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Lohnt sich das alles noch? Michael und Claudia Eberl in ihrem Stall in Tittenkofen. Mit der Milchviehhaltung wird es in einem Jahr vorbei sein. Dann gibt es im Ort keinen einzigen Milchbauern mehr. 

Landwirtsfamilie fasst Entschluss

Traditions-Landwirt will Tierhaltung aufgeben - „Die Schlinge zieht sich immer weiter zu“

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Michael Eberl ist Landwirt in vierter Generation. In Tittenkofen bewirtschaftet er mit seiner Frau Claudia den Soana-Hof mit 24 Kühen, Weizen- und Silomaisanbau. Eberl will die Milchviehhaltung aufgeben. Und das längst nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen.

  • Die Eberls bewirtschaften in Tittenkofen einen Bauernhof. 
  • Die Haltung von Milchkühen will Landwirt Michael Eberl nun allerdings aufgeben.
  • Schuld sind daran nicht nur wirtschaftliche Gründe.

Tittenkofen - Die Eberls sind kein Einzelfall. 925 Rinderhalter gibt es im Landkreis, berichtet Jakob Maier, Kreisobmann des Bauernverbandes, 553 davon halten Milchkühe. Bayernweit, so Maier, nimmt die Zahl der Rinderhalter um 3,4 Prozent ab – pro Jahr. Von 100 Höfen werden jährlich ein bis zwei aufgegeben.

Zu ihnen will Eberl nicht gehören. Noch gehört er unter den knapp 2000 Betrieben zu den 52 Prozent Haupterwerbslandwirten. Bald könnte er zu den 48 Prozent Nebenerwerblern zählen. Deren Zahl wächst.

Die Besamung der Tiere hat Michael Eberl schon eingestellt

Vor 25 Jahren hat er den Hof mit 30 Hektar Betriebsfläche vom Vater übernommen – mit 18 Kühen. Heute sind es 24. Aber wie lange noch? „Vor drei Monaten habe ich mit der Besamung aufgehört“, verrät er. Das heißt, mit der Zucht ist es in einem Jahr vorbei. Eberl kauft kein Vieh dazu.

35 Cent pro Liter Milch bekommt er zurzeit. „Die Molkereien sagen, das ist ein super Preis“, zitiert Eberl. Aber um welchen Preis? Der 53-Jährige steht jeden Tag um 6 Uhr auf, auch am Ersten Weihnachtsfeiertag, an Neujahr oder wenn er eigentlich mit 39 Grad Fieber ins Bett gehört. Die Stallarbeit ist um 9 Uhr zu Ende, am Abend wiederholt sich das Ganze, egal ob Bundesliga ist oder ein Spezl Geburtstag feiert.

Traditions-Landwirt will Tierhaltung aufgeben: Urlaub ist nicht planbar

Urlaub brauchen die Eberls mit ihren vier Kindern, die zehn, 14, 20 und 22 Jahre jung sind, nicht zu planen. „Wenn wir keinen Betriebshelfer bekommen, müssen wir hierbleiben“, sagt Claudia Eberl, die gelernte Zahnarzthelferin ist, sich dann aber doch der Liebe wegen für ihren Mann entschieden hat – und damit für die Landwirtschaft. Erst letztes Jahr war genau das der Fall.

Der Urlaub fällt auch flach, wenn die Ernte unerwartet früher beginnt. Eberl mäht im Fliegerhorst Wiesen direkt neben der Startbahn. „Wann das passiert, entscheide nicht ich. Da kommt ein Anruf von der Bundeswehr, dass es kurzfristig möglich ist, und dann muss ich raus.“ Die Familie hat sich einen Wohnwagen gekauft. „Es ist völlig unrealistisch, dass wir eine Reise buchen. Mit dem Wohnwagen sind wir unabhängig“, sagt die 49-Jährige. Wenn der Italien-Trip wieder mal ausfällt, können die Kinder wenigstens im Schwimmbecken im Garten baden.

