Trotz drohender Nebenwirkungen will sich Martin Scharf als Genesener nun impfen lassen, seine Gattin Claudia traut sich das (noch) nicht zu.
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Trotz drohender Nebenwirkungen will sich Martin Scharf als Genesener nun impfen lassen, seine Gattin Claudia traut sich das (noch) nicht zu.

Teure Gesetzeslücke bei Corona-Tests

Noch zu viele Antikörper, Corona-Impfung riskant

  • Hans Moritz
    VonHans Moritz
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Claudia Scharf litt an Covid-19. Das ist aber über ein halbes Jahr her, des gilt sie nicht mehr als genesen. Eine Impfung wäre aber riskant.

Tittenkofen – Ab Oktober sind Corona-Schnelltests nicht mehr kostenlos. Denn, so meint der Gesetzgeber, wer sich impfen lassen kann, es aber nicht tut, soll nicht länger dem Steuerzahler auf der Tasche liegen. Klingt plausibel, hat aber – teure – Nebenwirkungen. Zu spüren bekommen wird dies zum Beispiel Claudia Scharf.

Die 53-Jährige aus Tittenkofen war gleich zu Beginn der Pandemie schwer an Covid-19 erkrankt und lag mehrere Tage im Erdinger Klinikum. Auch ihre Familie infizierte sich im März vergangenen Jahres mit Ausnahme des ältesten Sohnes mit SarsCoV2. Ein Jahr lang brauchte Claudia Scharf, um die Infektion hinter sich zu lassen. Das erste halbe Jahr konnte sie nicht arbeiten. „Und noch heute gibt es noch Tage, an denen mir schon morgens die Energie fehlt“, erzählt sie.

Doch Corona hinterlässt ein Erbe, das für die Mitarbeiterin im Reisebüro und Busunternehmen Scharf teuer werden dürfte. Ebenso für ihre Tochter. Offiziell gilt die Familie nämlich als genesen. Die Antikörperwerte bei der 53-Jährigen und ihrer 14 Jahre alten Tochter sind unverändert so hoch, dass sie eigentlich weiter in die Kategorie Genesene fallen. Damit würden die Scharfs die 2G-Regel erfüllen. Alle Vier sind seit dem Frühjahr 2020 definitiv nicht ansteckend.

Das Problem: Die Infektionen liegen so lange zurück, dass ihnen kein Arzt diesen Zustand mehr bescheinigen darf. „Das ist nur ein halbes Jahr lang möglich“, sagt sie. Natürlich, die Familie könnte sie impfen lassen. Ihr Mann, Martin Scharf, will das auch bald tun. Nicht aber Claudia Scharf und ihre Tochter. Und beide beileibe nicht, weil sie Impfgegnerinnen sind.

„Die Ärzte haben uns gesagt, dass eine Impfung in unserem Zustand mit den hohen Antikörperwerten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von schweren Komplikationen begleitet würde“, erzählt sie. „Und, ganz ehrlich, ich will nie wieder so krank sein.“ Corona hatte die 53-Jährige heftigst gebeutelt – hohes Fieber, Schüttelfrost, schwere Atemprobleme. Als sie damals im Krankenhaus lag, war sie drauf und dran, mit ihrem Leben abzuschließen. „Ich will das nicht mehr“, bekennt sie heute.

Das Gleiche gilt für ihre Tochter. „Diesem Risiko will ich sie auf keinen Fall aussetzen.“ Die Antikörperwerte der Schülerin lagen lange Zeit unter denen der Mutter. Im Sommer stiegen sie aber wieder stark an. Claudia Scharf vermutet, dass sich ihr Kind ein zweites Mal infiziert hatte – ohne jede Nebenwirkung und Symptome. Doch diese Gefahr, warnen die Ärzte, würden ihr im Falle einer Impfung drohen.

Martin Scharf ist schweren Herzens bereit, die Gefahr auf sich zu nehmen. Als Unternehmer kann er häufigen Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden nicht vermeiden. Der jüngere Sohn ist bereits einmal geimpft, er hatte aber auch nicht so viele Antikörper. Und der älteste Sohne, der als Einziger nicht angesteckt war, ist doppelt immunisiert.

Schon heute lassen sich die Scharfs immer wieder testen, ab Oktober müssen sie dafür bezahlen – nahezu täglich. Und das wird kräftig ins Geld gehen: Die Preise für Antigen-Schnelltests variieren zwischen 18 und 40 Euro, PCR-Tests können sogar über 130 Euro kosten. Ein Arzt im Impfzentrum habe ihr gesagt: „Da sind Sie jetzt in der Zwickmühle der Politik.“

Claudia Scharf sieht eine Lücke im Gesetz, denn kostenfrei bleiben die Tests nur für die, die sich nicht impfen lassen können, vor allem Kinder unter zwölf Jahren und bestimmte chronisch Kranke. Die Scharfs könnten sich impfen lassen, aber eben mit einem enormen Risiko. Sie würden mit Einführung der Kostenpflicht eine Ausnahmeregelung für diesen Personenkreis begrüßen.

Der dürfte gar nicht so klein sein. Es sind alle, die vor längerem schwer erkrankt waren, deren Antikörperspiegel aber noch hoch ist. Das Absurde: So sind sie selbst und ihre Kontakte an sich hoch wirksam vor einer neuen Ansteckung geschützt. Für Scharf ist auch klar: Sobald das Risiko der Nebenwirkungen kalkulierbar ist, wird sie sich impfen lassen.

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