Stellten sich fast drei Stunden lang den Fragen der Landwirte (v. l.): Christoph Lochmüller (Grüne), Birgit Obermaier (Freie Wähler), Andreas Lenz (CSU), Magdalena Wagner (SPD) und Marc Salih (FDP).
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Stellten sich fast drei Stunden lang den Fragen der Landwirte (v. l.): Christoph Lochmüller (Grüne), Birgit Obermaier (Freie Wähler), Andreas Lenz (CSU), Magdalena Wagner (SPD) und Marc Salih (FDP).

Podiumsdiskussion in Oberbierbach

„Will die Politik die Landwirtschaft noch?“ Bundestagskandidaten im Kreuzfeuer frustrierter Bauern

  • Markus Schwarzkugler
    VonMarkus Schwarzkugler
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Die Nerven vieler Landwirte liegen blank. Das wurde in der Podiumsdiskussion des BBV mit den Bundestagskandidaten in Oberbierbach mehr als deutlich.

Oberbierbach – „Können Sie einem jungen Landwirt guten Gewissens sagen, dass er weitermachen soll?“ Nach dieser Frage eines Landwirts herrscht kurz Schweigen im Saal des Gasthauses Strasser in Oberbierbach. Es folgt die Antwort Marc Salihs: „Stand heute natürlich nicht.“

Gerade ein Dutzend Ortsbäuerinnen und vor allem Ortsobmänner waren zur Podiumsdiskussion der Bundestagskandidaten am Mittwochabend gekommen. Doch die wenigen, die da waren, sorgten mit deutlichen Worten aus ihrem Arbeitsalltag für einen emotionalen, knapp dreistündigen Abend (siehe Bericht unten). Der Bayerische Bauernverband (BBV) hatte sieben der zehn Direktkandidaten im Wahlkreis Erding-Ebersberg eingeladen. Gekommen waren fünf: Andreas Lenz (CSU), Magdalena Wagner (SPD), Christoph Lochmüller (Grüne), Birgit Obermaier (FW) und Marc Salih (FDP). Charlotte Schmid (ÖDP) hatte laut BBV kurzfristig abgesagt, AfD-Mann Peter Junker auf die Einladung erst gar nicht reagiert.

Die Landwirtschaft befindet sich in einem Strukturwandel, immer mehr kleine Betriebe geben auf. Zunehmende Auflagen, zuletzt die Kritik an der Anbindehaltung, das Preisdumping des Lebensmitteleinzelhandels, Importe aus Drittstaaten, deren Produkte unter wesentlich geringeren Standards entstanden sind: Das sind nur ein paar Beispiele, die zur Sprache kamen. „Will die Politik die Landwirtschaft überhaupt noch?“, lautet eine Frage, die Kreisobmann Jakob Maier von seinen Kollegen immer öfter hört.

Das Feuer in die Diskussion brachten vor allem die Zuhörer, die Kandidaten selbst waren sich bis auf wenige Differenzen recht einig. Der Tenor der Debatte, die von Maier und Kreisbäuerin Irmgard Posch geleitet wurde: So kann es nicht weitergehen, es braucht neue Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und gleiche Regeln für alle in der EU.

Lochmüller: Warum keine Genossenschaft?

Die Grünen sind für viele Landwirte ein Feindbild. Ihr Kandidat Christoph Lochmüller aus Hohenlinden – 58, drei Kinder, geschäftsführender Gesellschafter im Aufzugbau, aber als Öko-Landwirt im Nebenerwerb auch vom Fach – bekam erwartungsgemäß viele Fragen, für die er stets eine Antwort fand. Auch wenn er in die Politik wolle, bekannte er: „Mein Herz ist in der Landwirtschaft.“

„Wir Grüne sind überzeugte Europäer“, sagte er. Die Zahl von 27 Mitgliedsstaaten in der EU sei ein Problem. Dennoch forderte er „ein Land der gleichen Regeln“. Die Franzosen etwa hätten eine viel höhere Wertschätzung für die Landwirtschaft. „Da gibt’s auch billig, billig – aber viel weniger.“

Den Einsatz von Glyphosat lehnt Lochmüller komplett ab. Hier war er sich mit Kreisobmann Maier nicht einig, der das Pflanzenschutzmittel zum Beispiel bei der Randstreifenbehandlung für gut befindet. Lochmüller musste da schmunzelnd den Kopf schütteln: „Das ist ein Mittel, das alles kaputtmacht.“

Wenn die Grünen an die Macht kommen, meinte Langengeislings Ortsobmann Andreas Röslmair, dann könne man gleich zusperren. Dazu Lochmüller: „Es verirrt sich schon mal ein militanter Tierschützer zu uns rein. Aber wir kriegen vernünftige Lösungen hin.“ Auch die Grünen würden dazulernen, seien keine Verbotspartei. Lochmüller sprach sich für Solidarität untereinander aus, eventuell eine Organisation in Genossenschaften. Regionalsiegel alleine seien keine Lösung, man müsse schon auch lesen können, wo etwas herkomme.

Der Grüne gab sich zuversichtlich, dass sich Europa irgendwann selbst ernähren könne – wohl mit weniger Fleisch. In der Kurzfragerunde am Ende ließ er aufhorchen: Danach gefragt, ob Robert Habeck wohl der bessere Kanzlerkandidat als Annalena Baerbock gewesen wäre, meinte er: „Ja.“

Lenz: Vorreiterrolle hat erst mal auch Nachteile

Schon viel Praxiserfahrung hat Andreas Lenz, 40, ledig, aus Frauenneuharting. Er ist für die CSU seit zwölf Jahren im Bundestag. Es sei schon einiges gelungen, aber vieles eben noch nicht, meinte Lenz, der seinen „Praxischeck dahoam“ ins Feld führte: Sein Bruder habe 80 Milchkühe. Lenz sprach sich weiter klar für die Tierhaltung aus. „Die EU wäre eine Chance, die Standards gleichzusetzen“, sagte er. Er wolle den Handel mit dem Ausland nicht prinzipiell in Frage stellen, man exportiere ja auch selbst. Beim Pflanzenschutz dürfe man konventionell nicht gegen bio ausspielen.

