+
Ein Leben für die Musik (v. l.): Die vier Brüder Ulrich, Georg, Heribert und Martin Haider aus Hubenstein. 

die Haiders aus Hubenstein

Vier Brüder, eine Leidenschaft

Dieser Familie liegt der Rhythmus im Blut: Die vier Brüder Ulrich, Heribert, Georg und Martin Haider aus Hubenstein lieben die Musik. Drei von ihnen verdienen damit sogar ihren Lebensunterhalt. Dass das heute so klappt, davon wagten sie früher nicht zu träumen.

von Fabian Holzner

Hubenstein – Wenn die Weihnachtsfeier im Familienkreis musikalisch hochkarätiger besetzt ist als so manches Weihnachtskonzert, dann liegt das Talent offensichtlich in den Genen. Wichtig war die Musik im Hause Haider in Hubenstein seit jeher. Statt das Radio dudeln zu lassen, wurde stets gemeinsam gesungen. Diese musikalische Früherziehung, die Ferdinand und Rosmarie ihren fünf Kindern mitgaben, trug Früchte, und zwar gehörige.

Die Söhne Ulrich (46), Heribert (51) und Georg (52) sind heute Berufsmusiker, auch für ihren Bruder Martin (50) und Schwester Maria (54) ist Musik ein wichtiger Lebensinhalt. Dabei war die finanzielle Ausgangssituation kaum dafür geeignet, mehrere musikalische Laufbahnen zu finanzieren. Außerdem verdächtigte Vater Ferdinand Berufsmusiker generell des Alkoholismus, wie sich die vier Haider-Brüder lachend und mit einem Augenzwinkern erinnern. „Heute sind sie aber sehr stolz auf uns“, ergänzen sie einstimmig.

Zwei Regensburger Domspatzen

Dabei hatte schon ihr Vater großes gesangliches Potenzial, sein Grundschullehrer hatte ihn eigentlich bereits in den Reihen der Regensburger Domspatzen gesehen. Dem Elternhaus fehlte jedoch das Geld hierfür. Weil Ferdinands älterer Bruder Herbert aufs Gymnasium ging und in Freising Theologie studierte, blieben dem Vater der Haider-Brüder akademische Wege verwehrt.

Als der ehemalige Dorfener Kaplan Georg Ratzinger und spätere Domkapellmeister seine Regensburger Domspatzen nach Dorfen holte, durfte Georg, der älteste der Brüder, mit Vater Ferdinand zum Konzert. Dann stellte dieser ihm eine entscheidende Frage: „Wäre das was für dich?“ Die Entscheidung fiel leicht, die Eignung war gegeben, und auch der jüngere Bruder Heribert war von dieser Möglichkeit so begeistert, dass er den selben Weg einschlug. Die beiden Grundschüler, sieben Jahre alt, kamen nach Etterzhausen, in die Vorschule der Domspatzen. Später machten sie ihr Abitur in Regensburg.

Der zum Priester geweihte Onkel Herbert fühlte sich mitverantwortlich für die Förderung seiner Neffen und half ihnen finanziell, auch später noch war er es, der den Kindern seines Bruders Instrumente beschaffte. Ein solches war schon früh für Martin, dem Drittältesten, von Nöten. Nach erstem Unterricht an der Flöte sollte er Klarinette lernen. Das Erbe des Großvaters war aber kaum mehr spielbar, also bekam er eine Neue.

Schon mit zehn Jahren spielte Martin damit bei der Blaskapelle Moosen, zwei Jahre später wurde er Mitglied bei der Himolla-Blaskapelle, bei der er ganze 36 Jahre blieb. Mit seiner „Haiderischen Begabung“ brauchte Martin schon bald einen versierteren Lehrer, den er zunächst im Stadttheater Landshut, dann bei den Münchner Philharmonikern fand, und erlernte im frühen Jugendalter noch Saxophon. Bis heute ist er erster Tenor beim Männerchor Dorfen und Klarinettist bei mehreren Blaskapellen.

„Der Druck wächst mit dem Talent“

Beim jüngsten Bruder, Ulrich, wurde die Flöte von der Geige abgelöst, erst sechs Jahre war er damals alt. Seine Passion wurde aber das Horn, das er mit elf Jahren zum ersten Mal in Händen hatte. Unterricht erhielt er zur selben Zeit wie Martin, auch von einem Lehrer des Stadttheaters Landshut. Gemeinsam fuhren sie mit dem Bus. „Im Winter war unsere Hoffnung immer, dass unsere Lehrer, die aus Passau nach Landshut anreisten, wegen zu dichtem Schneetreiben nicht oder zu spät ankamen“, erinnern sich die beiden schmunzelnd. „Wir hatten strenge Lehrer.“

Zustimmung erhalten sie bei diesem Thema von Georg, der verallgemeinert: „Der Druck wächst mit dem Talent, schließlich sollte ja das ganze Potenzial ausgeschöpft werden.“

Einig sind sich die Brüder, dass sie neben ihrem Onkel sehr viel den Eltern zu verdanken haben. Meist holte Vater Ferdinand die zwei Domspatzen aus Regensburg, Martin und Ulrich wurden oft von Mutter Rosmarie nach Landshut gebracht. Nachdem Georg nach dem Abitur Fagott und Komposition in Würzburg studiert und in beiden Fächern das Diplom abgelegt hatte, kam er zum Dirigieren „wie die Jungfrau zum Kind“. Eine seiner Fagott-Schülerinnen spielte beim Synphonieorchester Mühldorf. Dort wurde dringend ein neuer Dirigent gesucht. Georg nahm das Ehrenamt an. Freischaffend wirkte er als Komponist neuer klassischer Musik wie Kammermusik, nebenher war er Notenarchivar bei den Münchener Philharmonikern.

