+

Vor knapp einem halben Jahr war Schluss

Das Leben nach dem Amarillo’s

  • schließen

Knapp ein halbes Jahr ist es her, seit das Amarillo’s in Forstern zusperren musste. Die Pächter haben sich neue Aufgaben gesucht. In der Forsterner Ortsmitte jedoch tut sich nach wie vor nichts.

Forstern– Elf Jahre lang waren Marisa Neglia (43) und Jacky Cleever (58) im Nachtleben zuhause – als Pächter der Musikkneipe Amarillo’s im Herzen Forsterns.Jetzt sind sie wieder zu Tagmenschen geworden – gezwungenermaßen. Ende Februar mussten sie ihre Kneipe zusperren. Die Kirche als Eigentümerin hatte den Pachtvertrag endgültig gekündigt – auch, um mit den Arbeiten fürs neue Pfarrzentrum zu beginnen.

„Wir müssen komplett umdenken“, haben Neglia und Cleever vor knapp einem Jahr gesagt. Und das haben sie getan. Neglia hat fast übergangslos einen neuen Job gefunden. Sie bedient im Gasthof zur Post im nur wenige Kilometer entfernten Hohenlinden. Die Stelle hat sie über dessen zweite Chefin Centa bekomme, die immer wieder Gast im Amarillo’s war.

Seit April ist Neglia im Service beschäftigt – Vollzeit und mit eher ungewohnten Arbeitszeiten. „Manchmal fange ich um 10 Uhr an. Da sind wir früher oft erst ins Bett gekommen“, sagt sie lachend. Zwar sei es anfangs eine ziemliche Umstellung gewesen, doch das Team habe sie herzlich aufgenommen. „Es kommen auch viele Amarillo’s-Stammgäste her. Ich fühle mich zuhause“, sagt Neglia.

In ihrem neuen Team im Gasthof zur Post in Hohenlinden (Kreis Ebersberg) wurde Marisa Neglia (Bild oben, r.) herzlich aufgenommen. Unser Bild zeigt sie inmitten ihrer neuen Arbeitskollegen rund um Küchenchef und Geschäftsführer Oskar Lohmaier (3. v. l.).

Cleever hat sich nicht ganz aus dem Nacht- und Partyleben zurückgezogen. „Ich freue mich schon, wieder Musik zu machen. Das war immer ein Teil meines Lebens“, erzählt der 58-Jährige, der vor allem alte Kontakte wieder auffrischen will, unter anderem in sein Heimatland Österreich und zu diversen Agenturen. Unbekanntes Terrain betritt er damit nicht: In den 80er und 90er Jahren war Cleever ein bekannter Elvis-Imitator, spielte sogar die Hauptrolle in einem Elvis-Musical.

Daneben steckt sein Herzblut in der Amarillo’s House Band, die nach wie vor auftritt. Im Hirschbachwirt in Forstern zum Beispiel, das nächste Mal am 29. August um 19 Uhr. „So bleibt unsere Musik bestehen und wir haben Spaß“, erzählt Cleever.

Zurück in die Musikwelt will Jacky Cleever. Er widmet sich nach dem Aus des Amarillo’s wieder mehr seiner Musik: Als Elvis-Showact möchte er Fuß fassen (Bild links).

Darum geht’s auch beim inoffiziellen Amarillo’s-Stammtisch, „zu dem alle geballt kommen – aus Forstern, Poing, Forstinning, Isen. Es ist einfach schön, über alte Zeiten zu reden“, erzählt Neglia. Sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe mit bislang mehr als 250 Leuten gebe es.

Komplett abgehakt hätten die beiden das Kapitel Amarillo’s noch nicht. „Gerade am Anfang „war es schon grob“, geben sie zu. „Die eine Woche war noch Halligalli, und auf einmal ist alles vorbei“, blickt Neglia zurück.

Und Cleever sagt: „Ich hätte es mir nicht so schlimm vorgestellt.“ Noch in den Stunden nach der letzten Party wurde mit dem Abdekorieren begonnen. „Irgendjemand hat einen Sombrero von der Wand geschraubt. Da haben die anderen mitgemacht“, erzählt Neglia. Jeder hat sich ein Andenken mitgenommen, sogar Tischdecken und Teelichter wollte jemand haben. Sie selbst haben unter anderem ein Schild mit nach Hause genommen, und Bretter der ehemaligen Hacienda zieren das Gartenhaus.

„Am schlimmsten war es, als die Bar rausgerissen wurde“, bekennt Neglia mit Tränen in den Augen. Es sei, „als würde man einem das Herz rausreißen“, ergänzt Cleever und erzählt: „Wir waren alle gemeinsam an der Bar, jeder hat eine Runde geweint, dann haben wir angefangen.“

Ganz verloren ist das gute Stück aber nicht. Ein Stammgast und Spezl der beiden hat die Bar in kleiner Form in seinem Keller wieder aufgebaut.

„Da gibt’s jetzt ein Miniatur-Amarillo’s. Wenn wir Sehnsucht haben, gehen wir dorthin“, sagt Cleever. Allmählich kehre der Alltag ein, auch wenn vieles noch ungewohnt sei. „Elf Jahre lang haben wir uns 24 Stunden am Stück gesehen“, erzählt Neglia. Jetzt trennt sie ein ganzer Arbeitstag. „Aber so haben wir uns wenigstens beim Kaffee in der Früh wieder was zu erzählen“, fügt sie lachend hinzu.

Auch wenn es sie verwundert, dass sich in der Ortsmitte nach wie vor nichts tut  – über das Ende des Amarillo’s sagen die beiden inzwischen: „Irgendwann muss Schluss sein.“ Die Unsicherheit, das ständige Verlängern des Pachtvertrags um ein Jahr – „man war immer aufgewühlt und panisch, wann es so weit sein würde. Selbst wenn wir noch länger hätten drin bleiben hätten können – wir wollten nicht mehr“, geben sie zu.

Lesen Sie dazu auch: 

Musikkneipe Amarillo‘s wird abgerissen: Aus der Traum

Die letzte Veranstaltung: Abschied vom „zweiten Wohnzimmer“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Erding steht Kopf
An diesem Bild stimmt doch was nicht. Auf der Fassade des Stiftungszelts hat sich ein Fehler eingeschlichen.
Erding steht Kopf
Gemeinsamer Mittagstisch für Senioren
Mittagessen als Gemeinschaftserlebnis: Für ältere, alleinstehende Menschen ist das oft sehr wichtig. Im Mehrgenerationenhaus (MGH) Taufkirchen wird ein …
Gemeinsamer Mittagstisch für Senioren
Plaudernde Politiker, faszinierendes Feuerwerk
Restlos begeistert war Dorfens Bürgermeister Heinz Grundner am Mittwochabend beim Kommunalpolitikertreff auf dem 141. Dorfener Volksfest.
Plaudernde Politiker, faszinierendes Feuerwerk
Radfahrerin stürzt auf Fahrbahn
Auf dem Übergang von der Straße auf den Radweg vor dem Amtsgericht ist am Donnerstagabend eine Radlerin gestürzt.
Radfahrerin stürzt auf Fahrbahn

Kommentare