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Was heckte er da schon wieder aus? Gert Seidels Texte waren humorvoll und hintergründig. Er starb im Alter von 65 Jahren .  

Nachruf auf unseren Mitarbeiter Gert Seidel

Der Meister des stillen Humors

Er selbst könnte sogar diesen Text so schreiben, dass man mindestens einmal schmunzeln müsste. Wir aber sind nur endlos betrübt. Unser Reporter Gert Seidel ist mit 65 Jahren verstorben. Eine Erinnerung an einen Kollegen, der seinen Humor an die Leser weitergegeben und ihn selbst nie verloren hat.

ErdingSeine Schwäche waren die Namen. Es konnte schon passieren, dass er aus einem Franz Wiesbeck einen Hans Wiesböck machte. Vielleicht war das aber auch nur der hintersinnige Protest von Gert Seidel, weil auch er immer wieder mal von uns Bayern als „Gerd Seidl“ angeschrieben wurde. Wir von der Redaktion wissen nur, dass unser Kollege in jeder Situation gern mal Schabernack getrieben hat. Nur dieser verdammte Krebs kennt keinen Spaß. Er hat uns den liebenswerten Hessen genommen, der seit 1989 für die Heimatzeitung geschrieben hat und nur 65 Jahre alt geworden ist.

Er war unser Gerichtsreporter, Korrespondent für Berglern, Bockhorn und Oberding, aber auch für die Kultur- oder Sportredaktion schrieb er. Nachdem er im September 2016 seinen Rentenbescheid bekommen hatte, machte nur noch sporadisch Termine. Bis dahin konnten wir ihn überall hinschicken, denn den Mann hat alles interessiert. Fast alles.

„Wenn die Einladung zur Merkur-Weihnachtsfeier kam, hat er nur gesagt: ,Oh, da werde ich wohl noch einen Termin finden müssen‘“, erzählt seine Frau Jutta. „Den Trubel fand er nicht so toll. Wir sind halt zwei Eremiten, die sich gefunden haben.“ 1970 hatten sich die beiden kennengelernt, fünf Jahre später war die Hochzeit.

Jutta Seidel war es nun auch, die ihren Mann drängte, zu einem Arzt zu gehen, „weil er ständig so müde war“. Das war am 28. Februar. Die Ärztin überwies ihn sofort ins Krankenhaus. Der Krebs, von dem er bis dahin nichts geahnt hatte, hatte sich in Kopf und Körper eingenistet. Vier Wochen später ist Gert Seidel auf der Palliativstation in Freising verstorben. Um ihn trauern seine Jutta, Sohn Christian und Schwiegertochter Nina. Besonders traurig wird der kleine Jakob sein, der dreijährige Enkel, für den sich Gert Seidel immer Zeit nahm. „Er war Gerts größtes Hobby“, sagt seine Frau. Andere Hobbys?

Als Gerichtsreporter mit Messer bedroht

Eintracht Frankfurt – „als Hesse musste er sie mögen, aber er war kein Hardcore-Fan“, sagt seine Frau.

Pink Floyd – „oh ja, da war er Hardcore-Fan. Er hatte alles von ihnen. Die Karten für das Roger-Waters-Konzert im Mai habe ich jetzt einem Freund geschenkt.“

Was er sonst noch liebte? Griechenland. Hunde. Und Hunde aus Griechenland, denen er in Pretzen ein schöneres Leben bescherte.

Seine Berufung war aber die Schreiberei. In Wiesbaden aufgewachsen, textete der gelernte Biologie-Laborant schon in den 1980ern für eine Computer-Zeitschrift. Als der Verlag nach München umzog, packten auch die Seidels ihre Siebensachen, verkauften ihr altes Fachwerkhaus in Marburg und zogen nach Pretzen. Er schrieb über Computer, aber auch lustige Ratgeber über Hunde und Diäten. Diäten? „Er hat auch einen Reiseführer über Rhodos verfasst, obwohl er nie in Rhodos gewesen ist“, erzählt seine Frau. Ihr Mann konnte das, weil er die Griechen liebte. Auf dem Pilion, eine Urlaubsregion zwischen Athen und Thessaloniki, hatte er ein Häuschen, an dem er zehn Jahre lang rumbastelte und in dem er mit den dortigen Beamten verhandelte.

