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Mittendrin: Emil Pahl, Gründervater des Volksbildungswerks, umringt von Kindern beim Kinderfasching beim Wörl im Jahr 1971.

60 Jahre Volksbildungswerk Forstern

Forstern, das schlaue Dorf

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Das Volksbildungswerk Forstern wurde vor 60 Jahren gegründet. Seine Wurzeln hat die Einrichtung der Erwachsenenbildung in den Eicher-Traktorenwerken.

Forstern– Es war alles andere als ein Aprilscherz, als am 1. April 1958 das Volksbildungswerk (VBW) Forstern aus der Taufe gehoben wurde. „Anfangs war es vor allem für junge Leute gedacht, die im Eicher-Traktorenwerk eine Ausbildung gemacht haben“, erklärt der langjährige Schriftführer Henry Pritschet (75). Die Gründer haben damals schon große Weitsicht bewiesen: Das VBW ist noch heute eine im Landkreis einzigartige Einrichtung der Erwachsenenbildung.

Der Vorläufer des VBW war bereits ein gutes halbes Jahr vor der Gründung, im September 1957, auf Vorschlag des Eicher-Betriebsrats ins Leben gerufen worden: eine Arbeitsgemeinschaft zur Weiterbildung von Werksangehörigen. Vor allem kaufmännische Angestellte sollten mit Vorträgen und Seminaren die Möglichkeit zur beruflichen Weiter- sowie zur allgemeinen Bildung bekommen. „Die Mobilität war damals sehr eingeschränkt. Es gab ja kaum eine Möglichkeit, nach Erding oder gar nach München zu kommen“, erklärt Pritschet.

Die ersten Veranstaltungen waren Vorlesungen von Schulleiter Franz Jaksch, später gab Hugo Kollitz auch Musikkurse. Dass alleine im ersten halben Jahr mehr als 800 Personen am Angebot teilnahmen, war letztlich ausschlaggebend dafür, die Bildungsarbeit auf die ganze Gemeinde auszudehnen.

Gründung am 1. April 1958

Und so trafen sich an besagtem 1. April 1958 im Schulungsraum der Firma Eicher 36 Bürger, um das Volksbildungswerk der Gemeinde Forstern e. V. zu gründen. Dessen Zweck ist in der Satzung festgeschrieben: „Der Verein dient der Pflege und Förderung der Volksbildung. Er will als gemeinnützige Einrichtung den Mitgliedern und der Bevölkerung der Gemeinde Forstern und Umgebung durch Kurse, Vorträge, kulturelle Veranstaltungen und Aussprachen die Möglichkeit zu persönlicher und beruflicher Weiterbildung bieten. Der Verein soll bei der Fortbildung der Jugend und sonstigen kulturellen Aufgaben mitwirken.“

Dr. Egon Streit war der erste Vorsitzende des VBW, seine Stellvertreter wurden Albert Eicher und Bürgermeister Hans Reiser, Geschäftsführer Emil Pahl. Der Verein wurde ins Vereinsregister eingetragen und dem Bayerischen Volkshochschulverband angeschlossen. Seit dieser 1987 neu organisiert worden war, ist das VBW dort nicht mehr als eigenständige Institution geführt, sondern an die VHS Erding angegliedert. Bei der Programmgestaltung ist man in Forstern aber nach wie vor autark.

Traditionelle Tänze haben die Kinder 1967 beim VBW gelernt.

Am 17. September 1997 verstarb Pahl im Alter von 91 Jahren. Fast bis zu seinem Tod war er für das VBW, sein Lebenswerk, tätig. Den Vorsitz übernahm der jetzige Altbürgermeister Josef Eicher, der Pahls Engagement einst so schilderte: „Es ist nicht mit Worten zu beschreiben, was Pahl für Forstern und den ganzen Landkreis bewirkt hat.“ Eichers Stellvertreterin wurde Pahls Tochter Anita Rottenbiller, Schriftführer Pritschet übernahm die Geschäftsleitung, Kassier wurde Anton Grill – beide sind noch immer im Vorstand aktiv.

