70 Jahre nach der Vertreibung

Ein ganz besonderes Familientreffen

Hohenpolding - Vor genau 70 Jahren kamen zwei Frauen mit ihren elf Kindern beim „Puisl-Wirt“ in Pilstl (Gemeinde Hohenpolding) an. Es waren zwei Familien, die aus ihrer Heimat, dem Egerland, von den Tschechen vertrieben wurden. Jetzt gab es beim Wirt ein Familientreffen.

Hedwig Wolf mit ihren vier Kindern und Resl Beyerl mit sieben ihrer neun Kinder waren am Ende ihrer Flucht. Nichts hatten sie mehr, außer zwei vollgestopften Kinderwagen und das, was sie tragen konnten: ihre Klamotten am Leib, ein bisschen Wäsche, ein paar Teller, Haferl und ihre Papiere.

Familie Wolf war noch kurz vor ihrer Vertreibung bei den Großeltern in Schwanburg, bei Opa Beyerl, untergeschlüpft, bevor sie in ein Lager bei Guttenplan gebracht wurden. Die Beyerls mussten in ein Lager in Landeck. Hunderte von Flüchtlingen waren dort in den Lagern zusammengepfercht. Sechs Wochen mussten die beiden Familien in ihren jeweiligen Lagern ausharren, auf Stroh schlafen, draußen auf einem Plumpsklo ihre Notdurft verrichten. Bad gab es keins. Nur Katzenwäsche mit einer Schüssel voll Wasser war möglich.

Nach diesen sechs Wochen wurden sie alle zum Bahnhof gekarrt und in einen Viehwaggon verladen. Wie lange sie alle im Finstern saßen, wissen die Cousins und Cousinen nicht mehr. Aber es müssen ein paar Tage gewesen sein. Ein Kübel, der als Toilette diente, stand neben den Strohbündeln, auf denen sie schliefen. Er konnte immer nur dann entleert werden, wenn der Zug anhielt. An den Gestank, der im Waggon herrschte, mag sich keiner mehr erinnern. Die Jüngsten von ihnen, Monika Ludwig (geborene Beyerl) und Leni Parks (geborene Wolf) waren damals ja auch erst zwei Jahre alt.

In Dachau war Endstation. „Wir haben dann bis zum KZ gehen müssen, was ziemlich weit war. Ich hab zu meiner Mutter gesagt, ich kann nicht mehr“, erinnert sich die mittlerweile 75-jährige Helga Brenninger (geborene Beyerl). „Wir sollten dort entlaust werden und die haben unsere Kleidung mit einem Mittel angesprüht.“ Dass ihre Mutter nie eins ihrer Kinder auf dieser langen Odyssee verlor, wundert sie heute noch. Mit dem Laster ging es dann weiter nach Erding. Von dort aus wurden die Vertriebenen in der Umgebung verteilt. Die Wolfs und Beyerls mussten nach Sulding. „Meine Mutter dachte, das ist ein Kurort, als sie den Namen hörte. Aber es war ein Kuhdorf“, wirft die 80-jährige Vlasta Faltlhauser (geborene Wolf) ein. Auch mit der Sprache war es anfangs nicht einfach. „Mama, sind wir im Ausland, weil ich die Leute nicht verstehe“, habe sie damals ihre Mutter gefragt. Heute reden alle perfekt bairisch und haben sich bestens integriert.

Beim Wirt von Pilstl, der Familie Holzinger, wurden sie alle schließlich am Tanzboden im ersten Stock des Bauernhauses einquartiert. Dort waren sie nicht die Einzigen. Bis zu 20 Personen hausten dort. „Wir lagen alle zusammen, auf Feldbetten, die auf d’Nacht aufgeschlagen und in der Früh wieder zusammengelegt wurden“, erzählt die 77-jährige Hilde Haberl (geborene Beyerl). Nur ein kleiner Ofen sorgte für Wärme. Drei Jahre lebten die Beyerls dort. Immer, wenn eine Hochzeit oder ein Ball war, mussten sie den Tanzboden räumen und dann im Heuboden oder im Speicher schlafen.

