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Gemeinsam lernen: Helfer Ekkehard Fromm (hinten) übt mit seiner Gruppe freies Sprechen.

Helfen ist auch eine Frage des Geldes

Die Arbeit für die Flüchtlingshilfe Isen wird schwieriger. Ein Grund liegt in der stark rückläufigen Spendenbereitschaft von Betrieben und der Bevölkerung. Aber auch die Anforderungen für die ehrenamtlichen Helfer haben sich verändert.

Von Anne Huber

Isen – Die Helfer der Flüchtlingshilfe Isen sind seit Herbst 2013 aktiv. Dem Zeitpunkt, als die ersten geflüchteten Menschen nach Isen kamen. Seitdem sind immer wieder neue Geflüchtete in den Ort mit seinen 5600 Einwohnern gekommen. Neben dem Arbeitsverbot für Asylbewerber und Rückführungen in gefährliche Länder sind die Helfer vor allem mit der Suche nach Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sowie Wohnungen beschäftigt. Und immer öfter müssen sie den Geflüchteten Mut zusprechen, wenn ablehnende Bescheide und Arbeitsverlust seelisch belasten.

Arbeitssuche: Stefanie Prauser und Berufsschüler Farah schreiben gemeinsam Bewerbungen.

„Weggefallen ist die akute Soforthilfe, die nötig war, weil die Menschen ohne alles vor der Tür standen“, sagt dazu Stefanie Prauser. „Jetzt geht es bei denen, deren Status geklärt ist, vor allem darum, die Zukunft sinnvoll zu gestalten“. Prauser ist eine von drei Helferinnen, die jeweils einmal wöchentlich eine Sprechstunde in den Räumen der Flüchtlingshilfe anbieten. Dass sie abends heimgeht, ohne dass sie am nächsten Tag mit Schule, Jobcenter oder Firmen telefonieren muss, kommt kaum vor. Derzeit ist sie damit beschäftigt, Ausbildungsplätze für drei Berufsschüler zu suchen, die im Sommer ihren Abschluss machen. Sie hilft den jungen Männern, die Maler, Schreiner und Elektriker werden wollen, auch bei den Bewerbungsunterlagen und ist bei Bedarf beim ersten Gespräch mit dem Arbeitgeber dabei. „Allerdings ist es schwierig, gerade bei unserem afghanischen Schüler, die Motivation aufrecht zu erhalten. Wenn ringsum negative Bescheide kommen, abgeschoben wird oder keine Arbeitsgenehmigungen erteilt werden, ist es sehr schwer, sich auf Deutsch, Mathematik und Sozialkunde zu konzentrieren“, sagt sie.

Von Isen aus in die Welt: Gespendete Computer können im Computerraum genutzt werden.

Daneben kümmert sich Prauser um Familiennachzüge. „Die erste Enttäuschung steht schon an, wenn ich sagen muss, dass das Verfahren sehr, sehr lange dauert.“ Zudem gebe es keine allgemeinen Regeln, jede deutsche Botschaft, erzählt Prauser weiter, habe eigene Vorgaben, wie der Termin beantragt werden muss und welche Dokumente nötig sind. Mit drei solcher Verfahren, die notwendig sind, wenn anerkannte Flüchtlinge Ehepartner oder Kinder zu sich nach Deutschland holen wollen, ist Prauser derzeit beschäftigt. Darunter ist auch ein fünfjähriges Mädchen, die kleine Tochter einer eritreischen Familie, die in Isen lebt. Die Mutter musste das damals sehr junge Kind bei der Großmutter zurücklassen, weil sie es nicht den Strapazen und der Gefahr der Flucht aussetzen wollte. Nach dem Tod der Großmutter kümmert sich nun der minderjährige Bruder der Mutter um seine Nichte. Seit Monaten halten sich die beiden, unter widrigen Bedingungen lebend, im Sudan auf, weil in Eritrea keine Visa beantragt werden können. „Die Wartezeit auf einen Termin dauert in Sudans Hauptstadt Khartum zwischen neun und zwölf Monaten“, weiß Prauser.

Um den beiden Kindern in ihrer schwierigen Situation zu helfen, schicken die Familienangehörigen Geld in den Sudan. Die Isener Flüchtlingshilfe unterstützt sie hierbei. Dafür verantwortlich, dass das Geld regelmäßig überwiesen werden kann, ist Johannes Pfennig. „Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind unsichtbar“, sagt er. Der gelernte Banker kümmert sich seit dreieinhalb Jahren um die Finanzen des Helferkreises. Weil die Spendenbereitschaft nach Köln, Nizza und Berlin stark zurückgegangen sei, sieht er die Arbeit der etwa 20 Flüchtlingshelfer gefährdet.

