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Eins mit der Natur: Wildkräuter pädagogin Helga Röder.

Auf Tour mit Wildkräuterpädagogin Helga Röder

„Nur essen, was man kennt“

Helga Röder ist Wildkräuterpädagogin. Bei ihren Kräuterwanderungen bringt die Isenerin den Teilnehmern nicht nur die heimische Flora näher, sie demonstriert auch, welche Köstlichkeiten sich aus Giersch, Brennnessel und Co. bereiten lassen.

Isen Müsste Helga Röder wie bei „Was bin ich?“, der ehemals populären Quizsendung, eine typische Handbewegung wählen, würde sich das Entfalten von kleinen Papiertüten anbieten. In diesen bewahrt die Wildkräuterpädagogin gesammelte Kräuter auf, bis sie diese verwertet.

Beim Spaziergang greift Röder auf dem Weg von Burgrain nach Isen nach einer Tüte, um sie unbenutzt wieder in den Rucksack zu packen. Denn, so lautet ihr erster Rat, Kräuter, die man essen will, sollte man nur an Orten des Vertrauens pflücken.

„Zu viele Hunde“, meint sie zu der Stelle am viel begangenen Weg am Oberlauf der Isen. An den zerriebenen Pflanzenblättern riechen ist allerdings erlaubt. Die Pflanze mit den großen runden Grundblättern ist eine Knoblauchsrauke, die theoretisch gut in Kräuterquark oder Salat passen würde – würde sie an einer anderen Stelle wachsen. In die Tüte kommt dagegen die Brunnenkresse, die im Loipfinger Bach wächst. Der immergrüne Kreuzblütler wird später in die Butter wandern, zu der Röder beim Gehen und Erklären die Sahne schüttelt. „Auch solche Dinge möchte ich zeigen, dass man Butter ganz einfach selbst machen kann“, sagt sie.

Die einjährige Ausbildung zur Kräuterpädagogin hat Röder vor sechs Jahren absolviert. Bereits nach dem ersten Seminar war ihr klar: „Wow, das ist es.“ Ein Gegenstück zur Arbeit in einer großen Verlagsgruppe mit Sitz in München, wo Röder als Assistentin im Lektorat arbeitet, sollte das fundierte Hobby sein. Inzwischen hat die berufliche Nähe zu Büchern sogar zu einer eigenen Publikation geführt. „Wilde Gaumenfreuden“ heißt der Titel des 2016 im Trinity-Verlag erschienen Buchs (ISBN: 978-3-95550-170-9), das Röder zusammen mit Leena Flegler geschrieben hat. Darin enthalten sind rund ein Dutzend Rezepte, die alle auf Wildkräutern basieren. Der interessierte Wildkräuterkoch lernt nicht nur Pesto aus Bärlauch und Giersch oder „Waldrandschnecken“ (ein Hefegebäck mit getrocknetem Dost) zuzubereiten. Röder zeigt auch, wie Hochprozentiges wie der „Likör quer durch den Garten“ angesetzt und das ganze Erntejahr über verfeinert wird. Wer es alkoholfrei erfrischend mag, kommt beim Bitter Lemon „Wilde Wiese“ aus Zitronen, Ingwer und diversen Wildkräutern auf seine Kosten.

„Einfach, achtsam, kreativ“, so der Untertitel der „Wilden Gaumenfreuden“, möchte die Autorin auch beim zweiten Buch sein, das sich in Planung befindet. Bis sie sich in die Vorbereitungen für das neue Buch stürzt, stehen zahlreiche Kräuterwanderungen an. Ihr Klientel ist weit gestreut: Vor wenigen Tagen war sie mit behinderten Menschen im Isener Bürgerpark unterwegs, in Kürze wird sie sich für einen Kindergarten als Kräuterhexe verkleiden. Ein Zukunftsprojekt, auf das sie sich sehr freut, ist eine Kräuterwanderung im Böhmerwald, der Heimat ihrer Eltern. Auch möchte die 58-Jährige noch mehr über Kräuter und ihre Wirkungsweise lernen.

Die Begeisterung für Wildkräuter stammt übrigens aus Röders Kindheit. „Meine Mutter hat mir bei unseren Spaziergängen erzählt, wie die Pflanzen heißen und welche man essen kann. So war mir zum Beispiel Bärlauch ein Begriff, schon lange bevor er in aller Munde war.“ Dass man nur essen sollte, was man kennt, ist Röders zweiter zentraler Rat. Viel zu häufig werde gerade Bärlauch mit giftigen Maiglöckchen oder der Herbstzeitlosen verwechselt. Einige Pflanzen wie der Seidelbast seien so giftig, dass sogar das Berühren zu Reizungen führt, erzählt sie.

Ungefährlich und schmackhaft sind dagegen die Kräuter, die Röder für die Kräuterbutter sammelt. „Scharbockskraut ist eines der wenigen Hahnenfußgewächse, das man essen kann“, erklärt sie. Mit der Blüte bildet sich jedoch das giftige Protoanemonin, die Pflanze ist dann leicht giftig und nicht mehr für den menschlichen Genuss geeignet. Beim Pflücken achtet Röder darauf, nicht zu viele Kräuter an einer Stelle zu ernten. „Immer viel mehr stehen lassen, als man rupft“, ist ihr dritter Rat, den sie allen Wildkräutersammlern auf den Weg mitgibt.

Der Frühling ist für Röder die beste Zeit, um Wildkräuter kulinarisch zu verwerten. Die Pflanzen sind dann wahre Kraftpakete an Vitaminen und Mineralstoffen, sagt sie. Wildkräutersammeln hat für die Kräuterpädagogin viel mit achtsamem Naturerleben zu tun. „Wir haben den Bezug zur Natur verloren, dabei steckt in jedem von uns ein Sammler“. Wer Wildkräuter sammelt, lernt die Natur kennen, „Und wer die Natur kennt, der schützt sie auch“, ist sie sich sicher.

Anne Huber

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