Drei Jahrzehnte Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder: Am 3. Juli 2015 waren die Kinder nach 27-stündiger Busfahrt am Erdinger Volksfestplatz angekommen. Vor zwei Jahren musste sich der Verein auflösen. ARchivFoto: TOM
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Drei Jahrzehnte Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder: Am 3. Juli 2015 waren die Kinder nach 27-stündiger Busfahrt am Erdinger Volksfestplatz angekommen. Vor zwei Jahren musste sich der Verein auflösen.

35 Jahre nach der Reaktorkatastrophe

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Die Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder bot Mädchen und Buben die Möglichkeit zum Urlaub im gesunden Westen. Mittlerweile hat sich der Verein aufgelöst, eine Helferin erinnert sich.

Inning am Holz/Landkreis – Korotkij liegt im Süden von Belarus, im Gomelgebiet, an der Grenze zur Ukraine, nur wenige Kilometer außerhalb der noch immer geltenden Sperrzone um Tschernobyl. Es ist ein kleines Dorf, es gibt eine Kolchose und eine Schule, erzählte Beate Neumeier-Brandl aus Großwimpasing, Gemeinde Inning am Holz. Sie war lange Zeit Vorstandsmitglied im Verein Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder.

Vor genau 35 Jahren war dieses Dorf unmittelbar von der Reaktorkatastrophe betroffen, in den folgenden drei Jahrzehnten entstand eine enge Beziehung zwischen den Kindern und der Jugend von Korotkij und vielen Familien im Landkreis Erding. Alljährlich im Juli fuhr ein vollbesetzter weißrussischer Bus die 27-stündige Reise nach Westen.

Die letzte Fahrt fand 2018 statt, vor zwei Jahren löste sich der Verein auf. Gründe gab es dafür mehrere, auf beiden Seiten der Partnerschaft.

In Belarus prägte Präsident Alexander Lukaschenko seit 1994 das Verhältnis zu den zahlreichen deutschen Hilfsvereinen für Kinder. Immer mehr Auflagen erschwerten die Auslandsfahrten. Dies ging soweit, dass die Kinder von Korotkij ins 350 Kilometer entfernte Minsk fahren mussten, um dort Fingerabdrücke abzugeben. Der Austausch mit dem ideologisch und wirtschaftlich weit entfernten Westen wurde in Belarus nicht gerne gesehen.

Schwierigkeiten ganz anderer Art ergaben sich aber auch auf der Seite des Landkreises Erding: Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Super-GAU ließ offenbar die Hilfsbereitschaft der Menschen nach. Es war immer schwieriger geworden, Gastfamilien für die Kinder zu finden. Viele Zeitungsausschnitte mit Aufrufen, von Neumeier-Brandl gesammelt in einem Ordner, zeugen davon. Die 56-jährige denkt aber auch an einen strukturellen Wandel in den Familien, immer öfter seien beide Elternteile berufstätig und können so keine Gastkinder mehr – im Idealfall immer zwei – aufnehmen.

Das endgültige Ende der Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder war dann die ergebnislose Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern, die die Bereitschaft, viel Zeit und Arbeit zu investieren, mitbringen hätten müssen. „Wir haben wirklich viel Arbeit geleistet, die Organisation begann bereits im Januar. Die Ämter im Vorstandsteam wurden aber oft nur getauscht. Jahrelang haben wir nach neuen Funktionären gesucht und gesucht“, erinnert sich Beate Neumeier-Brandl, die bis zum Schluss aktiv war.

Der finanzielle Aspekt des vierwöchigen Aufenthalts war nie unwesentlich, um die 10 000 Euro mussten jedes Jahr dafür gesammelt werden. Die Busfahrt und die Versicherung der Kinder verschlangen dabei den größten Anteil, hinzu kamen Ausgaben für das Programm, beispielsweise der Eintritt für den Bayernpark. Dies gelang aber stets durch Spenden und den tatkräftigen Einsatz der Vereinsmitglieder, zum Beispiel durch den Verkauf von Kuchen.

Zum Ende der Vereinsgeschichte war sogar noch Geld übrig, das an die Kinderkrebshilfe, das therapeutische Reiten in Taufkirchen, die Mittelschule Taufkirchen und die Grundschule Moosen ging.

Wie viele Erdinger Familien pflegt auch Neumaier-Brandl noch Kontakte nach Korotkij, vor allem zu Stas, den sie als Kindergartenkind zum ersten Mal bei sich daheim in Großwimpasing zu Gast hatte. Dem heutigen Sechstklässler schickt sie zu Weihnachten Milka-Schokolade, Nutella oder Gummibärchen. Und auch seine Mutter, die als Betreuerin und Dolmetscherin auf der Fahrt mit nach Bayern kam, wird bedacht.

Neumeier-Brandl engagiert sich mittlerweile im Projekt „Miteinander-Füreinader“, in dem sie Senioren betreut. Dankbar ist sie noch immer allen Vereinsmitgliedern, Helfern, Gasteltern und Sponsoren.

Mit dem Verein ging ein Projekt zu Ende, das lange noch nicht am Ende war. Eine medizinische Untersuchung der Erdinger Hilfe für Tschernobylkinder hatte gezeigt, dass 80 Prozent des radioaktiven Jods, mit dem die Kinder ankamen, in den vier Wochen Aufenthalt abgebaut wurde. Der örtlich nächste Tschernobylkinder-Verein mit unterschiedlichem Konzept ist in Anzing, Landkreis Ebersberg.

Fabian Holzner

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