschrieben. Seit 1971 engagiert sich Pritschet im Vorstand des Singkreises Forstern, dem früheren Eicher-Chor, in verschiedenen Funktionen, seit etwa 20 Jahren als Geschäftsführer.

Beim Volksbildungswerk (VBW) Forstern ist er seit 1984 ebenfalls im Vorstand, übernahm 1997 nach dem Tode Emil Pahls das Amt des Schriftführers und kümmert sich seitdem um Verwaltung, Kursanmeldungen, EDV und Programmhefte. Schließlich war er beim Ortsverband des VdK 20 Jahre lang als Schriftführer und Kassier aktiv.

In Würdigung dieses jahrzehntelangen Engagements wurde Pritschet im Jahr 2008 mit der Bürgermedaille geehrt. Diese bekam er im Rahmen der 50-Jahr-Feier der VBW überreicht – einen Tag vor seinem 66. Geburtstag. „Die Bürgermedaille ist eine Ehre für mich“, hatte der gebürtige Allgäuer damals bei der Verleihung gesagt, „doch es ist auch ein Beweis, dass man nicht 100 Meter in zehn Sekunden laufen können muss, um leistungsfähig zu sein“.

Der damalige Bürgermeister Els sagte bei der Verleihung: „Es ist auch ein Zeichen des Mutes für alle körperlich behinderten Mitbürger, dass körperliche Gebrechen kein Grund sind für gesellschaftliche Ausgrenzung und Resignation.“ vam

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