Landwirtschaft in Tittenkofen: Die Ausgaben steigen immer weiter - die Einnahmen stagnieren

Natürlich ist da auch die wirtschaftliche Seite: „Die Einnahmen bleiben gleich“, rechnet Michael Eberl vor. Aber die Ausgaben steigen. So hat etwa die Lkw-Maut auf Landstraßen das Mineralfutter um fünf Prozent verteuert. „Die legen das einfach um, wir Bauern sind das letzte Glied in der Kette. Für den Doppelzentner Weizen bekommt Eberl 15 Euro. Die Semmeln, die daraus gebacken werden, kosten 40 Cent. Dem Landwirt bleiben gerade einmal ein bis zwei Cent. „Die Schlinge zieht sich immer weiter zu“, sagt der 53-Jährige. Sein jüngster Schlepper ist 32 Jahre alt. „Den kann ich noch selbst reparieren, einen neuen nicht mehr.“

Eberl hat Anbindehaltung in seinen beiden kleinen Ställen. „Das macht man nicht gern, aber es geht nicht anders“, sagt die Gattin. Die Familie wollte auf ihrem Hof einen Laufstall bauen. „Das war in der zentralen Lage aber nicht genehmigungsfähig“, sagt der Bauer. Er kann seine Herde im Sommer auch nicht einfach auf die Weide führen. „Dann müsste ich zweimal täglich über die Staatsstraße. Das würde nur Ärger geben.“

Natürlich könnte er aussiedeln, den Grund dazu hätte er. Aber den ganzen Hof neu zu bauen, das kann er sich nicht leisten.

Das Artenschutz-Volksbegehren hat viel kaputt gemacht

Das Artenschutz-Volksbegehren hat ihm gezeigt: „Wir haben kaum Ansehen in der Bevölkerung. Wir sind an allem schuld.“ Dabei ist sein Stall ein Dorado für Schwalben und sein Fahrsilo Tankstelle für hunderte Spatzen.

Auch von der Politik ist er enttäuscht, nicht nur wegen des Gesetzes nach dem Volksbegehren. Dazu nennt Eberl zwei weniger bekannte Beispiele: „Der Staat fördert Digitalisierung und Robotik. Das ist aber nur etwas für die großen Höfe.“ Die Kleinen würden von der Regulatorik überrollt. Und das Bienenweide-Förderprogramm sei auf fünf Jahre ausgelegt gewesen. „Aber schon im zweiten Jahr wurde die Förderung um 30 Prozent gekürzt.“

Düstere Prognose: Bald keine Milchbauern mehr in Tittenkofen?

Wenn Eberl als Viehhalter aufhört, endet in Tittenkofen eine lange Tradition. „Vor 40 Jahren hatten wir im Ort zehn Milchbauern. Ich bin der Letzte.“ Um den Strukturwandel zu demonstrieren, muss der 53-Jährige nur aus dem Fenster schauen. Einstige Höfe sind zu Gunsten schmucker Wohnhäuser verschwunden, andernorts steht nur noch der Hof, der längst unbewirtschaftet ist.

Selbst wenn Eberl seine Tiere abgibt, könnte er als Landwirt weitermachen – als Ackerbauer und Stromlieferant. „Dann müsste ich mir einen Job suchen. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Alter noch was finde.“ Er will nicht jammern. „Ich habe Grundbesitz. Das hat ein Angestellter, der freigestellt wird, nicht.“ Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Eberl könnte sich auf die Bullenmast beschränken, die viel weniger arbeitsintensiv ist.

Für die Kinder steht fest: Allenfalls Ackerbau können sie sich vorstellen. Der Sohn (20) lernt Kfz-Mechatroniker, die Tochter (22) Zahntechnikerin. Ungewiss, ob einer den Hof eines Tages übernimmt. 

ham

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