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Die Fotomontage zeigt das geplante neue Dorfener Rathaus. Das bestehende Rathaus und das Nachbargebäude sollen dafür abgerissen werden.

Rathaus-Neubau nicht unumstritten

Heute Abend kommt’s zum Schwur

Dorfen - Der Dorfener Stadtrat beschließt heute Abend endgültig den Neubau des Rathauses. Mit der Entscheidung werden auch die Weichen für das Aussehen des Rathausplatzes gestellt. Denn mit der Realisierung des modernen Entwurfes der Diezinger Architekten GmbH verändert sich das Gesicht des Platzes radikal.

Im europaweiten Architektenwettbewerb für den Rathaus-Neubau in Dorfen waren die Entwürfe der Diezinger Architekten GmbH aus Eichstätt und des Münchner Architektenbüros Johann Schmuck zu gleichwertigen Siegern des Wettbewerbs erklärt worden. Ein Auswahlgremium der Stadt hat im Dezember Verhandlungsgespräche mit den beiden Architekten geführt. Danach wurden beide Entwürfe anhand eines Bewertungsbogens bewertet. Das Büro Diezinger erhielt 470, das Büro Schmuck 381 von 500 möglichen Punkten. Die Verwaltung schlägt dem Stadtrat für die heutige Sitzung vor, das Architekturbüro Diezinger mit dem Rathaus-Neubau zu beauftragen.

Architekt Norbert Diezinger setzt mit seiner verputzten Lochfassade mit klar abgegrenzten Fenster- und Türöffnungen auf eine sehr moderne Gestaltung, die den „zeitgenössischen Geist von heute“ widerspiegeln soll. Doch dieser „Geist“ ist vielen Dorfener Bürgern ein Graus. Von „Protzbau“ ist die Rede, von „Beton-Koloss“ und „Panzerkreuzer“, von „gebautem Sperrmüll“. Ein „08/15-Bau“ würde das altehrwürdige Innenstadt-Ensemble zerstören und damit auch posthum verstorbenen Dorfener Bürgern, die über Jahrzehnte das schöne Altstadtbild erhalten hätten, eine Watsch’n verpassen, wird gewettert. Bürgermeister Heinz Grundner (CSU), der in dem modernen Entwurf nichts Negatives sieht, wird prophezeit, er werde in die Annalen der Stadtgeschichte als „Stadtbild-Zerstörer“ eingehen.

Grundner selbst kennt viele dieser Vorwürfe, sieht die Sache aber gelassen. „Wir müssen erst mal sehen, ob das Stadtbild mit dem Rathaus-Neubau wirklich verschandelt wird.“ Seine Gelassenheit gründet Grundner auch auf das Preisgericht, in dem neben Vertretern der Stadt auch Experten vertreten waren, darunter das Landesamt für Denkmalpflege. Das neue Rathaus werde keine Betonfassade sondern eine Putzfassade erhalten, „und da kann einiges damit gemacht werden“, wertet Grundner. Es gebe eben nur die Möglichkeit, entweder zeitgemäß oder historisierend zu bauen. Beide Siegerentwürfe des Architektenwettbewerbs würden moderne Fassaden beinhalten. Im Ausschreibungstext des europaweiten Wettbewerbs sei aber klar beinhaltet gewesen, dass die bestehende Rathausfassade nicht zwingend abgerissen werden müsse. Aber das vorgegebene Raumprogramm sowie besondere Aspekte, etwa Brandschutz und Barrierefreiheit, seien eben mit der bestehenden Fassade nicht realisierbar gewesen.

„Man kann Alt und Neu gut verbinden“

Überdies verweist der Bürgermeister darauf, dass die bestehende Rathausfassade ja nicht historisch sei, da sie aus den 1950er-Jahren stamme. Seit dem Jahr 1860, als das Dorfener Rathaus bei einem Großbrand zerstört worden war, hätte sich die Fassade mehrmals grundlegend verändert. Grundner ist überzeugt: „Man kann Alt und Neu gut verbinden, wenn es mit entsprechendem Fingersitzgefühl gemacht wird.“ Und noch eins steht für den Bürgermeister fest: „Das Rathaus ist das zentrale Gebäude in der Stadt, das darf sich schon von der Umgebung abheben.“

Dass es im Innenstadtbereich bereits einige gravierende Bausünden gibt, will auch Grundner nicht abstreiten. Aber Neubauten seien immer „ein Ausfluss der jeweiligen Zeit“ und daher „immer erst später bewertbar“. Für Grundner steht aber auch fest, dass ein „künstlich historisierender Bau“ die schlechteste aller Lösungen wäre. Wenn die bestehende Rathausfassade erhalten werden sollte, „dann gibt es an dieser Stelle kein Rathaus mehr“. Dann müsste der Neubau des Verwaltungsgebäudes „irgendwo auf der grünen Wiese“ stattfinden. Dorfen hätte dann keinen „integrativen Punkt“ mehr. Grundner: „Wir leben nicht 1860 und auch nicht zur Zeit des Bierkriegs, sondern im Jahr 2016.“ Was für den Stadtchef auch zählt: Der gesamte Rathausplatz habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert – angefangen von der VR-Bank, anstelle eines ehemaligen Wirtshauses, bis hin zu Nachbargebäuden des Rathauses.