Und der Verbraucher müsse aufgeklärt werden. Der denke nämlich, dass ein Rind aus Südamerika immer auf einer Farm mit reichlich Platz, behütet von Gauchos, aufgezogen werde. Maier ging da dazwischen. Er stelle es sich schwierig vor, dass irgendwann im Ausland nach deutschen Standards produziert werde. „Man sieht schon, dass Deutschland ein Vorreiter ist und andere Länder nachziehen“, meinte Lenz dazu. Wenn man aber voranschreite, habe man erst mal einen Nachteil. Als Beispiel nannte er das Verbot des Kükenschredderns („keine ethische Sache“), das die heimische Eierproduktion im Vergleich zum Ausland erst mal zurückwerfe.

Zur Sprache kam auch das Artenschutzvolksbegehren, dessen Konsequenzen so manchem Landwirt ein Dorn im Auge sind. Lenz frotzelte, dass am Tisch einige Parteien vertreten seien, die es vorangetrieben hätten. Und er gab zu bedenken: „Die Gesellschaft sieht die Landwirtschaft als Teil des Problems.“ Ob jemand noch in seinen Hof investieren sollte, „das muss jeder selber entscheiden“, so Lenz.

Wagner fordert Mindestpreis

SPD-Kandidatin Magdalena Wagner, 30, Lehrerin und Schulpsychologin aus Egmating, gab zu, nicht vom Fach zu sein. Sie wohne aber auf einem alten Bauernhof, zusammen mit ihrem Partner und drei Mitbewohnern. Im Wahlkampf sei ihr neben der Wohnraumnot kein Thema öfter untergekommen als die Landwirtschaft.

Wagner stichelte in Richtung FDP-Mann Salih: Der Markt regle die Preise? Wagner sprach sich da lieber für einen Mindestpreis aus. „Marktfreiheit bei der Milch kann nicht sein“, sagte sie. Ihr Credo außerdem: „Je kleiner die Betriebe, desto mehr Förderung.“

Zum Thema Aufklärung des Verbrauchers meinte Wagner, dass nicht nur bei Schülern angesetzt werden müsse, sondern auch bei den Erwachsenen. Da fehle es aber schon am Geld, grätschte Kreisbäuerin Posch dazwischen. Es müsse einfach mehr Geld ins Bildungssystem gesteckt werden, antwortete Wagner. Als Kritik an ihrem Mitgenossen Sigmar Gabriel aufflammte, meinte sie trocken, dass die Jungen in der Partei mit ihm wenig gemeinsam hätten.

Salih kritisiert Steuerpolitik

FDP-Kandidat Marc Salih aus Poing, 47, Einstellungsberater bei der Bundespolizei und nebenberuflich Immobilienmakler, sprach mehrfach vom Landwirt als Unternehmer. Er erinnerte sich an seine Jugend vor 30 Jahren – eine „Bauernhofromantik“ sei das gewesen. Längst Geschichte: Kein Unternehmer habe mehr Auflagen als der Landwirt.

Salih prangerte die Steuerpolitik an, man müsse an der Privilegierung im Außenbereich festhalten, damit der Nachwuchs bauen könne, und die Direktvermarktung dürfe nicht nur im Hofladen stattfinden, sondern auch in regionalen Supermärkten. Dass dahingehend schon eine Entwicklung stattgefunden habe, freue ihn. „Wenn jetzt alle auf den Ökozug aufspringen, dann gibt es einen massiven Preisverfall“, warnte Salih. Es könne nicht sein, dass etwa der Stallbau über die Jahrzehnte viel teurer geworden sei, aber die Milch noch das gleiche koste.

Salih hat unter anderem in den USA gelebt. Die Lebensmittel dort seien wesentlich teurer, während in Deutschland „verramscht“ werde.

Obermaier: Perspektive für Jugend

Freie Wählerin Birgit Obermaier aus Pastetten, 46, drei Kinder, freie Journalistin, Unternehmerin einer Hörspielagentur und im Marketing tätig, berichtete, dass sie als Kind mit Pferden aufgewachsen sei. Sie erzählte von Landwirten, die bei Unfällen Augenlicht oder Bein verloren hätten. „Aber sie haben weitergemacht. Davor kann ich nur den Hut ziehen.“ Sie habe viele Gespräche mit jungen Landwirten geführt, die sich nicht sicher gewesen seien, ob sie weitermachen sollen. Sie müssten wieder eine Perspektive bekommen, so lautete nicht nur Obermaiers, sondern die Überzeugung aller Kandidaten.

Sie sei nicht gegen die EU, betonte Obermaier, deren nächster Satz dann ein wenig an Donald Trump erinnerte: „Wir kommen jetzt mal zuerst dran.“ Es könne nicht sein, dass schlechter produzierte Ware aus dem Ausland „mit uns in Konkurrenz geht“. Die Reglementierungen „stoßen mir unheimlich auf“, so Obermaier, die sagte: „Ich unterscheide nicht zwischen konventionell und bio.“ Als die Fragen etwas ins Detail gingen, musste die 46-Jährige auch mal passen.

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