Wie Hussein Asyl bei Gott bekam

Dorfen - Vor der drohenden Abschiebung nach Ungarn hat ein 22-jähriger Afghane Kirchenasyl bekommen. Der Dorfener Pfarrer Johann Eschbaumer hat dies dem jungen Mann gewährt. Drei Monate nahm der Geistliche den Flüchtling bei sich auf. Er hält das nicht nur für richtig, sondern für seine christliche Pflicht.
Zuflucht in Kirchen wird gegenwärtig in Bayern über 60 Flüchtlingen und Asylbewerbern gewährt. Pfarreien, die Asylbewerbern Unterkunft bieten, müssen stets in einer gewissen Angst leben – es droht eine Hausdurchsuchung. Denn der Staat sieht die Kirche keinesfalls als rechtsfreien Raum – das Asyl wird nicht anerkannt. Dennoch gehen Polizei und Justiz bisher nur selten gegen diesen formal rechtswidrigen Zustand vor. Immer mehr in der Flüchtlingshilfe engagierte Christen sehen deshalb in Kirchen die letzte Rettung für Flüchtlinge, die nach dem Asylgesetz abgeschoben werden, obwohl ihnen in der Heimat Repressalien drohen.
Ein solcher Flüchtling ist der 22-jährige Afghane Hussein. Noch vor seiner Geburt flieht seine Familie vor den Taliban in den Irak. Dort kommt Hussein auf die Welt – eine, die für den heute 22-Jährigen bisher kaum schöne Seiten hat.Im Alter von 18 Jahren entschließt sich der junge Mann, vor Elend, Krieg und der ständigen Angst zu fliehen. Ein Bruder hat es schon nach Belgien geschafft, eine Schwester nach Deutschland. Über mehrere Länder gelangt er nach Ungarn. Hier hofft er auf Asyl. Doch nichts ist es mit der erhofften Menschlichkeit. Der junge Mann landet im Gefängnis – wegen illegaler Einreise.
Als Illegaler in Ungarn im Gefängnis
Was der Afghane hier erlebt, ist nicht das Europa, von dem er von seinen Geschwistern gehört hat. Er wird nach eigener Aussage gedemütigt, beschimpft und muss unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen leben. Er muss miterleben, wie Mithäftlinge misshandelt werden. Er selbst wird mit Medikamenten ruhiggestellt. Bei einem kurzen Aufenthalt in einem Flüchtlingsheim gelingt dem jungen Mann die Flucht. Er schlägt sich nach Belgien durch. Dort, wo in Antwerpen sein Bruder lebt, hofft er endlich auf Hilfe und stellt einen Asylantrag. Doch wieder zerschlägt sich jede Hoffnung. Nach Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europaweiten Datenbank Eurodac, die solche von Flüchtlingen sammelt, wird er wieder nach Ungarn abgeschoben. Es ist die so genannte Dublin-Verordnung, die das möglich macht. Wichtigste Regel für die Zuständigkeit:Der Staat, in den der Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, muss das Asylverfahren durchführen. Doch nicht nur Menschenrechtsorganisationen, sondern auch schon mehrere Verwaltungsgerichte lehnen Abschiebungen nach Ungarn ab. Die Lebensbedingungen für Flüchtlinge seien dort unzumutbar.
Hussein wird trotzdem ins Flugzeug gesetzt. Direkt vom Flughafen in Budapest aus landet der junge Mann wieder für acht Monate im Gefängnis. Danach kommt er in eine Flüchtlingsunterkunft und wartet dort auf die endgültige Abschiebung nach Afghanistan – ein Horror für Hussein. Dort gelten zurückgekehrte Flüchtlinge bei den Taliban als Verräter. Sie müssen um ihr Leben fürchten. Erneut flüchtet er – diesmal nach Bayern, wo in Augsburg seine Schwester lebt. Im September 2013 stellt Hussein in München einen Asylantrag. Im Oktober wird er in eine Flüchtlingsunterkunft nach Erding verlegt. Doch wieder finden die Behörden über die Fingerabdruck-Datenbank schnell heraus, dass Hussein ein Dublin-Fall ist. Und wieder leiten die Behörden die Abschiebung des jungen Mannes nach Ungarn in die Wege. Zwar kann eine solche „Rückführung“ angefochten werden, aber der Erfolg einer solchen Klage ist oft eine Art Glücksspiel.
Doch in Erding hat der junge Mann zum ersten Mal Glück. Dort gibt es mit der Arbeitsgruppe Asyl (AGA) eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die sich unter der Leitung von Maria Brand der Flüchtlinge annimmt. Trotzdem macht die lange Angst vor der Abschiebung den 22-Jährigen schwer krank. Er wird depressiv, kann nicht mehr richtig schlafen und essen. Maria Brand und die für den Verein tätige Anwältin entscheiden, nicht gegen die Abschiebung des jungen Mannes zu klagen. Zu groß ist das Risiko, dass das Gericht die Ausweisung für in Ordnung befindet. Brand geht einen anderen Weg. Sie findet ein Kloster, das dem jungen Mann vorübergehend Kirchenasyl gewähren will. Wenige Tage später findet Hussein dort Unterschlupf. Bis Ostern kann er dort bleiben. Die Ausländerbehörde wird über den Schritt informiert – und damit wird sichergestellt, dass der Flüchtling nicht als Illegaler eingestuft werden kann.