Die griechische Bürokratie nahm er gelassen, „selbst wenn er zwei Stunden in einer Bank warten musste, nur um das eigene Geld abzuheben“, sagt seine Frau und meint: „Er war tiefenentspannt.“ In jeder Lebenslage.

Als Gerichtsreporter habe er immer wieder mal Drohanrufe bekommen, erzählt seine Frau. Sie erinnert sich an zwei Brüder, die mehrmals auf der Anklagebank landeten. „Die haben ihn einmal mit dem Messer bedroht. Aber selbst das hat ihn nicht aus der Ruhe gebracht.“

Nein, zum Zyniker, Berufskrankheit vieler Journalisten, ist Gert Seidel nie geworden. Seine Waffe war der Humor. Die besten Glossen des Erdinger/Dorfener Anzeiger der vergangenen über 25 Jahre entstammen seiner Feder. Der Loriot-Fan erfand die „Familie Kreuzbichler“, mit denen er den Wahnsinn des Alltags abarbeitete. Teile davon waren in der Heimatzeitung abgedruckt, vieles ist im Internet unter www.pegawutz.wordpress.com nachzulesen. Womöglich wurden die Stücke schon auf der Bühne aufgeführt. „Es gab Anfragen von Theatergruppen“, erzählt Jutta Seidel. „Gert hat das nicht mehr weiterverfolgt.“ Dafür hatte er keine Zeit, denn er musste ja schreiben, schreiben, schreiben. Bei Ebay habe er zum Beispiel ein Buch über Kräuter so liebevoll beschrieben, dass es – am Flohmarkt für drei Euro erstanden – für 28 Euro wegging. „Und für einen lebensgroßen Pappkarton-Elvis gab es sogar 50 Euro“, erzählt Jutta Seidel. Es hat nicht immer geklappt: „Humphrey Bogart liegt immer noch im Keller.“

Keine Umlaute in der Buchstaben-Suppe

Gert Seidel und Ebay, auch so ein Thema: „Einmal hat er an eine Frau für fünf Euro das Recht verkauft, von uns eine lustige Postkarte aus Griechenland zu bekommen.“ Auch Firmen schrieb Seidel gern Briefe. Bei Maggi fragte er besorgt nach, warum er in der Buchstaben-Suppe keine Umlaute finden könne. Und nach einem Unfall beschwerte er sich bei Procter und Gamble, dass zwar Frauen bestens mit Tampons etc. versorgt werden, aber für Männer bei Blutungen nichts auf dem Markt sei. „Die Firmen haben stets nett geantwortet“, berichtet Jutta Seidel. Nur VW sei bei der Anfrage, ob man sich nach dem Golf Genesis und Golf Pink Floyd bald auf den Golf Wildecker Herzbuben freuen dürfe, etwas überfordert gewesen. „Nein, das sei nicht geplant, haben sie geantwortet“, erzählt Jutta Seidel schmunzelnd und stellt klar: „Die meisten haben sich über seine Briefe gefreut.“

Genau das war seine Kunst. Auch die Redaktion schmunzelte, wenn „gse“ – so sein Kürzel bei uns – wortreich erklärte, warum er für die kommenden vier Wochen nach Griechenland müsse. Und am Ende des Jahres freuten sich die Gemeinderäte aus Berglern, Bockhorn und Oberding, wenn sie wieder eine Seidel-CD in der Hand hielten. Dass der EA-Korrespondent das Jahr in Bild und Ton zusammenfasste, war längst lieb gewordene Tradition. „Nur einmal haben sich die Bockhorner beschwert“, weiß Jutta Seidel, „weil Gert die Bilder mit Musik von Yoko Ono unterlegt hatte“.

Die CDs, die Briefe, die zahllosen Artikel aus 29 Jahren bleiben uns als sein Vermächtnis. Gert Seidel wird nach der Feuerbestattung im Trauerwald von Bruckberg seine letzte Ruhe finden. Als sich Jutta Seidel jüngst den Ort anschaute, graste dort gerade eine Schaf- und Ziegenherde. „Das war das, was Gert an Griechenland so geliebt hat.“

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