Zu Beginn des VBW fanden kaufmännische und technische Kurse, Musik- und Sprachunterricht sowie Seminare in Malen, Fotografie und für junge Kaufleute zu Fragen der Wirtschaft statt. Später kamen die Turn- und Tanzgruppen unter der Leitung von Auguste Pahl hinzu, bei denen Generationen von Kindern und Jugendlichen Spaß an der Bewegung hatten. Außerdem gab es Reiseberichte, Koch-, Back- und Töpfer- sowie Schreibmaschinen- und Nähkurse.

Heute, 60 Jahre nach der Gründung, gibt es die kaufmännischen Seminare nicht mehr. Auch die beliebten Theaterfahrten werden nicht mehr angeboten, seit deren Organisatorin Resi Hamberger im Jahr 2013 verstorben ist. Auf Studienfahrten müssen die Teilnehmer ebenfalls verzichten. Sie führten seit 1963 tausende Teilnehmer nach Berlin, Paris, Rom, London oder Israel. „Als die Busunternehmen verstärkt angefangen haben, eigene Reisen anzubieten, nahm die Nachfrage ab“, erklärt Josef Ganter, der seit 2012 VBW-Vorsitzender ist. Außerdem seien die Bestimmungen für die Durchführung viel schärfer geworden.

Seit 2015 in neuen Räumen

Was geblieben ist, sind die Unterrichtsstunden in Fremdsprachen, die inzwischen einen Großteil der Kurse ausmachen. Aktuell werden Englisch, Italienisch und Spanisch angeboten, außerdem organisiert Trude Frigeri seit Jahren Exkursionen nach England. Den Unterricht gestalten Sprachlehrer, Muttersprachler oder auch Menschen, die lange Zeit im Ausland gelebt und dort die Sprache erlernt haben. „Wir sind immer auf der Suche nach weiteren Lehrern“, erklärt Ganter (67). Deutsch für Ausländer zum Beispiel wolle man gerne anbieten, weitere Fremdsprachen oder wieder einen Englischkurs für Anfänger, denn aktuell gibt’s den nur für Fortgeschrittene.

Während die Nachfrage nach PC-Kursen nachlasse, seien Gesundheitskurse, von Klangschalen-Meditation bis hin zu Schüßlersalzen, sowie Mal-Unterricht sehr beliebt. „Zu den Standardkursen probieren wir immer mal was Neues aus“, erklärt Ganter – Fotokurse, wie das Fotografieren mit dem Smartphone zum Beispiel. Manches davon komme an. Anderes, wie Origami, käme hingegen gar nicht erst zustande.

Der aktuelle VBW-Vorstand (v. l.): Kassier Anton Grill, Vorsitzender Josef Ganter, Schriftführer Henry Pritschet (sitzend) und Stellvertreter Georg Wörl.

Rund 350 Teilnehmer zählt das VBW pro Jahr, viele davon sind seit Jahrzehnten dabei. Sie kommen nicht nur aus Forstern und Umgebung, sondern zum Teil sogar aus Landshut und München. Unterrichtet werden sie seit 2015 in hellen, großen Räumen im Gewerbegebiet. „Die schönen Räume werden sehr gut angenommen“, freut sich Ganter. Zuvor fanden die Kurse im Schulgebäude statt, ganz zu Beginn in den Räumen der Firma Eicher.

Welche Bedeutung das VBW hat, verdeutlichte Kreisheimatpfleger Hartwig Sattelmair vor zehn Jahren anlässlich des 50-jährigen Bestehens mit einem Vortrag, der da hieß: „Kultur als Lebenselixier im ländlichen Raum.“

Den damaligen Festakt nutzte Bürgermeister Georg Els auch, um Pritschet die Bürgermedaille zu verleihen. Die hatten vor ihm bereits Pahl (1985), Jaksch (1986), Pfarrer Korbinian Riedmaier (1988), Streit (1993), Gottfried Läuger (1995) und Josef Eicher (2001) bekommen.

60 Jahre VBW Forstern

werden am Freitag, 16. November, ab 19 Uhr in der kleinen Turnhalle gefeiert. Neben Grußworten stehen auch Ehrungen auf dem Programm. Der Singkreis Forstern unter Leitung von Konrad Huber umrahmt den Abend musikalisch, und Henry Pritschet zeigt eine Fotoshow über die vergangenen Jahrzehnte.

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