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Bei Gelb sieht Landwirt Eberl Rot

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Von: Friedbert Holz

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Wie soll von hier eine Überflutung ausgehen? Landwirt Michael Eberl zeigt auf einem seiner Felder an der St 2082, dass die Straße wesentlich höher liegt als die als Gelbes Gebiet eingestufte Fläche, auf der er steht.
Wie soll von hier eine Überflutung ausgehen? Landwirt Michael Eberl zeigt auf einem seiner Felder an der St 2082, dass die Straße wesentlich höher liegt als die als Gelbes Gebiet eingestufte Fläche, auf der er steht. © Friedbert Holz

Wenn Michael Eberl über die Farbe Gelb spricht, dann sieht er Rot. Der Landwirt aus Tittenkofen führt mit seiner Familie den Soana-Hof, einen Betrieb mit Bullenmast und Ackerbau. Die Milchviehhaltung hat er schon vor sieben Monaten aufgegeben (wir berichteten), Silomais, Körnermais und Weizen stehen aber noch auf seinen Feldern. Er ist eigentlich ein freundlicher Mittfünfziger, Vater von vier Kindern, zwei davon schon berufstätig. Was ihn aber so echauffiert, ist eine ihm zufolge irrtümliche Einordnung seiner Flächen als so genannte eutrophierte Gebiete, die auf der Karte gelb markiert werden – und hohe Anforderungen für die Düngung mit sich bringen.

Tittenkofen – Schon Ende 2020 wurde im Bayerischen Ministerialblatt eine entsprechende Verordnung veröffentlicht, in der jede betroffene Fläche aufgeführt ist. Bei Starkniederschlag soll demnach Ackerboden auch von Eberls Flächen abgeschwemmt werden und in die Strogen fließen. Die Strogen ist im Landkreis Erding mit Phosphat belastet, was für verstärktes Wachstum von Wasserpflanzen und Algen sorgt. Eberl bestreitet nicht, dass die Landwirtschaft dafür mit verantwortlich ist. Er ist sich jedoch sicher, dass von seinen Flächen kein Sediment, an das Phosphor gebunden ist, mit Regenwasser in die Strogen gespült werden kann, die Kartierung sei völlig falsch.

„Auch ich als Landwirt bin für sauberes Wasser als unverzichtbare Lebensgrundlage für die Natur und uns Menschen“, stellt er klar. „Solange diese Ausweisungen nachvollziehbar und auch umsetzbar sind, akzeptiere ich, wie viele meiner Kollegen, solche landwirtschaftlichen Flächen mit hoher Stickstoffbelastung im Wasser als so genannte Rote Gebiete.“ Dass jedoch rund 70 Prozent seiner Felder als Gelbe Gebiete – quasi eine Stufe darunter – laufen sollen, versteht Eberl überhaupt nicht.

Ein Großteil seiner Felder liege, von Tittenkofen in Fahrtrichtung Erding gesehen, links der dort verlaufenden Staatsstraße 2082. „Die meisten dieser Flächen sind vom Wasserwirtschaftsamt (WWA) München als Abflussgebiet der Strogen ausgewiesen, eben als gelbe Flächen markiert. Dabei könnte von diesen Flächen gar kein Wasser in die Strogen fließen, weil sie wesentlich tiefer liegen als der Bach“, ist Eberl überzeugt.

Ein solcher, ihm zufolge, Irrtum bei der Einordnung in „Gelbe Gebiete“ bedeute für betroffene Landwirte unliebsame Konsequenzen: Sie müssten bei der Bewirtschaftung einen verpflichtenden Anbau von Zwischenfrucht umsetzen und bei entsprechender Topografie erweiterte Gewässer-Abstände bei der Düngung einhalten. Dazu Eberl: „Schon seit 25 Jahren baue ich Zwischenfrüchte an, nach Getreide ist auch nichts dagegen einzuwenden. Doch bei Früchten, die später geerntet werden, besteht für mich außer mehr Kosten und Arbeit sowie für die Natur keinerlei Nutzen.“

Auf Nachfrage beim WWA, dass ein direkter Einlauf gar nicht möglich sei, habe man ihm mitgeteilt: „Wasser aus besagten Feldern könnte die Staatsstraße überfluten und dann in Richtung Lohkirchen bis hin zum so genannten Schwarzen Graben fließen.“ Doch das hält Eberl für abstrus: „In diesem Graben stand noch nie Wasser, die Straße war seit Menschengedenken nie überflutet. Wie soll das gehen?“ In diesem Sommer habe das WWA am Schwarzen Graben zum Pressetermin geladen, bei dem festgestellt worden sei, dass kein Wasser von den umliegenden Flächen in den Graben laufe. Eberl hält das für absurd.

„Ich komme mir vor wie Buchbinder Wanninger, werde von einer Behörde zur anderen geschickt – und keiner ist zuständig“, sagt Eberl, der Kontakt mit dem Erdinger Landwirtschaftsamt, mit CSU-Landtagsmitglied Ulrike Scharf und dem Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft und Bodenschutz im Landesamt für Umwelt (LfU) hatte – um letztlich wieder beim WWA zu landen.

Diese Behörde war übrigens wiederum bei einem Vor-Ort-Termin im Sommer mit Landwirten und Politikern bei Buch am Buchrain der Behauptung eines Betriebsleiters nachgegangen, dass auch seine Felder von einer falschen Kartierung betroffen seien (wir berichteten). Der Bauer konnte dabei nachweisen, dass das Wasser auf seinem Areal in eine ganz andere Richtung abfließe als behauptet. Dass bei der Kartierung der verschiedenen Gebiete durchaus Fehler passieren können, räumte wie berichtet auch Christian Leeb, Leiter des Wasserwirtschaftsamts, ein. Einstufungen würden am Computer vorgenommen, „im Einzelfall“ könne es hier zu Fehlbewertungen kommen, „die wir aber lokal überprüfen können“.

Eberl macht sich derweil generell Sorgen um die Zukunft seines Gewerbes. Er fragt sich, „was denn in weiteren Jahren noch so alles auf uns zukommt. Gefühlt werden uns Landwirten alle paar Monate neue Daumenschrauben angelegt. Da ist es doch kein Wunder, dass viele Kleinbetriebe aufgeben.“ Er und seine Kollegen im Landkreis könnten gegen eine Falsch-Einstufung gerichtlich vorgehen. „Doch dazu braucht es ein Gutachten, zudem fehlt uns dazu die Zeit: So etwas kann sich bis zu zwölf Jahre hinziehen, vom finanziellen Einsatz ganz zu schweigen.“ Und so hofft er, dass das Wasserwirtschaftsamt seine Flächen vielleicht doch noch umstuft. „Denn letzten Endes geht’s um die Glaubwürdigkeit der Düngeverordnung und der Landwirtschaftspolitik. Wenn wir bäuerliche Kleinbetriebe erhalten wollen, muss sich etwas ändern.“

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