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Abenteurer Henry Pritschet (73)

Mit dem Rollstuhl in die weite Welt

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Forstern – Henry Pritschet ist Weltenbummler, Ländersammler, Abenteurer. Fast 60 Länder hat der Forsterner (73) schon bereist. Von seiner Leidenschaft hält ihn auch seine Gehbehinderung nicht ab: Er ist im Rollstuhl weltweit unterwegs.

Dicht an dicht spannen sich die Fäden über die Landkarte. Sie reichen bis nach Chile und Peru, nach Nepal, Myanmar und Afghanistan, in die Sahara und den Jemen. Zusammen laufen sie alle an einem Punkt: An dem Fähnchen, das den Ort Forstern markiert. Von hier aus ist Henry Pritschet in den vergangenen Jahrzehnten zu seinen Reisen aufgebrochen – und der 73-Jährige möchte noch viel mehr von der Welt sehen. „Jedes Jahr, in dem ich noch verreisen kann, ist ein geschenktes Jahr“, sagt Pritschet. Denn zum zunehmenden Alter kommt noch ein Handicap, das ihn schon sein ganzes Leben begleitet.

Im Alter von zwei Jahren war er an Kinderlähmung erkrankt und ist seitdem gehbehindert. Mittlerweile ist er mehr und mehr auf den Rollstuhl angewiesen, kann mit Krücken nur kurze Strecken überwinden. Aber das Reisen deshalb aufgeben? Für Pritschet war das nie eine Option. Dank des Veranstalters Grabo Tours, der sich auf Handicap-, Rollstuhl- und Behindertenreisen spezialisiert hat, kann er auch im Rollstuhl die Welt erkunden.

Rund ein Dutzend Touren hat Pritschet so schon unternommen. Voriges Jahr war er in Brasilien, in den Jahren davor in Peru und Nepal. In diese Länder sind auf der Landkarte, die im Gang in Pritschets Haus in Forstern hängt, noch keine Schnüre gespannt. „Ich muss sie mal auf den neuesten Stand bringen“, sagt er lachend.

Auch Äthiopien fehlt noch. Das ostafrikanische Land, das er im November 2012 knapp drei Wochen lang besucht hat, steht im Mittelpunkt eines Vortrags am Donnerstag, 17. März, beim Forsterner Hirschbachwirt. Zu sehen und hören gibt es selbst geschriebene Texte sowie eine Auswahl aus Videos und rund 2000 Fotos, die der Weltenbummler in Äthiopien geschossen hat.

Nur auf wenigen seiner Bilder ist er selbst drauf. „Ich bin nicht so der Selfie-Typ“, gesteht Pritschet, der sich neben seinen Reisen ehrenamtlich in Forstern engagiert. Er sang einst im Eicher-Chor, ist heute beim Singkreis Forstern, im VdK-Ortsverband und beim Volksbildungswerk aktiv. Ein Engagement, für das er vor fast acht Jahren mit der Bürgermedaille der Gemeinde ausgezeichnet wurde.

„Wir waren in Äthiopien in einer kleinen Gruppe unterwegs, mit zwei Begleitern aus Deutschland“, erzählt der 73-Jährige, der immer mit eigenem Rollstuhl verreist. Das habe reibungslos funktioniert, ebenso die Betreuung vor Ort. Mit Kleinbussen ging es von der Hauptstadt Addis Abeba über den Tanasee und den Blauen Nil bis zu den Felsenkirchen von Lalibela.

Pritschet lernte einen äthiopischen König kennen, probierte Brot aus den fermentierten Blättern der falschen Banane, beobachtete Nilpferde aus nächster Nähe, trank frisch gerösteten Kaffee. „Man erlebt sehr viel“, sagt er. Doch Teerstraßen, Rampen, Rolltreppen – Fehlanzeige. Stattdessen gibt es unebene Wege im Dschungel und hohe Steintreppen. Aber auch das sei alles kein Problem. „Die gegenseitige Neugier ist groß, auch die Hilfsbereitschaft vor Ort. Wir wurden von Helfern viel getragen“, sagt Pritschet – und zwar mitsamt Rollstuhl.

