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Zurück an alter Wirkungsstätte: Herdana und Dieter von Fraunberg (3. und 2. v. r.) waren 2018 noch einmal zu Besuch im brasilianischen Crissiumal, wo ihre Kinder (v. l.) Birgit, Anja, Dagmar und Wolf-Dieter aufgewachsen sind.
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Schnappschuss am VW-Bus: Herdana und Dieter von Fraunberg 1964 in Crissiumal – im Hintergrund der Kirch- und Wasserturm.
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Die Kirche von Crissiumal damals.
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Die Kirche von Crissiumal heute.
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Pfarrer für alles: Dieter Brandt beim Dachputzen.
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Ernährungslehre: Herdana von Fraunberg (3. v. l.) gab den Kindern in Crissiumal Unterricht.

Das Südamerika-Abenteuer von Herdana und Dieter von Fraunberg

Zwei Fraunberger in Brasilien

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In ihrem Heimatort sind die von Fraunbergs für ihr Schloss bekannt. In Brasilien, vor allem in der Kleinstadt Crissiumal im Bundesstaat Rio Grande do Sul nahe der argentinischen Grenze, kennt man Herdana (77) und Dieter von Fraunberg (82) für den Aufbau von Kirche, Krankenhaus, Schule und Kindergarten. 18 Jahre lang hat das Ehepaar in Südamerika wichtige Aufbauarbeit geleistet.

VON MARKUS SCHWARZKUGLER

Fraunberg/Brasilien – Die Kontakte in das einzige portugiesischsprachige Land des Kontinents sind auch knapp 40 Jahre nach der Rückkehr der von Fraunbergs nach Deutschland nicht abgerissen.

Doch von vorne: Für den jungen Dieter Brandt war früh klar, dass er ins Ausland gehen würde. „Mein Theologiestudium war darauf ausgerichtet“, blickt der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche zurück. 1959/60 war er als Vikar in Erding, bis 1963 hatte er eine Stelle in Mittelfranken. In Erding hatte Brandt seine Herdana kennengelernt und dann auch geheiratet. Sie hatte ihr Abitur zwar schon in der Tasche, ein Studium konnte sie wegen des bevorstehenden Brasilien-Abenteuers aber nicht mehr beginnen. „Der Auslandsaufenthalt war dann Studium genug“, sagt die 77-Jährige heute schmunzelnd.

Kaum unterwegs, und schon seekrank

Das Ehepaar hat einen Artikel unserer Zeitung aus dem Jahr 1969 in der Hand, als es gerade nach sechs Jahren für ein halbes Jahr zurück in der Heimat war. „Damals dachten wir, dass es noch vier Jahre in Brasilien sein würden. Am Ende waren wir fast 18 Jahre dort“, erzählt Herdana von Fraunberg.

Bei der ersten Überfahrt 1963 dachte das Ehepaar noch lange nicht an eine so lange Zeit. Denn die Fahrt war schon aufregend. Drei Wochen auf hoher See mit dem Fracht- und Passagierschiff „Laennec“, der erste Sturm und die damit verbundene Seekrankheit im Golf von Biskaya erschwerten das Ganze. Mit an Bord: die erst ein Jahr alte Tochter Birgit. Ihre Geschwister Dagmar, Anja und Wolf-Dieter wurden dann alle drei in Crissiumal geboren, einem Städtchen, das heute gut 13 000 Einwohner zählt.

Die junge dreiköpfige Familie des Auslandspfarrers fand in Brasilien eine Art deutsche Enklave vor, mit Gastarbeiterfamilien mit Geld und nicht minder reiche Handelsfamilien aus Hamburg und Bremen, die Kakao, Tabak und Kaffee vertrieben. „Wir waren die fünfte Generation dort“, erzählen die von Fraunbergs. „Der größte Teil der Bevölkerung sprach ein gewisses Deutsch, einen Dialekt aus dem Hunsrück.“ Von dort waren die ersten Auswanderer 1824 gekommen.

