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Einfach mal um die Ecke denken: Kreative Schreibschule mit Schriftsteller Leonhard F. Seidl

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Ohne Scheu machten die Isener Sechstklässler bei der kreativen Schreibschule mit Leonhard F. Seidl mit.
Ohne Scheu machten die Isener Sechstklässler bei der kreativen Schreibschule mit Leonhard F. Seidl mit. © ANNE HUBER

Bei der kreativem Schreibschule mit Schriftsteller Leonhard F. Seidl haben Isener Sechstklässler begeistert mitgemacht.

Isen – Schreibtipps vom Profi gab es für die Sechstklässler der Mittelschule Isen. Schriftsteller und Dozent Leonhard F. Seidl, der auf Einladung der Pfarrbücherei seine ehemalige Schule besuchte, erklärte aber auch, dass in einem Roman viel Arbeit steckt und dass es schwierig ist, mit dem Schreiben Geld zu verdienen.

Los ging es mit einer Schreibübung, bei der der Spaß im Mittelpunkt stand. Dass es ihm weder um Rechtschreibung und Grammatik noch um Schönschrift gehe, hatte Seidl den Schülern von Lehrerin Judith Brucker bereits zu Beginn der beiden ungewöhnlichen Schulstunden erklärt. Ohne auf Syntax und Interpunktion achten zu müssen, konnten die Kinder einen surrealen Dialog fabrizieren, bei dem es darum ging, die unbekannten Fragen ihrer Banknachbarn zu beantworteten.

„Versucht, Wege zu gehen, die man nicht jeden Tag geht“, forderte Seidl die 16 Mädchen und Buben auf. „Es muss keinen Sinn ergeben.“ Dass es „lustigerweise guad zampasst“, stellte Florian beim Vorlesen seines Dialogs fest. Auch Leni hatte ein Beispiel parat: Auf die Frage „Warum bin ich in Mathe so schlecht?“ lautete die lapidare Antwort: „Ist einfach so!“

Vor der Geschichte, für die der Schriftsteller den Schülern vier Komponenten vorgegeben hatte – eine Frage aus dem surrealen Dialog, das Erwähnen des Freundes oder der Freundin, den Schauplatz Wald und ein Hindernis – war gemeinsam erarbeitet worden, wann eine Geschichte spannend ist. „Lasst ungewöhnliche Dinge geschehen, denkt um die Ecke, denn in Geschichten darf man alles machen. Das ist ja genau das Schöne am Schreiben“, sagte Seidl. Wichtig sei es auch, Fragen aufzuwerfen, auf deren Beantwortung der Leser gespannt sei. „Wenn wir nicht wissen, was passiert, wollen wir weiterlesen.“

Mit ihrer Geschichte, in der sie ihre schlafende Freundin die Frage stellen lässt: „Wo ist mein fliegendes Schwein?“, traf Kati ins Schwarze. Als „super gelungen“ bezeichnete Seidl auch Fabians Beitrag, in dem in wenigen Zeilen eine große Welt erschaffen worden und eine runde Geschichte entstanden war.

Dass sich die Schüler ohne Scheu auf die Aufgaben einließen, hängt mit Seidls Erfahrung als Dozent für Literarisches Schreiben zusammen. Zwar unterrichtet er „Erwachsene, die schreiben lernen wollen“, während seines Studium der Sozialen Arbeit hatte er aber bereits mit Jugendlichen zu tun. Die Aussage, dass er nach Krankenpflege-Ausbildung, BOS, Fach-Abi und Studium im Knast gewesen sei, ließ die Schüler zwar stutzen, die Frage, warum er im Gefängnis war, trauten sie sich allerdings erst zum Schluss zu stellen. Statt auf eine kriminelle Vergangenheit bezog sich Seidls Knast-Aufenthalt freilich nur auf ein Schreib-Projekt mit straffällig gewordenen Jugendlichen.

Begeistert von der kreativen Schreibschule war Bücherei-Leiterin Mariannne Brucker. Realisiert wurde sie dank der Förderung im Rahmen von „Neustart Kultur“ der Bundesregierung. Unterstützt hatte auch der Sankt Michaelsbund. Nicht nur der Eifer der Kinder, sondern auch ihre Fairness gegenüber den Mitschülern, fand Brucker erstaunlich. „Da hat sich niemand über einen anderen lustig gemacht“, freute sie sich. Dran bleiben am kreativen Schreiben will auch Klassenleiterin Judith Brucker. Nach Gedichten, zu denen sie die Schüler inspiriert hat, steht jetzt Prosa auf dem Programm.

Auch für Seidl geht es mit dem Schreiben weiter. Derzeit widmet er sich im Rahmen eine Stipendiums dem Nature Writing. Im Frühjahr erscheint sein sechster Roman, der vor allem in Isen spielt. Hier hat der 45-Jährige die Grundschule besucht, seine Eltern leben in der Marktgemeinde. Der persönliche Bezug hält ihn jedoch nicht davon ab, kritisch auf die Vergangenheit zu blicken. So dreht sich sein neuer Roman um den Isener Forstrat Georg Escherich (1870–1941), einst Leiter des bayerischen Landesverbands der Einwohnerwehren und Gründer der „Organisation Escherich“.

Dass seine Produktivität auch finanzielle Hintergründe hat, verschwieg Seidl den Jugendlichen nicht. Man müsse viel arbeiten, der Text etwa fünfzehn Mal überarbeitet werden, bevor er ins Lektorat gehe. „Es ist nicht so, wie manche meinen, dass ich den ganzen Tag auf der Wiese liege und warte, bis mir ein Satz einfällt.“  

ANNE HUBER

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