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Musikparadies: David Lynch in seinem Studio in Hohenpolding. Neben diversen Gitarren und Bässen spielt er dort Sitar (im Bild), Dilruba und auch mal Schlagzeug, Vibraphon und vieles andere.

Porträt David Lynch

Mitfühlende Saiten

  • VonTimo Aichele
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„Wenn ich Single wäre, wäre ich ein Drifter“ – das sagt David Lynch über sich selbst. Doch zum Glück für sich, seine Frau Uschi und einige Fans in Bayern ist der 40-jährige Kanadier hier glücklich verheiratet. Und so kommt es, dass der Musiker und Instrumentenbauer seit vier Jahren in Hohenpolding lebt und dort seiner Kunst nachgeht.

Hohenpolding„Drifter“ als „Herumtreiber“ zu übersetzen, klingt unfreundlicher als es gemeint sein kann. Andere Wörterbücher sagen „Bummler“. Irgendwo zwischen diesen beiden Bedeutungen erklärt sich aber auch der Lebensweg von Lynch.

Eine Zwischenstation wird am Samstag, 10. November, im Wasserschloss Taufkirchen sein. Dort gibt der frühere Schüler von Ali Akbar Khan, einem weltberühmten Meister klassischer indischer Musik, ein Konzert. Die nordindischen Ragas, Stücke Jahrtausende alter Tradition, spielt der kanadische Hohenpoldinger auf der Sitar, einer indischen Langhalslaute mit ihrem typischen schwebenden Klang, und der Dilruba, einem Streichinstrument (Beginn 19.30 Uhr, Eintritt frei).

Lynch ist jemand, der bereits mit 16 quer durch die Vereinigten Staaten trampte und dabei seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdiente. Jemand, der später im Leben phasenweise als Fahrradkurier, Schreiner oder Gabelstaplerfahrer arbeitete, um sich dann auf Monate lange Fahrradtouren zu begeben – immer mit mindestens drei Musikinstrumenten im Gepäck. Jemand, der eben eine solche Radtour bei San Francisco Richtung Südamerika startete – und dann in Island landete.

Das war 2009: Zwei Jahre lang hatte Lynch bei Khan im kalifornischen San Rafael studiert. Dann schwang sich der Drifter aufs Rad, und so begann in Kalifornien eigentlich schon das bayerische Abenteuer des Kanadiers. Auf einem isländischen Campingplatz traf er Uschi Winkler. Acht Wochen später reiste die Grundschullehrerin aus Großwimpasing zu Lynch nach Calgary – und blieb.

Fünf Jahre später war es wieder eine Radtour, die das Leben der beiden veränderte. Es sollte von Alaska nach Feuerland an der Südspitze des amerikanischen Kontinents gehen. Die Autos wurden ver- und Tourenräder gekauft.

Am Ende wurden es über 10 600 Kilometer, auf denen Lynch seine Sitar auf einem speziellen Anhänger hinter seinem Fahrrad herzog. Ein Tag ohne Musizieren, das ist für ihn nicht vorstellbar.

Nach vier Monaten Mexiko hatten Lynch und seine Freundin aber genug von Mittelamerika. Sie flogen nach Griechenland und radelten weiter – in Uschi Winklers Heimat. Denn das war, unabhängig von der spontanen Routenänderung, ihre Bedingung gewesen: David sollte mit ihr nach Deutschland kommen. Inzwischen heißt auch die frühere Großwimpasingerin Lynch und arbeitet in Velden wieder als Lehrerin.

Lynch ist mit ihr in Hohenpolding sesshaft geworden. Von dort bricht er auf, um Konzerte zu geben. Dort baut und repariert er auch Instrumente – vom Charango, einer südamerikanischen Mandoline, bis hin zu E-Gitarren.

Und wenn er schon auf Reisen keinen Tag ohne seine Instrumente auskommt, dann ist es im heimischen Studio erst recht so. Zur Zeit übt er besonders viel Sitar. Auch nach fast 20 Jahren mit diesem indischen Instrument fällt ihm die traditionelle Haltung beim stundenlangen Spielen nicht immer leicht – das linke Bein abgewinkelt und den Korpus des Instruments auf dem linken Fuß thronend. „Der Schmerz ist da, aber ich habe mich daran gewöhnt“, sagt er lachend.

Die Sitar hat sieben Spielsaiten, auf denen der Musiker die Melodien zupft, und 13 Resonanzsaiten. Der Kanadier Lynch spricht von „sympathetic strings“, den mitschwingenden, nach allzu wörtlicher Übersetzung auch „mitfühlenden Saiten“. Ein schönes Bild für eine Musik, in der jeder Ton eine tiefe Bedeutung hat, einen eigenen Charakter, wie eine Rolle in einem Theaterstück.

Diese 13 in Obertönen mitschwingenden Saiten erzeugen einen schwebenden, in den drogen-vernebelten 1970er Jahren auch in der Rockmusik beliebten Sound.

In der westlichen Welt wird der Klang der Sitar mit Meditation und fernöstlicher Spiritualität in Verbindung gebracht. Dieser Aspekt sei auch den indischen Meistern wichtig, bestätigt Lynch. Khan habe zu seinen Schülern gesagt: „Musik ist der schnellste Weg zu Gott.“ Doch damit sei nicht eine bestimmte Religion gemeint, sagt sein Schüler. Von seinem Meister habe er ebenso hinduistische wie auch weltliche Stücke gelernt. Über seine eigene Spiritualität sagt Lynch: „Das Leben ist ein Buch, und meine Religion werde ich auf der letzten Seite kennen.“

So ist David Lynch weiter auf einer musikalischen Lebensreise. Neben indischen Ragas interessiert er sich für Jazz und bleibt dem Rock treu. Mit der Mühldorferin Maria Kratzer tritt er auch im Duo als „Magic and the Devil“ auf. Beim Konzert im Wasserschloss Taufkirchen am 10. November wird er die teilweise tausende Jahre alten Ragas mit ihren strengen Regeln in der klassischen Tradition interpretieren.

Doch weil der Drifter schon viele Grenzen überquert hat, will er das an diesem Abend auch musikalisch tun. Neben den klassisch indischen Instrumenten Sitar und Dilruba wird er auch einen Laptop und eine Lap-Steel-Gitarre einsetzen. Ihren jammernden Klang kennt man eher aus dem Blues oder hawaiianischer Musik. Das Driften wird auch für die Zuhörer spannend werden.

Kontakt zu David Lynch über Facebook: Woiperdinger Music.

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