Erst im Kloster, dann beim Pfarrer
Die Dorfener Stadträtin und jetzige Dritte Bürgermeisterin Doris Minet stellt schließlich den Kontakt zu Pfarrer Johann Eschbaumer her. Nach Gesprächen im Ordinariat und dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten sagt der Dorfener Geistliche zu, Hussein bei sich so lange aufzunehmen, bis die Frist abgelaufen ist, in der eine Abschiebung möglich wäre. Mitte April fährt Eschbaumer zum Kloster und holt den Flüchtling ab. Dem 68-Jährigen ist bange, dass die Polizei davon Wind bekommen könnte und den 22-Jährigen verhaftet, noch bevor er im Dorfener Pfarrhof wieder in Kirchenasyl ist. Doch es geht alles gut. Die Polizei bekommt aber trotzdem wenig später mit, dass Hussein wohl in Dorfen ist. Der Pfarrer räumt das auch auf Anfrage offen ein – wieder, um Hussein vor der Illegalität zu bewahren. Aber obwohl Eschbaumer von Dorfens Polizeichef Ullrich Milius darauf hingewiesen wird, dass er sich damit grundsätzlich strafbar mache, lässt sich Eschbauer nicht einschüchtern. Vielmehr informiert der Geistliche nicht nur die Behörden, sondern auch Kirchenverwaltung, Pfarrgemeinderat, benachbarte Pfarrer und Bürgermeister Heinz Grundner. Erfolglos versuchte das Landratsamt, Eschbaumer zu einem Gespräch zu bewegen, das Kirchenasyl zu beenden.
Über Hussein kann Eschbaumer nur Positives berichten: „Er war ein sehr angenehmer Gast.“ Der junge Mann machte sich von Anfang an im Haushalt nützlich, half putzen, kochen und im Garten. Über die Aktionsgruppe Asyl wurde auch eine Lehrerin gefunden, die dem jungen Mann mehrmals in der Woche Deutschunterricht erteilte. Mitte Juni ist die Frist für eine Abschiebung nun abgelaufen. Maria Brand holte den jungen Mann wieder ab. Er lebt jetzt in Erding in einer Asylunterkunft. Hussein hat jetzt das Gefühl, erstmals im Leben auf der Sonnenseite zu stehen. Er will jetzt nur eines: Lernen, lernen, lernen.
Für den Dorfener Pfarrer steht es außer Zweifel, dass es „christliche Pflicht ist, Flüchtlingen zu helfen“. Deutschland müsse sich mehr öffnen, Möglichkeiten zu schaffen, diesen Menschen zu helfen. Die Flüchtlingsproblematik werde sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen, Deutschland dürfe sich nicht abschotten.Der Geistliche appelliert auch an das Gewissen der Menschen: „Wir müssen die Türen aufmachen.“ Es sei christliche Verpflichtung, zu helfen. Auch in Zukunft will Eschbaumer nicht ausschließen, bei Notwendigkeit Kirchenasyl zu bieten. Eschbaumers Appell: „Die Menschen müssen sich öffnen, Vorurteile überwinden.“
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„Politiker müssen in die Gänge kommen“
Doch auch in der Politik muss ein Umdenken statfinden. Flüchtlingshilfe-Sprecherin Brand sieht vor allem auch die Kommunen in der Pflicht, „Projekte für die Zukunft zu errichten“. Es gebe genügend leerstehende Objekte, die zu menschenwürdigen Unterkünften für Asylbewerbern umgebaut werden könnten.Die immer wieder ins Feld geführten Argumente, aus Brandschutzgründen seien Häuser nicht nutzbar, hält Brand für nicht nachvollziehbar. Zum einen würden auch viele Deutsche in Wohnungen leben, die nicht dem allerletzten Stand der Brandschutzverordnungen entsprechen würden. Zum anderen sei zu überlegen, ob Investitionen in einen gesetzeskonformen Brandschutz von Asylunterkünften auf Dauer nicht billiger kämen, als das Aufstellen von Containern. Als vorbildliche Kommunen im Landkreis sieht Brand Isen und Taufkirchen. Dort seien die Flüchtlinge „relativ gut untergebracht“. Positive Willkommenskultur müsse von den Kommunen ausgehen. Hier müssten Bedingungen geschaffen werden, den Flüchtlingen so gut es geht, zu helfen.
Brands Urteil über die Flüchtlingshilfe im Kreis fällt nicht gut aus: „Die Politiker müssen endlich in die Gänge kommen.“ Andernorts gebe es längst Krisenstäbe, die sich um eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen bemühen würden. „Es fehlt einfach ein Konzept. Ich erwarte, dass man sich hinsetzt, Geld in die Hand nimmt und etwas schafft.“
Anton Renner