Daran hat sich der Weltenbummler inzwischen gewohnt. Denn vieles kann er nur so erleben. Die peruanische Ruinenstadt Machu Picchu zum Beispiel. „Ich habe ja schon vieles gesehen, aber das war ein ganz großer Moment für mich“, erinnert sich Pritschet mit funkelnden Augen. Von zwei jungen Männern war er hunderte steinige Stufen nach oben geschleppt worden. „Uno, dos, tres!“ zählten sie jedes Mal, bevor sie den 73-Jährigen samt Rollstuhl ein Stückchen näher an ihr Ziel in mehr als 2300 Metern Höhe hievten. „Und auf einmal standen wir ganz oben“, erzählt Pritschet. Er drehte sich um – und blickte auf eine der berühmtesten Ruinenstädte der Welt. „Da bleibt dir der Atem stehen.“

Und atemberaubende Fleckchen hat Pritschet schon viele gesehen. Unter dem Plan mit den Fäden kleben weitere Landkarten auf der Wand in seinem Haus, vor allem von Europa und dem Nahen Osten. Mit einem roten Marker hat Pritschet die Routen eingezeichnet, die er schon gefahren ist. Denn früher – „als es mit dem Gehen noch besser ging“ – war er oft mit dem Campingbus und in Begleitung seiner Frau unterwegs, in Europa, Afrika, Asien.

„Die erste große Fahrt ging vor genau 50 Jahren ins Hindukusch-Gebirge in Afghanistan“, erinnert er sich. „Mit dem VW-Bus, über eine einfache Strecke von 8000 Kilometern.“ Pritschet war in der Sahara unterwegs, wo sein Auto den Geist aufgegeben hat und später vom ADAC zurückgeholt wurde. Er fuhr durch die Gegenden der Ukraine, wo inzwischen Krieg herrscht. Er hat die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien besucht. Jene antike Stätte und Teil des Weltkulturerbes, die jüngst von der Terrormiliz Islamischer Staat teilweise zerstört wurden.

„Die 60er-, 70er- und 80er-Jahre waren die besten Reisezeiten“, sagt Pritschet. Jemen, Afghanistan, Jordanien, Osttürkei: In dieser Zeit hat er viele Orte besucht, die heute als Krisengebiete gelten. Orte, an die man heute besser nicht mehr reisen sollte. „Vieles davon wäre lebensgefährlich. Das ist traurig“, sagt Pritschet.

Als Exportkaufmann – zunächst bei der Traktorenfirma Eicher in Forstern, später bei Stahlgruber in München – hatte Pritschet auch beruflich mit der ganzen Welt zu tun. Englisch, Französisch und Spanisch spricht er fließend, von anderen Sprachen versucht er, sich zumindest ein paar Brocken anzueignen. Insgesamt rund 60 Länder hat Pritschet schon bereist, verteilt auf Nord- und Südamerika, Asien, Europa und Afrika. Nur zwei Kontinente konnte er noch nicht abhaken: Antarktika und Australien. „Aber ich war schon am Kap Hoorn, dem südlichsten Punkt Südamerikas und somit ganz nah an Antarktika“, erzählt Pritschet lachend. Und Australien? „Das hat mich bisher nicht gereizt. Es ist mir ein bisschen zu europäisch.“

Die exotischen Flecken der Erde sind es, die Pritschet magisch anziehen. Wie Vietnam und Kambodscha zum Beispiel. Da soll es vielleicht in diesem Jahr hingehen. Dann kann Henry Pritschet ein paar weitere Schnüre vom Forstern-Fähnchen aus spannen.

Vortrag

Was Henry Pritschet in Äthiopien erlebt hat, gibt es am Donnerstag, 17. März, im Hirschbachwirt zu sehen. Ab 19.30 Uhr zeigt er die Show über seine Reise in den Osten Afrikas.

Vroni Macht

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