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Der Tatort: Hinter dieser Tür fand das Verbrechen statt. Aber der Arzt war nicht der Täter. Das behaupten seine drei Verteidiger.

Kritik an Ermittlern: Spuren vernichtet, Indizien reichen nicht aus

Verteidiger des Frauenarzts fordern Freispruch

Überraschend war es nicht, dass die drei Verteidiger von Professor Dr. Michael B. (57) in ihren vierstündigen Plädoyers am Freitag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Freisprüche beantragten.

Erding/Landshut - Dabei kritisierten sie erneut die Arbeit der Erdinger Kripo. Sie habe sich früh auf eine Beziehungstat und damit auf ihren Mandanten festgelegt, Alternativtäter so gut wie nicht in Betracht gezogen.

Dem Frauenarzt wird vorgeworfen, seine Ehefrau Brigitte am 4. Dezember 2013 im Haus in Pretzen verprügelt und erstickt zu haben. Nach dem Freispruch im ersten Prozess hob der BGH das Urteil auf, so dass es zur Neuauflage kam.

Brigitte B., so Anwalt Maximilian Müller sei zweifelsfrei Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Prof. B. könne allerdings nur schuldig gesprochen werden, wenn an seiner Täterschaft keine vernünftigen Zweifel bestünden. Die gebe es allerdings. So etwa bei der Frage nach einem Alternativtäter oder bei fremden DNA-Spuren, deren Verursacher nie ermittelt worden seien. Sein Mandant habe den Ablauf des 4. Dezember plausibel und im Einklang mit objektiven Erkenntnissen geschildert. Danach scheide er schon wegen des viel zu kurzen „Tatzeitfensters“ aus.

Um 12.37 habe Brigitte B. das letzte Telefonat geführt, um 13.30 Uhr sei er in der Praxis gewesen. In der Zwischenzeit müssten sich ein Kampfgeschehen und der Tötungsvorgang abgespielt haben. Danach soll der Frauenarzt laut Staatsanwalt noch eine Nassreinigung im Bad durchgeführt, für Trugspuren gesorgt und zum Schrannenplatz gefahren sein.

Dem Anklagevertreter kreidete der Verteidiger an, mit keinem Wort auf den Tathergang, der Grundlage einer Verurteilung wäre, eingegangen zu sein. Die Eheleute hätten sich zwar mittags über den Alkoholkonsum der Frau und ihre Laborwerte unterhalten, aber es habe keinen Streit und schon gar keinen Gewaltausbruch gegeben. Sonst hätte sie ihre Verärgerung beispielsweise in einem Telefonat mit ihrem Sohn Ausdruck verliehen. Als Prof. B. sie nach seiner Rückkehr leblos im Bad entdeckt habe, sei er in Panik ausgebrochen und habe Hilfe beim Nachbarn gesucht: „In einer solchen Extremsituation kann man kein vernünftiges Handeln erwarten.“

Verteidiger Florian Opper warf der Kripo vor, nicht sorgfältig genug und nicht ergebnisoffen ermittelt und mehr Spuren vernichtet als gesichert zu haben. Die fehlerhafte Arbeit könne nicht Grundlage für eine Verurteilung sein. Die Indizien seien nicht ausreichend.

„Ich bin überzeugt, dass wir nicht den richtigen Angeklagten haben“, sagte B. dritter Verteidiger Dr. Matthias Schütrumpf. Aufgrund der vielen Hämatome am Körper der Getöteten sei die Kripo früh von einem emotionalen Hintergrund ausgegangen, schnell habe es Vorurteile gegeben. Wieder brachte der Anwalt einen Alternativtäter aus dem Familienkreis („Ich kann den Bruder der Getöteten anbieten“) ins Gespräch. Schließlich sei ein Auto mit Osnabrücker Kennzeichen zur Tatzeit in der Erdinger Gegend gesichtet worden.

Professor B. erklärte in seinem Schlusswort, er habe seine „liebe Biggi“ verloren, „aber die mir vorgeworfene Tat nicht begangen“. Das Urteil wird am Freitag, 21. Juli, verkündet.

Walter Schöttl

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