Spannende Recherche vor Ort: Leonhard F. Seidl im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg.
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Spannende Recherche vor Ort: Leonhard F. Seidl im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg.

Neuer Roman von Leonhard F. Seidl

Dem falschen Schah auf der Spur

Seinen neuen „Schelmenroman“ präsentiert Leonhard F. Seidl.

Isen/Fürth – Ins Jahr 1967 führt Leonhard F. Seidl seine Leser mit seinem druckfrischen Roman „Der falsche Schah“. Keine günstige Zeit, um Bücher zu veröffentlichen, gibt der Isener zu. Denn Lesungen waren und sind coronabedingt nur eingeschränkt oder gar nicht möglich, um sein Buch zu bewerben. Und während des Lockdowns sind auch alle Buchhandlungen zu.

Dennoch waren die vergangenen Monate für den 44-jährigen Schriftsteller, der in Isen aufgewachsen ist und in Fürth wohnt, eine sehr produktive und ausgefüllte Zeit. Ein Jahr lang habe er intensiv an seinem fünften Roman geschrieben. „Das war schon eine Herausforderung, in einem so kurzen Zeitraum einen so anspruchsvollen Roman mit historischen Bezügen zu schreiben. Das war ein Kraftakt“, sagt Seidl.

Die ersten Rezensionen zeigen, dass er wohl gelungen ist. Für „Der falsche Schah“ hat er das erste Literaturstipendium des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber erhalten und durfte sein Schreibzimmer in die historische Gipsmühle verlegen, was für ihn sehr inspirierend gewesen sei. Denn in Rothenburg spielt Seidls „Schelmenroman, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt“, wie Bestseller-Autorin Tanja Kinkel auf der Klappenbroschüre zitiert wird.

Damals, im Sommer 1967, besuchte der Schah von Persien, Reza Pahlavi, mit seiner Frau Farah Diba zwei Tage die mittelfränkische Kleinstadt, bevor es nach Berlin weiterging, „wo Benno Ohnesorg vom Polizisten und Doppelagenten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde, der zugleich zeitweise SED- und SPD-Mitglied war. Das hat die ganze Republik damals verändert“, erzählt Seidl. Dies hat er sich zum Thema genommen, weil noch kein anderer darübergeschrieben habe und es ein großes Ereignis gewesen sei.

„Mittelalterliche Stadt und ein Kaiser, das passt zusammen“, dachte sich Seidl und begann mit seinen Recherchen. Dabei stieß er auch darauf, dass der Schah aus Sicherheitsgründen zeitweise einen Doppelgänger eingesetzt hatte. Denn er hatte viele Feinde, weil er mit seiner Familie in Saus und Braus gelebt, seine Untertanen mitunter brutal gefoltert habe, und „die armen Bauern sich von abgelutschten Dattelkernen und eingeweichtem Stroh“ ernähren mussten, so Seidl. Aus dieser Kombination seiner Interessen und schriftstellerischen Kreativität sei dann diese Geschichte als bayerischer Schelmenroman entstanden, eine heute eher ungewöhnliche Gattung und auch für Seidl ein Novum.

„Es hat sich mir förmlich aufgedrängt“, sagt der 44-Jährige, dass es ein humorvoller, augenzwinkernder Roman werde. Was letztlich ganz gut in die aktuelle Zeit passe, in der es für viele Menschen recht ernst und anstrengend sei. Da könne lachen nicht schaden, findet er. Ihm habe das Schreiben sehr großes Vergnügen bereitet. „Der falsche Schah“, der im Volk Verlag München erschienen ist, verspricht nicht nur Lesefreude, er regt auch zum Nachdenken über Schein und Sein an (192 Seiten, Preis: 13,90 Euro).

Zugleich lernt der Leser in dem Werk etwas über die jüngere bundesdeutsche Geschichte, über Rothenburg und den Schah-Doppelgänger Bartholomäus König. Dessen Geschichte wird ab dem Jahr 1919 erzählt, als er in Grünwald zur Welt kommt, im Glashaus, wo die ersten Filme gedreht wurden. König ist Schuldirektor mit schauspielerischer Hochbegabung und tief sitzender Abneigung gegen jede Ordnung und Autorität. Seidl outet sich nicht nur als feinsinniger Beobachter, er lehnt den Duktus auch der bairischen Sprache an, was für die Erdinger Landkreis-Leser besonders interessant sein dürfte. Er habe sich durch das Buch nicht nur schriftstellerisch weiterentwickelt, sondern auch viel über den enormen Einfluss des Schahs erfahren, sagt Seidl. Über seine ersten zwei Frauen, darunter Soraya, die ihm keine Kinder schenken konnte, und die die Regenbogenpresse damals füllte. Seine dritte Kaiserin, Farah Diba, habe sogar eine eigene Hochsteckfrisur kreiert, die Seidls „Klausi-Oma“, die Mutter seines Vaters Leonhard M. Seidl, ebenfalls Schriftsteller, getragen habe. Seiner Großmutter habe er auch den Roman gewidmet.

Drei weitere Stipendien erhielt der Autor 2020, der auch als Journalist und Dozent für Kreatives Schreiben an der Hochschule und der Akademie Faber-Castell arbeitet sowie Schreibwerkstätten anbietet. Das Austria Nationalpark Gesäuse Literaturstipendium brachte ihn für zwei Wochen im August auf eine einsame Jagdhütte: „Das war die eindrücklichste Erfahrung. Zwei Wochen allein auf der Hütte, ohne Strom, Internet und fließendes Wasser.“ In Lettland durfte er im Februar 2020 zwei Wochen im Internationalen Schriftsteller- und Übersetzerhaus den Dialog der Kultur pflegen und an seinem Roman arbeiten und im Mai als Turmschreiber in der Abenberger Stadtmauer seiner Kreativität freien Lauf lassen.

„Preise und Stipendien sind sehr wichtig für das Renommee von Schriftstellern“, weiß Seidl – und die Stipendien natürlich eine Einnahmequelle. Denn die meisten Schriftsteller könnten nicht vom Verkauf ihrer Bücher leben, deshalb seien Lesungen, Preise und Stipendien so wichtig.

Neben seinen drei Kurzkrimibänden sei der aktuelle Roman Seidls achtes eigenständige Buch, darunter auch „Viecher“ (2015), das im Landkreis Erding spielt. Seine Bücher „Mutterkorn“ (2011) und „Fronten“ (2017), in dem es um den Amoklauf in Dorfen ging, seien heute Klassenlektüre. Einen Roman über die Corona-Pandemie möchte er nicht schreiben, aber Kurzgeschichten dazu habe er bereits erfasst, sagt Seidl. Sein nächster Roman, der 2022 erscheinen soll, wird in Isen spielen. „Etwas Zeitgeschichtliches“, kündigt er an.

Birgit Lang

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