Damals war der Süden des heutigen Brasiliens, ein im 18. Jahrhundert zwischen den Kolonialmächten Spanien und Portugal umstrittenes Gebiet, dünn besiedelt, Spanien gab aufgrund eines Abkommens seine Ansprüche darauf auf. Kaiserin Dona Leopoldina förderte nachhaltig die Auswanderung deutschsprachiger Menschen Mitteleuropas, die sich ab 1824 auf den Süden Brasiliens richtete.

Die Neuankömmlinge fanden eine fremde Kultur vor, in der es bis 1888 noch die Sklaverei gab. „Ein Weißer hat nicht gearbeitet“, erzählt Dieter von Fraunberg. Das änderte sich nun aber, denn die Siedler mussten sich alles hart erarbeiten. „Die erste Generation war der Tod, die zweite die Not und die Dritte dann das Brot“, sagt Herdana von Fraunberg.

Das war längst Geschichte, als die von Fraunbergs 1963 in Crissiumal aufschlugen. Mit einer „totalen Mischsprache“ wurde in Crissiumal kommuniziert, erzählt Herdana von Fraunberg. Ein Kauderwelsch, das für das Paar anfangs nicht gerade leicht zu verstehen war. „Die ersten Begriffe habe wir von einem holländischen Pater auf dem Schiff gelernt.“

Ein verspätetes Weihnachtsfest

Doch die schwierige Sprache hielt das Ehepaar von Anfang an nicht von der Arbeit ab. Die Prämisse: das Leben der Menschen lebenswerter machen. Dazu gehörte der Aufbau einer Schule, eines Kindergartens, einer Kirche. „Unser Prinzip war immer, in Eigeninitiative anzufangen“, berichten die von Fraunbergs. Danach ging es darum, Kontakt zu knüpfen, etwa mit Brot für die Welt, oder Zuschüsse aus der Politik zu bekommen. „Mein Mann musste damals Crissiumal und 14 Außenorte betreuen, und die meisten bauten Kirchen. Meist war die Arbeit länger als der Tag. Vom 23. bis 26. Dezember kam er nur zum Hemdwechseln heim. Zuhause haben wir Weihnachten dann erst am 26. am Nachmittag gefeiert“, erzählt Herdana von Fraunberg schmunzelnd.

Sie war stets an der Seite des Auslandspfarrers, war als Lehrerin tätig, übersetzte und brachte den Menschen dort auch in Sachen Ernährung vieles bei, beispielsweise ging es dabei um die Verwertung von Soja.

Ein heutzutage vor allem in unseren Breitengraden, kaum vorstellbarer Anblick bot in der Anfangszeit das Krankenhaus von Crissiumal. „Es waren fünf Krankenzimmer in einem Ziegelgebäude, der Rest eine Holzbaracke. Ein Arzt für 20 000 Menschen, und Kinder kamen dort zur Welt. Wir wussten, wir müssen was unternehmen“, erzählen die von Fraunbergs. Am Ende ihres Wirkens in der Kleinstadt sollten es sieben Ärzte sein. Stets an der Seite der von Fraunbergs: Jose Togli, ein italienischstämmiger Arzt. Im März diesen Jahres ist Togli verstorben, wie Herdana von Fraunberg berichtet. Zusammen mit ihrem Mann wirkte sie von 1976 bis 1980 noch in Salvador da Bahia, ehe es zurück nach Deutschland ging, wo ihr Gatte weitere 15 Jahre als Pfarrer in Eggenfelden tätig war.