Die Wolfs wurden nach einem Jahr zum Zollner nach Sinzing verlegt. „Uns wollte keiner haben mit neun Kindern“, erzählt Hilde Haberl. „Wir hatten nichts und haben uns selber versorgen müssen.“ Ihre Mutter und alle Kinder, die schon groß genug waren, halfen den umliegenden Bauern beim Kartoffelklauben und bei der Ernte. Als Lohn erhielt die Mutter Getreide, das sie beim Müller gegen Mehl umgetauscht habe, damit sie für ihre Kinder wieder kochen konnte. Gejammert habe die Mutter nie.

Franz Beyerl, der große Bruder, war 1944 mit 19 Jahren eingezogen worden und suchte seine Familie, als er aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Wo sie waren, erfuhr er am Erdinger Bahnhof. Dort hingen Plakate aus, auf denen stand, wohin die Flüchtlinge verteilt worden waren. „Als er zu uns kam, haben wir ihn gar nicht mehr erkannt, so hatte er sich verwachsen. Er war krank und hatte einen langen Bart. Dürr war er ja schon immer der Franz“, meint Helga Brenninger. Sobald er konnte, half er beim Unterhalt der Familie mit. Auch der Vater fand 1946 seine Lieben in Pilstl wieder.

Die Wiedersehensfreude war so groß, dass neun Monate später Sohn Gerhard auf die Welt kam – 22 Jahre jünger als sein ältester Bruder. Die größeren Geschwister waren nicht begeistert. Aber Gisela, Hermann und Hans waren da eh schon weg, in Dienst bei umliegenden Bauern. Die älteren Geschwister mussten immer auf die jüngeren aufpassen und alle spätestens mit 14 Jahren zum Arbeiten gehen. Alle mussten von klein auf bei der Hausarbeit mithelfen. Noch heute rümpft Hilde Haberl die Nase, wenn sie daran denkt, wie sie die Windeln ihrer Geschwister im Bach waschen musste: „Mir hat so viel gegraust.“

Die Beyerls hatten so wenig, dass auch die Kleidung von den älteren zu den jüngeren Geschwistern durchgereicht wurde. Neues gab es nicht, es wurde gestrickt und geflickt. Auch warme Schuhe hatten nicht alle. „Deshalb konnten wir im Winter manchmal nicht in die Kirche gehen und wurden vom Pfarrer am nächsten Tag geschimpft“, erinnert sich Helga Brenninger. „Wir haben uns alle fünf mit unserer Mutter die Schuhe geteilt, denn wir hatten alle Schuhgröße 38.“

Vlastas Vater war noch in der alten Heimat gestorben. Ihre Mutter erhielt 75 Mark Fürsorge. Auch sie mussten alle bei den Bauern arbeiten. Im Winter, wenn es keine Arbeit gab, bat die heute 80-Jährige bei den Nachbarn um Milch und die zeigten sich barmherzig. Nicht immer sei es ihrer Mutter gut gegangen. Als sie etwa beim Niedermaier in Penning untergebracht wurden, musste sie mit ihren vier Kindern in der Melkkammer schlafen. Das Plumpsklo war gleich neben dem Misthaufen, auf der anderen Seite des Hofes. Auch in der Familie Wolf musste jedes Kind möglichst schnell auswärts arbeiten, damit ein Maul weniger zu füttern war.

Aus allen Beyerls und Wolfs ist trotz dieser armseligen Startbedingungen was geworden. Das Schicksal schlug noch öfters grausam bei ihnen zu, aber gejammert haben sie alle nie. Der familiäre Zusammenhalt ist bis heute ungebrochen. Auch zur Familie Holzinger pflegen sie bis heute ein freundschaftliches Verhältnis. Deshalb war es auch für alle klar, dass sie ihr 70. Flucht-Jubiläumstreffen in deren Wirtschaft machen. Ihre Mütter, Hedwig Wolf und Resi Beyerl, konnten nicht mehr dabei sein. Sie sind schon beide gestorben.

Birgit Lang

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