Immer vor Ort: Revierleiter Sebastian Kornherr (l.) und Betriebsleiter Dr. Heinz Utschig (r.) kennen den Wald wie ihre Westentasche.
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Immer vor Ort: Revierleiter Sebastian Kornherr (l.) und Betriebsleiter Dr. Heinz Utschig (r.) kennen den Wald wie ihre Westentasche.

Exkursion der Grünen

Waldumbau im Wettlauf mit der Klimakrise

40 Interessierte haben sich auf einer Waldexkursion des Grünen-Kreisverbands über die Herausforderungen des Klimawandels informiert. Die Experten sagen: Auch in unseren Breiten wird es schwierig.

Isen – Waldsterben 2.0 – Klimawandel und daraus resultierende Trockenheit, Hitze sowie Stürme, aber auch der Borkenkäfer sind die Gründe. Doch wie bedroht sind die heimischen Wälder wirklich? Betrifft es auch den Landkreis Erding? Über 40 Wanderer wollten es am Sonntagnachmittag wissen und nahmen an einer dreistündigen Exkursion teil, die mitten in den Wald Herrnberg bei Vocking führte. Referenten waren die zuständigen Forstleute von den Bayerischen Staatsforsten, eingeladen hatte der Grünen-Kreisverband.

Der deutsche Wald als zentrale Metapher für die Schönheit der Natur, überliefert von den Romantikern, habe bis heute Bestand, erklärte Heinz Utschig, Betriebsleiter Bayerische Staatsforsten, vom Forstbetrieb Wasserburg. Die Faszination des Waldes sei bis heute lebendig, so der promovierte Forstmann. Aber: „Der Klimawandel kommt nicht, er hat schon längst begonnen“, warnte Utschig. Und: „Die Bayerischen Staatsforsten werden wie alle Waldbesitzer massiv durch die Folgen des Klimawandels bedroht.“

Was, wenn das Ökosystem Wald kippt? Haine ohne Blätter und Nadeln, hunderte von Hektar abgestorbener Bäume – grau, morsch und tot. Gar nicht so einfach, sich vorzustellen, dass diese Beschreibung auch auf die Wälder im östlichen Landkreis Erding zutreffen könnte. Erst recht nicht, wenn man bei klarem Himmel und Sonnenschein, durch das Gehölz stapft und den Nadelgeruch einsaugt.

So oder so ähnlich aber könnte es hier tatsächlich einmal aussehen. Und zwar schon in so naher Zukunft, dass viele Landkreisbewohner von heute diesen Anblick noch zu sehen bekommen. Utschig beschrieb den Worst Case, den schlimmsten Fall, in dem die Durchschnittstemperatur in der Region bis zum Jahr 2070 so stark ansteigen werde, dass heimische Bäume wie die Fichte nicht mehr standhalten können – und absterben.

Das Problem der Fichte: Sie ist Flachwurzler, ragt nur 30 Zentimeter tief in den Waldboden, den Wasserspeicher. Fichten haben dadurch Zugriff auf ein geringeres Wasserreservoir als etwa Buchen, deren Wurzeln gut und gerne 70 Zentimeter in den Boden reichen. In Trockenperioden – und die werden laut Wetterdienst in der Region immer häufiger und länger – verliert die Fichte mangels Wasser so schneller ihre Abwehrkräfte.

Der Borkenkäfer hat sich deshalb wohl nicht ganz zufällig auf Fichten spezialisiert, die er invasionsartig überfällt und ganze Wälder zerstört. „Zu sehen ist das in Teilen Niederbayerns, wo sich der Käfer klimatisch schon jetzt viel zu wohl fühlt“, sagte Utschig. Viele Wälder jenseits der Donau-Linie seien längst aufgegeben worden, dem Borkenkäfer zum Fraß überlassen.

Die Dramatik zeige sich derzeit im Wald Herrnberg bei Vocking (Gemeinde Dorfen) längst nicht so stark. „Das ist allerdings auf das relativ ordentliche Bodenwasser wegen der vielen Regenfälle in diesem Sommer zurückzuführen“, erläuterte Sebastian Kornherr, Revierleiter im Vockinger Wald.

„Wird eine Fichte vom Borkenkäfer befallen, beginnt ein Spiel gegen die Zeit. Denn innerhalb von sechs Wochen, bis die nächste Borkenkäfer-Generation wieder ausfliegt, müssen die geschädigten Bäume aus dem Wald herausgenommen werden“, schildert Kornherr die Kontrollen.

Auch auf ein kluges Wald-Management lässt sich der vergleichsweise gute Zustand des hiesigen Waldes zurückzuführen. „Die Wälder passen sich nur langsam an Umweltveränderungen an – wir müssen 70 Jahre im Voraus planen“, erklärte Sebastian Klinghardt, stellvertretender Betriebsleiter in Wasserburg. Die Antwort auf den Klimawandel sehe dabei so aus: „Ein Vier-Baumarten-Konzept zur Schaffung multifunktionaler, gemischter und gestufter Wälder – also ein Waldumbau.“

Der Klimawandel koste die Bayerischen Staatsforsten viel Geld: „Jährlich müssen wir eine Rekordsumme von aktuell 80 Millionen Euro zahlen“, fasste Utschig zusammen.

Nicht zum ersten Mal droht das Ökosystem des Waldes zu kippen. In den 1980er Jahren war es der „Saure Regen, der den Forst schwächte. „Die Einführung von Katalysatoren und bleifreiem Benzin, aber auch saubere Industrieanlagen, konnten damals ein Desaster verhindern“, sagte Grünen-Kreisvorsitzende Helga Stieglmeier. Dazu brauche es allerdings politischen Druck. Und eine gut informierte, sensibilisierte Bevölkerung, die diesen noch verstärke, ergänzte Grünen-Landesvorsitzender Eike Hallitzky, der ebenfalls mit auf Tour war.

„Wald mit Zukunft“ stehe auf der aktuellen Agenda der Öko-Partei: „Wir müssen in Zeiten der Klimakrise richtig und mutig handeln, den Waldumbau fördern und forstpolitische Ziele so ausrichten, dass unsere Wälder sowohl als Lebensraum als auch als Wirtschaftsfaktor eine Zukunft haben.“

Michaele Heske

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