Kein Freibrief für Bürger-Bauvorhaben

Kein Verständnis hat Grundner für Vorwürfe an die Stadt, sie habe Dorfener Architekten vom Wettbewerb ausgesperrt. „Das stimmt nicht. Dorfener Architekten haben die Möglichkeit gehabt, sich zu bewerben.“ Dass kein heimischer Architekt bei dem Wettbewerb gesetzt war, liege einzig und alleine darin begründet, dass „per se kein Büro für sich alleine die Voraussetzungen erfüllen konnte“. Laut Grundner hätten die Dorfener Architekten aber laut Ausschreibungstext auch Arbeitsgemeinschaften bilden können. „Es hat sich aber niemand für den Wettbewerb beworben.“

Dass mit einem modernen Rathaus-Neubau der Startschuss zu einem rasanten, unbarmherzigen Umbau der historischen Altstadt gegeben wird, steht für den Bürgermeister nicht zur Debatte. Wenn Bürger im geschützten Ensemblebereich bauen wollten, müsse jede Baumaßnahme mit dem Denkmalamt abgesprochen werden. „Wer glaubt, der Rathaus-Neubau ist ein Freibrief für alle, ist zu kurz gesprungen.“

Stadtchef Grundner glaubt, dass sich das neue Rathaus durchaus gut ins historische Stadtbild einfügen wird. Die Grundkonzeption mit Dreigeschossigkeit und zum Rathausplatz hin mit einem aufgesetztem Saal als vierten Stock stehe zwar. Aber die Detailgestaltung sei jetzt dann Sache der Entwurfs- und Ausführungsplanung. Die Stadt habe hier viel Einfluss, etwas was die Verwendung von Materialien, der Fenstergestaltung, der Farbgebung und Oberflächengestaltung betreffe. „Sehr viele Detailabstimmungen sind nötig. Jetzt kommt die Feinarbeit“, sagt Grundner. Dabei sei auch der Stadtrat gefordert, entsprechende Vorschläge einzubringen.

Indes hoffen etliche Dorfener Bürger inständig, dass der Stadtrat heute Abend (19 Uhr, Sparkassensaal) die Notbremse zieht und die beiden Siegerplanungen in die Schublade steckt. „Man hat Lehrgeld bezahlt und man kann aus Fehlern lernen“, sagt dazu auch ein Architekt, der aber namentlich nicht genannt werden will. Für ihn wäre es richtig, nochmals einen beschränkten Wettbewerb mit Dorfener Architekten und vielleicht Kollegen aus dem Landkreis auszuschreiben. Dann würden „einfühlsame und brauchbare Planungen“ kommen. Und noch eins schlägt der Architekt vor: Um weitere Bausünden und die Zerstörung der historischen Altstadt zu vermeiden, sollte umgehend dem Beispiel in Landshut folgend ein Verein „Freunde der Altstadt Dorfen“ gegründet werden. Denn eins ist für ihn klar – und da zitiert der Planer den Autor Dieter Wieland: „Öffentliche Gebäude und Anlagen sind Vorbilder. Was vorne am Hauptplatz steht, wird in den Gassen nachgeahmt. (. . .) Öffentliche Gebäude setzen einen Maßstab. Was die gestalterische Qualität angeht und die Einfügung in das Ortsbild.“ Rathäuser sind für Wieland, der sich als einer der ersten Fernsehjournalisten für den Denkmalschutz und den Erhalt gewachsener Kulturlandschaften einsetzte, „Offenbarungseide. Sie zeigen, wie die Verantwortlichen ihre Gemeinde sehen. Oder wie sie sie gerne hätten.“

Denkmalamt ist gegen Abriss

Gespannt darf man sein, wie der Stadtrat in der heutigen Sitzung auf die Stellungnahme des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege reagiert, dass das bestehende Rathaus erhalten will (siehe Bericht Seite 1). Denn es scheint fraglich, ob alle Stadträte darüber informiert waren, dass sich die Denkmalbehörde von Anfang an gegen einen Abriss des bestehenden Rathauses ausgesprochen hat. In der bisherigen Diskussion wurde stets der Eindruck erweckt, die Pläne in Dorfen seien auch eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt. Auf Facebook werden die Neubaupläne gnadenlos kritisiert. Auf der Seite „Dorfen lästert“ heißt es unter anderem: „Welcher nicht gehirnamputierte Mensch mit mehr als 10 Prozent tüchtiger Sehfunktion kann diesem Schandmal zusprechen. Die Häuser innerhalb der Stadttore sollten sich den alten Stadtfassaden anpassen müssen. (. . .) Aber wer weiß, vielleicht werben wir ja bald nicht mehr mit unser ,historischen‘ Altstadt sonder einer Cybertron City á la Heinz Grundner.“ " Siehe auch "Denkmalamt will Rathaus nicht abreißen".

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