An die finale Rückreise aus Brasilien kann sich das Paar noch gut erinnern. Man war nämlich wieder mit dem Schiff unterwegs: „Nach der langen Zeit wollten wir nicht das Flugzeug nehmen. Ein altes afrikanisches Sprichwort sagt nämlich, dass die Seele nicht mitkommt, wenn man zu schnell reist. 18 Jahre prägen einen dann doch sehr.“

Ernüchterung beim letzten Besuch

So sehr, dass der Kontakt nach Brasilien nie abreißen sollte. Zweimal ging es für die von Fraunbergs – Dieter Brandt hatte nach der Rückkehr 1980 den Nachnamen seiner Gattin angenommen – zurück an ihre alte Wirkungsstätte, 1986 und 2018 – mitsamt ihrer vier Kinder. Wie nachhaltig die Arbeit war, zeigte sich bei der ersten Rückkehr. „1963 war die Kindersterblichkeit sehr hoch. Ich hatte im Jahr 90 Beerdigungen, die Hälfte davon waren Kinder bis drei Jahre“, blickt Dieter von Fraunberg zurück. „Als wir 1986 zurückkehrten, haben wir kaum noch Kindergräber gesehen.“

Die Ernüchterung setzte beim Besuch 2018 ein. „Es hat sich leider zum Schlechten entwickelt“, erzählen die von Fraunbergs, die neun Enkel und drei Urenkel haben. Für Privatschulen, wie sie sie selbst hochgezogen haben, gebe es kein Geld mehr. „Es musste vermietet werden, das Niveau ist schlechter geworden.“ Aber immerhin würden Schule und Kindergarten noch genutzt. Ein weiteres Problem heutzutage in Brasilien: Krankenhäuser seien oft sanierungsbedürftig, der Staat unterstütze sie aber nicht. Die Hygiene sei oft mangelhaft.

Herdana von Fraunberg steht per WhatsApp in Kontakt mit der jungen Kinderärztin Alexandra Bastos, die in Crissiumal gerade einiges bewegt – auch dank finanzieller Hilfe der von Fraunbergs. Ihr Verdienst ist etwa die Anschaffung säuglingsgerechter Instrumentarien wie Blutdruckmesser. Stolz zeigt Herdana von Fraunberg auf ein Video Bastos’, das ein gerettetes Frühgeborenes zeigt. „Das Krankenhaus liegt uns nach wie vor sehr am Herzen“, sagt ihr Mann Dieter.

Was dem Ehepaar bei seiner Rückkehr 2018 besonders auffiel, ist die offene und herzliche Art der Menschen, die mittlerweile kaum noch den alten Hunsrück-Dialekt sprächen, maximal noch die älteren, und das auch nur noch in den eigenen vier Wänden. Nur zehn Tage vor der Ankunft der Fraunberger Familie hatte ein Hagelsturm in Brasilien gewütet. Dass die deutschen Besucher „uns mal wieder Geld verschaffen könnten“, diesen Eindruck hätten die Menschen trotz der Katastrophe nicht auf ihn gemacht, betont Dieter von Fraunberg. Ans Herz gingen ihm die Personen, die sich an sein Wirken erinnerten. Jemand habe beispielsweise einen Taufschein von sich mitgebracht – das Sakrament hatte damals von Fraunberg gespendet.

Der doppelte Ehrenbürger

„Die technische Entwicklung ist unglaublich“, hat Herdana von Fraunberg vergangenes Jahr festgestellt. In Sachen Abhängigkeit vom Handy sei es aber „noch schlimmer als bei uns“. Die Gemeinschaft gehe dadurch wie in Deutschland verloren.

„Heutzutage gibt es riesige Tabakfelder, früher hatte jeder sein eigenes kleines. Frauen arbeiten jetzt auch viel in Fabriken. Darunter leidet das ehrenamtliche Engagement.“ Viele hätten beispielsweise auch keine Zeit mehr für kirchliche Arbeit. „Das ist dieselbe Entwicklung wie bei uns.“

Auch wenn die Brasilianer den von Fraunbergs sehr dankbar sind, haben sie ein Detail vergessen. „Das ist ganz lustig“, sagt Herdana von Fraunberg: „Bei Einweihung des Hospital de Caridade in Crissiumal 1976 wurde meinem Mann die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen. Das hat man inzwischen wohl vergessen, denn bei unserem Besuch im letzten Oktober bekamen wir sie gleich nochmal. Jetzt ist mein Mann also zweimal ,Cidadâo Crissiumalense‘.“

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