Heriberts Passion blieb der Gesang. Als glücklichen Umstand bezeichnet er es rückblickend, dass sein Abiturjahrgang der erste war, der sich in diesem Fach prüfen lassen konnte. Nebenher sang er mit Freunden im Stil der Comedian Harmonists, bis heute interpretiert er gerne die humoristischen Lieder des österreichischen Dichters Georg Kreisler. Schon neben seinem Zivildienst hatte er als Tenor an der Internationalen Bachakademie Stuttgart Auftritte in Tschechien, Amerika und Japan. Als freischaffender Sänger hat er heute die ganze Bandbreite vom Kunstlied bis zum Musical im Repertoire.

Wer so viel musiziert, muss sich auch Gedanken um das Musikgeschäft machen. „Ich habe erst spät erkannt, dass Musik etwas Gemachtes ist. Wer so aufwächst wie wir, für den ist sie zunächst Natur“, reflektiert Georg.

Ulrich, seit 24 Jahren stellvertretender Solohornist bei den Münchener Philharmonikern, hält seine Betrachtungen schriftlich fest. Neben einer monatlichen Kolumne in einer Musikfachzeitschrift veröffentlicht er demnächst ein Buch über Unterricht und Prüfungen in der Musik. Dabei wendet er Erkenntnisse an, die er in 14 Jahren Taekwondo-Training gewonnen hat. „Ich finde, dass in der Musik oft wahnsinnig ineffektiv und unsinnig unterrichtet wird. Der asiatische Kampfsport macht vor, wie es besser geht“, erklärt Ulrich.

Rückblickend auf den Werdegang der vier Brüder meint er: „Jeder hat von jedem gelernt.“ Gemeinsame Auftritte wie in der Kindheit, zu Hochzeiten, Christmette oder Geburtstagen gibt es heute zwar kaum mehr, gerne erinnern sich die Haiders aber beispielsweise an ein Konzert des Synphonieorchesters Mühldorf, bei dem Heribert sang, Ulrich Horn spielte und Georg dirigierte. Auch bei der Diplomprüfung von Ulrich wirkten die Brüder im Bunde. Er spielte eine Komposition von Georg auf dem Horn, und Heribert war Tenor.

Neue CD: Hommage an das Kartenspiel

Ein aktuelles gemeinsames Projekt ist die Doppel-CD „Schafkopfen – Eine Hommage an ein bayerisches Kartenspiel“. Von Georg komponierte Alphornstücke zu jeder der 32 Karten werden von von Ulrichs verfassten Texten begleitet. Nachdem Ausbildung und Kariere die Vier in viele Richtungen zerstreut hat, wohnen sie im Moment wieder alle in Hubenstein – Georg im Haus seines Bruders Martin, Ulrich in direkter Nachbarschaft und Heribert im Elternhaus.

Auf die Frage, ob sie ihre Entscheidung, Berufsmusiker zu werden, auch mal bereuen, meint Ulrich: „Es ist ein super Beruf, mit Höhen und Tiefen. Was ich erlebt habe, ist wie ein Sechser im Lotto.“ Dennoch könne er niemandem mehr empfehlen, die Laufbahn eines Orchestermusikers einzuschlagen. Der Druck sei zu groß geworden. Auf 150 Stellen kämen 5000 Bewerber.

Dennoch hat das „Haider-Gen“ generationenübergreifend Bestand. Beide Kinder Ulrichs lernen selbstverständlich Blasinstrumente, Trompete und Tuba. Bei Heriberts vier Kindern sind es die zwei Töchter, die Gitarre und Klavier spielen. Auch wenn zu ihren Anfängen die Umstände günstiger waren als heute, sind die Haider-Brüder ein herausragendes Beispiel, dass großer Erfolg nur dann möglich ist, wenn Talent und Fleiß gepaart in Erscheinung treten.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Boardinghaus neben Baumarkt
Ein Boardinghaus für insgesamt rund 400 Gäste will die Dorfener Grundstücksentwicklungsgesellschaft (DGE) direkt an der A 94 im Gewerbepark Dorfen Südwest gegenüber dem …
Boardinghaus neben Baumarkt
Millionen-Loch im Finsinger Untergrund
Ein Dilemma offenbarte sich in der Finsinger Bürgerversammlung am Donnerstagabend in der sehr gut besuchten Gokart-Arena in Neufinsing. Nach sechsjährigem …
Millionen-Loch im Finsinger Untergrund
Der Vater von Erdings Einheit: Trauer um Gerd Vogt
Er hat monatelang gekämpft, er hat dem Tod noch viele Monate abgerungen. Nun schwanden seine Kräfte. Am Freitagvormittag ist Gerd Vogt gestorben. Der überaus beliebte …
Der Vater von Erdings Einheit: Trauer um Gerd Vogt
Maria Grasser schafft es in den Bezirkstag
Als Mitgründerin des Hauswirtschaftlichen Fachservice Erding ist Maria Grasser über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt. Das dürfte ihr  bei der Bezirkstagswahl die …
Maria Grasser schafft es in den Bezirkstag

Kommentare