Mit einem Boot und am Ufer suchten die Feuerwehrleute den Kanal nach dem Reh ab. Bei Reisen wurde es geborgen (rechts). Auch hier sind die Wände mit der dicken Plastikfolie belegt, die den Tieren zum Verhängnis wird. foto: simmet

Isarkanal wird zur Todesfalle für Tiere

Landkreis - Eon Wasserkraft hat die Betonwände des Mittleren Isarkanals bei dessen Sanierung teilweise mit Plastikfolie auslegen lassen, auf der Tiere keinen Halt finden.

Sie rutschen ins Wasser – und kommen trotz vorhandener Ausstiegshilfen oft nicht mehr raus. Der Kanal ist zu einer Todesfalle für Tiere geworden.

„Seit vielen Jahren jogge ich immer zwischen Werndlfinger Brücke und Moosinning mit meinem Hund am Kanal entlang. Nie ist dort etwas passiert“, erzählt eine Leserin der Heimatzeitung, die namentlich nicht genannt werden will. „Doch seit der Sanierung sehe ich immer wieder tote Tiere im Wasser: einen Fuchs, zwei Hasen, drei Katzen, ein Reh und einen Dachs oder etwas ähnliches – der war so aufgetrieben, ich konnte nicht mehr erkennen, was das war.“ Die Joggerin hat auch tiefe Kratzspuren an der Plastikfolie festgestellt, mit der die Betonwände überzogen sind – Zeugnisse des brutalen Überlebenskampfes der ins Wasser gefallenen Tiere.

Am Mittwochabend vergangener Woche rückten Erdinger Feuerwehr und Wasserwacht mit Booten zum Kanal bei Kempfing (Gemeinde Moosinning) aus. Passanten hatten ein Reh im Wasser treiben gesehen. Es war spurlos verschwunden – es hatte sich vielleicht retten können, oder das Wild war ertrunken. Am Samstag musste die Feuerwehr ein totes Reh aus dem Kanal bergen. Diesmal wurde das Tier am Samstagmittag von einer Spaziergängerin bei Reisen im Wasser gesehen. Die Feuerwehren Eitting, Niederding und Erding wurden alarmiert. In der Mitte zwischen Reisen und Eitting entdeckten Feuerwehrleute später das leblos im Wasser treibende Wild.

„In einigen Abschnitten wurde das Kanalbett mit einer so genannten Kunststoffdichtungsbahn ausgelegt“, so der Biologe Thomas Schreder, Pressesprecher des Bayerischen Jagdverbandes. „Eine schwarze Kunststoffbahn, die es für jegliche Tierarten unmöglich macht, wieder aus dem Kanal herauszukommen“, erklärt Schreder das Problem. „Der Kreisjagdverband Erding und der Bayerische Jagdverband haben daher das Angebot der Eon gerne aufgenommen, bei der Planung geeigneter Ausstiegshilfen mitzuwirken.“

Diese Ausstiegshilfen sind ein Geflecht, das auf die Kunststoffbahnen aufgebracht worden ist. Dadurch sollen Wildtiere die Möglichkeit bekommen, wieder aus dem Wasser herauszukommen. In den sanierten Kanalabschnitten ohne Kunststoffbahnen wurden die bewährten Baustahlmatten durch Mattten gleicher Machart ersetzt. Dort, zum Beispiel bei Aufkirchen, trennt auch noch ein Zwischenraum die Kanalwand vom begehbaren Rand. Hier sind die Tiere sicher.

Der Tierschutzverein Landkreis Erding und der Bund Naturschutz (BN) wissen um die Problematik. Christa Manschek, Vorsitzende des Tierschutzvereins: „Ausstiegshilfen fehlen gerade hier im Bereich der mit dicker und fester Folie abgedichteten Abschnitte.“ Es sei erschreckend, dass „Spaziergänger ertrinkende Tiere hilflos beobachten müssen“. Zusammen mit der Erdinger BN-Chefin Gabi Betzmeier hat sie sich die Stellen bei Moosinning angeschaut. Das Fazit der beiden: „Die mit Folie abgedichteten Bereiche sind besonders gefährlich, denn die Folie ist spiegelglatt. Dadurch haben die Tiere keine Chance, sich zu retten. In den alten Bereichen war der Beton rauh und rissig, und kleinere Tiere konnten problemlos das rettende Ufer erreichen.“ Manschek sieht übrigens nicht nur ein Gefahrenpotential für Tiere: „Stellen Sie sich vor, ein Mensch rutscht an diesen Stellen in den Kanal rein. Der kommt genauso wenig wieder raus.“

Christian Orschler, Pressesprecher der für den Mittleren Isarkanal verantwortlichen Eon Wasserkraft GmbH, sieht die Lage entspannter. „Wir haben neue Wildausstiegshilfen am Kanal montiert. Über Anzahl und Anbringungsorte haben wir uns vom Jagdverband beraten lassen und deren Expertise mit reingenommen. Wir sind davon überzeugt, eine gute Lösung gefunden zu haben.“ Die Folie diene dazu, die Kanalwände abzudichten und sei „unter technischen Gesichtspunkten“ angebracht worden. Es sei auch wichtig, den Damm zu sichern. Dass es hier um finanzielle Gesichtspunkte gegangen sei, wollte Orschler nicht bestätigen.

„Wir haben den Auftrag vom Staat, die Anlage in einwandfreiem Zustand zu halten“, erklärt der Pressesprecher. Es sei darum gegangen, die Sanierungsmaßnahmen so effektiv wie möglich zu gestalten. (ml)

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