Seit zwölf Monaten keine Spenden mehr

„Ab 2018 ist eine Fortführung der Arbeit, wie wir sie derzeit leisten, nicht mehr machbar“, spricht Pfennig den finanziellen Engpass der Flüchtlingshilfe an. „Aus Isen ist in den letzten zwölf Monaten keine Spende gekommen, ohne einen monatlichen Dauerauftrag und die Spende einer Einzelperson aus einer Nachbargemeinde wäre die Arbeit schon heute nicht mehr möglich“. Dabei würden die Betreuer gute Arbeit machen, sei es bei der Hilfe auf den Ämtern, bei der Unterstützung durch Nachhilfe oder gemeinsame Unternehmungen.

Erst vor Kurzem haben Geflüchtete und Ehrenamtliche einen gemeinsamen Ausflug zum Salzbergwerk in Berchtesgaden und Chiemsee unternommen. Für Pfennig ist es besonders wichtig, dass Asylbewerber, die beispielsweise Geld brauchen, um ihren Rechtsanwalt zu bezahlen, die finanzielle Zuwendung in Form von Kleinkrediten bekommen. „Für die meisten der Asylbewerber ist das ein wichtiger Punkt, dass sie immer auch selber für einen Teil der Hilfen aufkommen“, sagt er.

Dass es für Asylbewerber schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, die Anzahlung aus der eigenen Tasche zu bezahlen, die Anwälte von Asylbewerbern verlangen, bevor sie deren Fall übernehmen, weiß auch Bettina Riep. Wie Pfennig und Prauser arbeitet sie von Anfang an in der Flüchtlingshilfe mit. In der letzten Zeit kommen in ihre Sprechstunde vor allem junge Männer aus Afghanistan und Pakistan, die nach der Anhörung beim Bamf ablehnende Bescheide erhalten haben.

„Die Bescheide bestehen inzwischen fast ausschließlich aus Textbausteinen, die mit der jeweiligen Anhörung beinahe nichts zu tun haben,

Nirgendwo in der Heimat sicher

die Situation im Fluchtland ignorieren und nur sehr wenig Bezug zu dem Menschen haben, der interviewt wurde“, sagt Riep. Als Beispiel führt sie den Fall eines jungen Mannes aus einer der fünf Isener Asylunterkünfte an. Obwohl er nicht mehr nach Hause kann, „weil es keine Ecke in seinem Heimatland gibt, in der er wirklich vor Terroristen sicher wäre“, soll er aus formalen Gründen abgeschoben werden. Seine Arbeit als Helfer in einer Restaurantküche musste er aufgeben, weil die Ausländerbehörde seinen Antrag auf Arbeitsverlängerung abgelehnt hat. „Die Begründung ist immer dieselbe, zu geringe Deutschkenntnisse, fehlende Bleibeperspektive und kein Identitätsnachweis.“ Wobei: der junge Mann hat seinen Pass bei der Ausländerbehörde abgegeben und sein Arbeitgeber, dem die Deutschkenntnisse seiner ehemaligen Küchenkraft genügten, hat ein gutes Wort für ihn eingelegt. „Damit liegt er dem Sozialstaat wieder auf der Tasche, obwohl er selbst für sich sorgen will und kann“, ärgert sich Riep. Obwohl die Helferin festgestellt hat, dass sich in letzter Zeit „eine regelrechte Feindschaft zwischen Behörde und Ehrenamt entwickelt“ hat, wünscht sie sich vom Erdinger Asylmanagement, „dass die Sozialarbeiter ihrer Arbeit gerecht werden und die Menschen nicht wie Dinge managen“.

Auch Prauser glaubt, dass die Hauptamtlichen von einer guten Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen profitieren könnten. „Hätte es hier ein besseres Verhältnis gegeben, wäre der aktuelle Fall des deutschen Soldaten, der sich als syrischer Flüchtling ausgegeben hat, womöglich früher aufgefallen“, meint sie.

Menschen Gefühl der Sicherheit geben

In der Nähe zu den Menschen liegt auch für Bürgermeister Siegfried Fischer die große Bedeutung der ehrenamtlichen Hilfe. „Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge das Gefühl haben, sie werden angenommen. Da sind Leute, die sind mir wohlgesonnen.“ Die Arbeit der Isener Helfer, die die Kommune bei den Räumen in der Münchner Straße unterstützt, ziele darauf ab, „den Menschen dabei zu helfen, ein eigenes Leben zu führen“. Fischer war es, der im Herbst 2013 durch einen Aufruf im Isener Gemeindeblatt die Initialzündung für die Gründung eines Helferkreises gegeben hat. Dabei würden die Geflüchteten von den Helfern nicht „gepampert“. Der Bürgermeister ist sich sicher, dass „die Arbeit des Helferkreises mitverantwortlich für die aufgeschlossene Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Isen ist“.

Auch die Helfer waren bislang keiner offenen Ablehnung und Anfeindung ausgesetzt. „Dass Isen eine Flüchtlingshilfe weiterhin braucht, merkt die Öffentlichkeit doch erst, wenn es keine Flüchtlingshilfe mehr gibt“, mahnt Finanzchef Pfennig.

Tag der offenen Tür

Beim Tag der offenen Tür am Kreuzmarktsonntag, 21. Mai, haben die Isener von 13 Uhr an Gelegenheit, sich über die Arbeit der Flüchtlingshilfe zu informieren.

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