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Erstes Zusammentreffen in Grucking (sitzend, v. l.): Rhonda und Harry Rose aus den USA, Maria Gebhard; (stehend v. l.) Ingrid Rauch, Petra Prediger und Rudi und Marlene Rauch. 

Über 70 Jahre nach dem Holocaust 

Bei den Lebensrettern der Großmutter

Grucking/Miami - Die Wirtsleute Maria und Alois Rauch sen. aus Grucking haben im Zweiten Weltkrieg die Jüdin Elfriede Seitz versteckt und ihr damit das Leben gerettet. Jetzt, 72 Jahre nach Kriegsende, besuchte Harry Rose (66) erstmals das Versteck seiner Großmutter und sprach den Hinterbliebenen der Rauchs seinen Dank aus.

Es ist kurz vor Mittag, als Harry und Rhonda Rose aus Miami die Stube des Gasthauses Rauch in Grucking betreten. Dort werden sie bereits sehnsüchtig von Maria Gebhard (87), Tochter von Maria und Alois Rauch sen., erwartet. Auch Nichte Petra Prediger, Neffe Rudi Rauch und Ehefrau Marlene sowie Schwägerin Ingrid Rauch sind gekommen, um den Besuch aus Amerika zu begrüßen.

Die Geschichte, die sich hinter diesem Treffen verbirgt, ist ebenso anrührend wie tragisch. Maria Gebhard, geborene Rauch, ist 13 Jahre alt, als eine Frau namens Elfriede Maier im Jahr 1943 das Gasthaus ihrer Eltern in Grucking betritt. Unter dem Vorwand, ihre Wohnung sei bei einem Bombenangriff in München zerstört worden, findet sie bis zum Kriegsende Zuflucht bei den Wirtsleuten.

Am 1. Mai 1945 ist es schließlich soweit. Amerikanische Panzer und Soldaten läuten in Grucking das Ende des Krieges ein. Zu dieser Zeit erfährt Gebhard die Wahrheit über Elfriede Maier. Bei „Tante Friedl“, so hat sie die neue Bewohnerin immer genannt, handelt es sich um die Jüdin Elfriede Seitz. Sie musste nach dem Tod ihres christlichen Ehemannes Heinrich vor den Nazis fliehen und fuhr daraufhin mit dem befreundeten Kunstmaler Egon Kubertzky in den kleinen Ort in der Nähe von Erding. Alois Rauch sen. pflegte eine tiefe Freundschaft zu Heinrich Seitz und nahm die Witwe ohne zu zögern auf. Eine Entscheidung, die in der NS-Zeit außerordentlichen Mut erforderte.

Die 1889 geborene Jüdin kehrt nach Kriegsende zunächst nach München zurück. Im Juli 1946 wandert sie zu ihrer Tochter Lilly in die USA aus. Der Briefkontakt bleibt bis 1968 bestehen, bis Seitz drei Jahre später verstirbt.

Lillys Sohn Harry Rose und Ehefrau Rhonda sind auf der Suche nach Informationen über die Vergangenheit der Großmutter auf die Hypovereinsbank München gestoßen. Ihr gehörte das Gebäude, in dem die Jüdin einst einen Kleidungsladen betrieben hatte. Ein Angestellter verwies die Eheleute auf den Münchner Merkur.

Die Heimatzeitung berichtete 2014 über die Geschichte von Elfriede Seitz und die nachträgliche Auszeichnung des Ehepaars Rauch. Sie wurden posthum von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der israelischen Botschaft als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Maria Gebhard nahm die Auszeichnung für ihre Eltern entgegen.

Mit Hilfe des Berichts und eine Internet-Recherche später, machten die Amerikaner die E-Mail-Adresse von Rudi Rauch, Enkel von Alois Rauch sen., ausfindig. Die Familien verabredeten sich. Jetzt kam es zum Besuch.

Harry und Rhonda Rose überreichten Maria Gebhard ein Heft voller Fotos und historischer Dokumente. Die Zeitzeugin zeigte sich sichtlich gerührt und präsentierte stolz die beiden roten Ordner, in denen sie ihre persönlichen Erinnerungen an „Tante Friedl“ aufbewahrt.

„Meine Großmutter hat sich in Amerika nie heimisch gefühlt und ist jedes Jahr nach Deutschland gereist“, erzählt Harry Rose (66). Und: „Es war ihr Wunsch, in Deutschland zu sterben.“ Dieser ging in Fischbachau in Erfüllung. Einem Rechtsanwalt ist die Beisetzung von Elfriede Seitz auf dem Jüdischen Friedhof an der Dachauer Straße in München zu verdanken. Ihr Enkel wird das Grab ebenso besuchen wie das Jüdische Museum, dem er seine gesammelten Unterlagen zur Verfügung stellen will. (Julia Pfeil)

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