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Am Freitag stand bereits der Parkplatz der Therme Erding unter Wasser.

Über 70 Hochwassereinsätze

Land unter im Erdinger Land

Erding - Stressiges Wochenende für hunderte Feuerwehrleute im Landkreis: Weit über 150 Unwetter- und Hochwassereinsätze mussten sie am Freitagabend und den ganzen Sonntag über bewältigen - nicht selten stundenlang.

Die Therme Erding war gleich zweimal betroffen.

Es war eine Flut mit Ansage: Bis zu 120 Liter Regen pro Quadratmeter übers Wochenende hatte der Deutsche Wetterdienst für die Region vorhergesagt - und das auf gesättigte, nicht mehr aufnahmefähige Böden. So lief alles umgehend in die Bäche und Flüsse, deren Pegel umgehend bedrohlich anschwollen.

Die Integrierte Leitstelle (ILS) Erding hatte am Donnerstagabend eine Starkregenwarnung herausgeben, die immer wieder verlängert wurde - zuletzt bis Montag, 12 Uhr. Die erste große, braune Flut schwappte am Freitag gegen 16.30 Uhr über den Landkreis. Bis 19 Uhr gingen die Alarme aus allen Teilen der Erdinger Landes im Minutentakt ein. Drei große Einsatzgruppen stellten sich rasch heraus: überflutete Keller, Wohnungen, Garagen und Werkstätten, überschwemmte Straßen sowie geknickte oder auf nassem Untergrund nicht mehr standfeste Bäume. Die Tauchpumpen liefen ohne Unterbrechung, zeitweise gab es im gesamten Landkreis kein einziges freies Gerät mehr. An den Bauhöfen mussten tausende Sandsäcke befüllt und auf Paletten geladen werden - oft der letzte Schutz von Hab und Gut.

Kreisbrandrat Willi Vogl war insoweit beruhigt, “dass größere Katastrophen verhindert werden konnten”. Es habe auch keine Ortschaft gegeben, die komplett vom Untergang bedroht gewesen sei. “Es war überall viel los, ab Freitagabend und vor allem gestern.” Laut ILS gingen in der ersten Nacht über 60 Alarme raus, am deutlich regenärmeren Samstag waren es nur noch um die zehn. Am Sonntag kamen mindestens noch einmal so viele hinzu wie an beiden Tagen zuvor. Christina Centner, Sprecherin des Landratsamtes, sagte am Nachmittag: “Wir sind froh, dass es keine Verletzte gab und niemand evakuiert werden musste.“ Auch zeitkritisch sei kein Einsatz gewesen.

Die ILS wurde personell aufgestockt. Nicht nur die Unterstützungsgruppe wurde einbestellt, um die mehreren hundert teils gleichzeitig eingehenden Notrufe aus den Kreisen Erding, Ebersberg und Freising abzuarbeiten. In Erding wurde zudem - was nur bei Großschadenslagen geschieht - die Kreiseinsatzzentrale (KEZ) der Feuerwehr besetzt. Hier wurden die Einsätze über einen eigenen Funkkanal koordiniert.

Am frühen Freitagabend lief in Altenerding Wasser auf die Lukasmühle zu. Die Feuerwehr errichtete Sandsackbarrikaden, um die Häuser zu schützen. Von dort ging es weiter zur Therme Erding, wo die Parkplätze mehrere Zentimeter tief unter Wasser standen. Die Badegäste eilten zum Teil in Badehose und Bikini in die Kälte, um nach ihrem Auto zu sehen. Die Wehren Erding und Altenerding bargen die Karossen. Bei Schiltern erwischte es einen Schweinestall, der plötzlich unter Wasser stand. In Sonnendorf bei Wörth ging der Dorfweiher über - und gefährdete ein landwirtschaftliches Anwesen. In der Erdinger Innenstadt lief Wasser durch ein undichtes Dach in ein Bekleidungsgeschäft in die Verkaufsräume. Hier hieß es: abdichten und trocken wischen.

Zwischen Aufhausen und Wifling unterspülte der Regen die Staatsstraße und ließ sie teils absacken. Zwischenzeitlich kaum noch passierbar waren die Erdinger Straße in Reithofen, die Verbindung Eichenkofen-Eitting sowie Straßen in Grünbach.

Während es am Samstag mit Ausnahme der Nachmittagsstunden ruhig blieb, gab es am gestrigen Sonntag wieder das volle Programm. Die ganze Nacht über hatte es geregnet, ab 9.30 Uhr klingelten die Funkwecker flächendeckend ohne Unterlass. Die Ehrenamtlichen eilten ohne Pause von Einsatzstelle zu Einsatzstelle - die Betroffenen mussten sich teils in Geduld üben. Denn Keller für Keller musste leer gepumpt werden. Centner lokalisierte als Schwerpunkte die Ortschaften Ottenhofen - vor allem um Unterschwillach musste hart gekämpft werden -, Sonnendorf, Wörth, Hörlkofen und Wifling. Die Wehren halfen sich auch überörtlich, gerade dann, wenn es in einem Ort an mehreren Stellen Land unter hieß. Das galt vor allem für Reithofen, das eher an Venedig erinnerte.

Dramatische Szenen spielten sich auch in Bergham ab, wo das gesamte Hangwasser von Itzling hinter auf den Ort zulief. Binnen kurzer Zeit standen mehrere Straßen unter Wasser. Sofort wurden Gullydeckel geöffnet, um für einen Abfluss zu sorgen. Die Anwohner schulterten mit der Feuerwehr Sandsäcke und bauten Dämme aus Brettern und Bierbänken, um ihr Eigentum zu schützen.

Parkplatz der Therme Erding unter Wasser

Land unter im Landkreis Erding

Brenzlig auch die Lage an der Therme. Hier floss gestern ebenfalls Hangwasser auf den Saunabereich zu und drang in Technikräume ein. Die Feuerwehr setzte Wasserwerfer und ein landwirtschaftliches Großfass ein, um die Badebereiche zu schützen. Thermen-Geschäftsführer Uwe Barth erklärte unserer Zeitung vor Ort: “Das Schlimmste konnte gerade noch abgewendet werden. Den Dreck können mit Hochdruckreinigern rausspritzen.”

Wasserwacht in Berchtesgaden

Noch schlimmer als das Erdinger Land erwischte es die Menschen im Landkreis Berchtesgaden. Dort wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Zur Unterstützung der Retter dort wurde am Sonntagmittag ein Rettungszug der Wasserwacht Erding angefordert. Dies berichtet Ortsvorsitzender Siegi Ippisch, der von einem mehrtägigen Einsatz im Südosten des Freistaates ausgeht, zu dem auch die Moosburger Wasserwacht beordert wurde. Ein zweiter Zug blieb zur Absicherung in Erding. Das BRK befand sich das ganze Wochenende über in erhöhter Alarmbereitschaft.

Hans Moritz

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