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Endzeitstimmung anstatt Idylle: Am Dorfener Schwammerl ist nichts, wie es mal war. Die Baumaschinen machen für die A 94 alles platt.

Im Isental

A94: Gegner sehen Gemetzel an der Heimat

Dorfen - Eine Landschaft verliert ihr Gesicht. Noch vor einem Jahr bestellten Bauern auf dem Hügel zwischen Lindumer Kircherl und dem Aussichtspunkt Schwammerl die Felder. Ein Jahr später planieren schwere Bulldozer das Gelände. Die A 94 frisst sich in das Isental.

„Wer kennt sie nicht - die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung in unserer hektischen Zeit? Die Suche nach Orten zum Entspannen, zum Erholen von Alltagsstress und Lärm. Orte die uns immer wieder die Kraft geben, die wir tagtäglich brauchen.“ So wirbt die Stadt Dorfen auf ihrer Internetseite für Oasen der Ruhe in der Gemeinde. Eine davon: Der Schwammerl, das beliebte Dorfener Wahrzeichen. Doch der Schwammerl ist keine Oase der Ruhe mehr. Der hölzerne Pilz ist mit einem Bretterzaun eingehaust. Die Absperrung wurde im Zuge der Sicherung der Bauarbeiten für die A 94 errichtet. Unmittelbar vor dem Schwammerl machen schwere Baumaschinen die Landschaft platt. Hier werden Fundamente zementiert, auf denen eine dreihundert Meter lange Betonbrücke errichtet wird - Baubeginn ist im Mai. 13,2 Millionen Euro kostet das Bauwerk. Das Bundesverkehrsministerium sieht in der Brücke das „Schlüsselelement der A 94“.

Wer heute am Schwammerl steht, dem schaudert. Und dieses Gefühl haben nicht nur Naturschützer. „Wir haben in allen Punkten Recht behalten.“ So lautet auch das bittere Fazit der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94 zum ersten Jahrestag des „Feierlichen Spatenstichs für bauvorbereitende Maßnahmen“. „Die Zerstörung unserer Heimat übertrifft jetzt schon die schlimmsten Befürchtungen. Und dabei stehen ja die eigentlichen Baumaßnahmen erst bevor. Wer heute zum Schwammerl hinaufgeht, dem schnürt es buchstäblich das Herz ab“, sagt Heiner Müller-Ermann, der über drei Jahrzehnte für den Schutz der Heimat gekämpft hat. Für den Dorfener SPD-Stadtrat und seine Mitstreiter steht außer Zweifel, dass die A 94 „die dümmste Planung aller Zeiten“ ist. Und auch die Finanzierung steht weiterhin in den Sternen. Im Bundeshaushalt kann kein Geld für die Gesamtmaßnahme zur Verfügung gestellt werden. Die Autobahndirektion sucht nach einem Privatfinanzierungsmodell.

Selbst die Autobahnbefürworter sehen die Zukunft alles andere als rosarot. „Für die Restfinanzierung der Abschnitte Pastetten-Dorfen und Dorfen-Heldenstein fehlen mindestens 300 Millionen Euro“, kritisiert der Verein Ja zur A 94. Ohne die Bereitstellung von zusätzlichen Finanzmitteln werde auch die Privatfinanzierung und somit die Fertigstellung bis 2018 nicht möglich sein. „Ohne zusätzliche Mittel leben wir weiterhin nach dem Prinzip Hoffnung, dass die Finanzierung schon irgendwie erfolgen wird“, konstatierte der Vorsitzende des Vereins, Mühldorfs Bürgermeister Günther Knoblauch. Anderslautende Aussagen von Unionspolitikern wertet Knoblauch als „Nebelkerzen“.

Die Fertigstellung der Isentalautobahn ist also nicht abzusehen. Für die Firmen im Chemiedreieck ist die Autobahn erst nutzbar, wenn sie in Ampfing angekommen ist. „Beim B 12-Ausbau hingegen wäre wenigstens jeder Abschnitt sofort nutzbar gewesen“, sagt Müller-Ermann. Und er schiebt nach: „Ein derartiger Ausbau würde vollkommen ausreichen. Denn die angebliche Verdopplung des Verkehrs findet nicht statt.“ Müller-Ermann beruft sich hier auf den Verkehrsbericht 2011 des Bayerischen Innenministeriums, in dem es heißt: „In den vergangenen zehn Jahren ist der Durchschnittsverkehr auf Autobahnen jährlich um 0,1 Prozent gestiegen.“

Was bleibt den Kämpfern gegen die A 94, die jetzt die Zerstörung ihrer Heimat erleben? Müller-Ermann: „Wenn man überhaupt von einem Trost sprechen kann, dann ist es der Abwehrkampf, der über 35 Jahre währte. Es sind viele Menschen, die mit Leidenschaft und guten Argumenten gegen diese Wahnsinnsplanung gekämpft haben. Keiner von ihnen möchte in der Haut derjenigen stecken, die für diese Isentalautobahn gestimmt haben oder gar noch vor einem Jahr stolz und lachend für die Fotografen beim feierlichen Spatenstich posiert haben. Wir konnten das nun stattfindende Gemetzel an unserer Heimat nicht verhindern. Aber wer so gekämpft hat, kann wenigstens abends noch mit guten Gewissen in den Spiegel schauen.“

Anton Renner

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