Diskussion und Lesung: Autor Leonhard F. Seidl (2. v. r.) war Gast bei den Grünen. Foto: Dinger

Diskussion

Grüne fordern Umdenken: Bei Bauern statt im Supermarkt kaufen

Die Grünen und die Landwirte sind sich nicht immer einig. Das zeigte sich wieder bei einer kontroversen Diskussion im Gasthof Klement in Isen, bei der Krimiautor Leonhard F. Seidl mit einer Lesung aus seinem Buch „Viecher“ den passenden Einstieg bot.

Isen – „Hier ist ein Mord passiert, wir brauchen eine Absperrung“, sagte Leo Seidl und zog ein rot-weißes Flatterband mit Polizei-Aufdruck quer durchs Kaminzimmer vom Gasthof Klement in Isen. Der Tote ist Bauer Luidinger, der von seinem Stier auf die Hörner genommen wurde. Es sieht aus wie ein Unfall, doch Privatdetektiv Freddie Deichsler hat da so seine Zweifel. Bauer Luidinger gibt es natürlich nicht. Er ist der Fantasie von Seidl entsprungen und eine der Hauptfiguren aus Seidls Kriminalroman „Viecher“. Wie auch in seinem Krimi „Genagelt“ ist die Handlung im Isental angesiedelt. Hier kennt sich der Autor als gebürtiger Isener bestens aus.

Die Isener Grünen hatten Seidl zu einem „krimikabarettistischen“ Abend eingeladen, bei dem die Frage „Wie steht´s um unsere Landwirtschaft?“ diskutiert werden sollte. Als Fachfrau dafür war die neue Kreisbäuerin Irmgard Posch zu Gast. Bevor es zur Sache ging, hatte Seidl seinen Auftritt, der im Stil einer klassischen Lesung begann. Schnell zeigte der 41-jährige dann sein komödiantisches Talent und spielte seine Figuren nicht nur selbst nach, sondern bezog auch seine Zuhörer mit ein. Die mussten dann schon mal Muhen, um die Geräuschkulisse eines Viecher-Stalls authentisch rüberzubringen. In „Viecher“ wird, wie der Name schon ahnen lässt, auch die Situation in der Landwirtschaft thematisiert. Daher passten Seidl und sein Krimi gut zur anschließenden Diskussion, die von der Isener Grünen-Sprecherin Lena Geiger moderiert wurde. Doch nicht nur der Autor und die Kreisbäuerin kamen zu Wort, auch das Publikum diskutierte fleißig mit.

Auch Kühe sind soziale Wesen

Am meisten polarisierte Seidl mit seinen Ansichten. Er lehnt die Massentierhaltung strikt ab und hat beispielsweise für sich selbst beschlossen, keine Milch zu trinken, da sie eigentlich von der Natur für die Kälber, und nicht für den Menschen vorgesehen ist. Auch seien Kühe soziale Wesen, die genauso viel Liebe und Zuwendung bräuchten wie andere Lebewesen auch, man dürfe sie nicht in einen Stall pferchen. Verteufeln wolle er die Landwirtschaft dennoch nicht, er sieht sich selbst als „Träumer und Utopist“, der seine Fähigkeit als Autor nutzt, um seine Visionen vom Zusammenleben von Mensch und Tier auszudrücken.

Wo die Landwirte zur Zeit der Schuh drückt, war deutlich von den anwesenden Bauern zu hören. Etwa, dass die Preise für Milch und Fleisch von den Molkereien und großen Handelsketten diktiert werden. „Wir liefern monatelang Milch an die Molkerei, ohne in der Zeit zu wissen, zu welchem Preis“, sagte ein Zuhörer. Irmgard Posch kritisiert, dass die Landwirte das erste und wichtigste Glied in der Kette der Lebensmittelproduktion sind, bei denen aber das wenigste Geld ankommt, auch wenn die Preise für Lebensmittel steigen. Da müsse sich etwas ändern, sonst stehe die Existenz besonders der kleinen Betriebe in Bayern auf dem Spiel. Kritische Stimmen kamen aus dem Publikum zum „Mindesthaltbarkeitsdatum“, was Verbraucher dazu animiert, Nahrungsmittel kurz nach dem Verfallsdatum wegzuwerfen, auch wenn sie problemlos noch essbar wären.

Verbraucher haben große Macht

Als Lösung kam der Vorschlag, lieber eine Verbrauchsempfehlung wie „Best before“ im englischsprachigen Raum zu geben – also im Sinne von „am besten zu verbrauchen“ bis zu einem bestimmten Datum, nach dem das Lebensmittel aber noch genauso genießbar ist.

Trotzdem Punkte wie der Einfluss der Politik und die artgerechte Tierhaltung am Freitagabend von Grünen und Gästen kontrovers diskutiert wurden, kam man immer wieder auf den Einfluss der Verbraucher als wichtigen Faktor zurück. Es müsse beim Konsumenten das Bewusstsein für die ökologische Landwirtschaft geschärft und der Wunsch nach mehr regionalen und saisonalen Produkten geweckt werden. Dabei sei jeder gefragt, denn „ nicht die Politik erzieht unsere Kinder“, so Florian Geiger von den Grünen. Statt direkt beim Erzeuger oder auf lokalen Bauernmärkten frische, gesunde Lebensmittel zu kaufen, werde in „Geiz ist Geil“-Mentalität lieber zum qualitativ minderwertigen Billigprodukt im Supermarkt gegriffen.

Doch da ist viel Überzeugungsarbeit gefragt. „Es ist wichtig, dass Landwirte und Verbraucher miteinander reden“, sagte Posch. Die Diskussion, da stimmten auch die Grünen zu, sei ein guter Schritt in die richtige Richtung gewesen. henry Dinger

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

TSV Dorfen: Das schönste Pokal-Aus aller Zeiten
Der TSV Dorfen hat das Pokal-Spiel gegen den TSV 1860 München verloren. Und doch hat er alles richtig gemacht.
TSV Dorfen: Das schönste Pokal-Aus aller Zeiten
Eine Madonna für Langenpreising
Der Langenpreisinger Josef Wurzer schenkt seiner Heimatgemeinde eine Schnitzarbeit. Sie ist der berühmten Stalingrad-Madonna nachempfunden.
Eine Madonna für Langenpreising
Feldspritze steht Kopf
Ein größeres Malheur ist einem Landwirt auf der Ortsdurchfahrt Moosinning passiert. Seine Feldspritze mit 2600 Liter Wasser  riss sich los.
Feldspritze steht Kopf
Pflug-Wettziehen mit reiner Muskelkraft
Reine Muskelkraft war beim Pflug-Wettziehen im Rahmen des Oldtimer-Treffens der Feuerwehr Eicherloh gefragt.
Pflug-Wettziehen mit reiner Muskelkraft

Kommentare