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Rede und Antwort auf dem Podium (v. l.): Hans Kaspera, Leo Melerowitz, Moderator Timo Aichele, Josef Straßer und Anton Wollschläger.
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Höchste Konzentration: Die rund 200 Gäste im dicht besetzten Lintsche-Saal hörten gespannt zu.
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Jugend ernst nehmen: Das forderte Lena Götz.
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Der Geschosswohnungsbau treibt Erich Lechner um.
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Deutliche Aussagen gab es in der Bürger-Fragerunde. Hier: Alexander Klug.
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Deutliche Aussagen gab es in der Bürger-Fragerunde. Hier: Andreas Bergmeier.
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Kommunalwahl 2020

Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten in Langenpreising: Eingeständnisse und Kurskorrekturen

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Ring frei für die vier Bürgermeisterkandidaten der Gemeinde Langenpreising. Bei der großen Podiumsdiskussion des Erdinger/Dorfener Anzeiger kam es zum Aufeinandertreffen des Quartetts. Dieses überraschte unter anderem mit mehr als deutlichen Eingeständnissen.

Langenpreising – Jetzt wissen wir es: Josef Straßer kauft Biokartoffeln bei seinem Konkurrenten Anton Wollschläger. Ja, so ganz spinnefeind sind sie sich nicht, die vier Langenpreisinger Bürgermeisterkandidaten, zu denen auch Hans Kaspera und Leo Melerowitz zählen. Es herrschte viel Konsens bei der Podiumsdiskussion des Erdinger/Dorfener Anzeiger. Doch Straßer (58/Freie Wählergemeinschaft Langenpreising), Wollschläger (58/Grüne – Offene Bürgerliste), Kaspera (56/SPD) und Melerowitz (51/CSU) setzten auch eigene Akzente. 200 Zuhörer verfolgten es gespannt. Für Aufhorchen – neben den Biokartoffeln, versteht sich – sorgte das Eingeständnis, dass die Bürger bei der Ortsentwicklung „verarscht“ worden seien.

Aussagen wie diese entlockte Moderator Timo Aichele, stellvertretender Redaktionsleiter des Erdinger/Dorfener Anzeiger, den Kandidaten. Er band immer wieder das Publikum ein (siehe auch Artikel unten)und sorgte mit Zwischenfragen für spontane Antworten. Die Kandidaten hatten im Vorfeld keine Fragestellungen von der Redaktion erhalten. Im Folgenden ein Auszug aus den diskutierten Themenblöcken:

Transparenz und Bürgerbeteiligung

Hätten die Diskussionen um das geplante DHL-Logistikzentrum und die Hauptamtlichkeit des künftigen Bürgermeisters nicht viel früher öffentlich im Gemeinderat diskutiert werden müssen? Klare Meinung der bereits im Gemeinderat vertretenen Straßer, Melerowitz und Kaspera: Ein Logistikzentrum braucht es nicht, es hätten aber erst Details nichtöffentlich geklärt werden müssen.

Die Hauptamtlichkeit dagegen, gestand das Trio, hätte durchaus in die Öffentlichkeit gehört. Und Wollschläger übte scharfe Kritik an der Nichtöffentlichkeit der Logistiker-Debatte.

„Wer bestellt denn alles bei Amazon?“, fragte Moderator Aichele dazwischen. Kopfschütteln bei den vier Kandidaten. „Vielleicht hat das mit Ihrer geringen Internetaffinität zu tun“, vermutete Aichele augenzwinkernd und sorgte damit für Lacher im Publikum. Kaspera gestand immerhin, dass er über Amazon Serien schaue.

Dann überraschte Straßer mit einem deutlichen Eingeständnis, dem sich Kaspera und Melerowitz anschlossen. Die Bürger seien bei ihrer Beteiligung an der Dorfentwicklung „verarscht“ worden. Einziges gutes Beispiel für die Bürgerbeteiligung sei die Schule gewesen. Und – wenig überraschend – die Bürgerversammlung. „Es ist ewig schade, dass sich die Arbeitskreise totgelaufen haben“, meinte Kaspera. Sie sollten ihm zufolge wiederbelebt werden. Bürgerbeteiligung brauche es auch in den Außenbereichen wie Weipersdorf oder Pottenau, forderte derweil Melerowitz.

Gewerbe und Arbeitsplätze

245 gemeldete Betriebe gibt es in der Gemeinde, so Melerowitz. Es brauche Betriebe, die ins Ortsbild passten. Man müsse weg vom Geschäftsmodell, über Flächenverkauf an Geld zu kommen, meinte dagegen Wollschläger. „Ist der Shrimps-Züchter wirklich das, was die Gemeinde braucht?“, fragte er kritisch. „I mog koane Garnelen, mir waar da Brathering liaba gwesn“, meinte Straßer scherzhaft dazu, wurde jedoch gleich wieder ernst. Denn die Gemeinde müsse sich bei der Suche nach Arbeitsplätzen besser verkaufen, sich auf Gewerbeschauen präsentieren und auch das Internet nutzen. Riesige Hallen brauche es nicht. Man müsse mehrgeschossig denken, etwa mit Büros über den Hallen.

Einen Gerichtsstreit hat es vor ein paar Jahren zwischen den Verwaltungsgemeinschaftspartnern Wartenberg und Langenpreising wegen der Edeka-Ansiedlung gegeben. Kommt künftig vielleicht doch noch Gewerbe an den Kreisel an der Wartenberger Ortseinfahrt auf Langenpreisinger Flur? Dazu gab’s ein klares Nein aller vier Kandidaten. Und man habe in Langenpreising ja den Dorfladen.

Jugend und Senioren

Zuhörerin Lena Götz, die mit 22 Jahren deutlich unter dem Altersschnitt des Publikums und der Kandidaten liegt, wünschte sich, dass auch die Jugend ernst genommen wird. Das versprachen ihre alle vier Kandidaten. „Unser Gemeinderat ist recht alt. Wir brauchen junge Gedanken“, meinte etwa Kaspera.

Und wie sieht’s am anderen Ende der Altersskala aus? Kommt ein Seniorenzentrum? Wohl nicht. Denkbar ist für Straßer dagegen vielmehr ein Mehrgenerationenhaus wie in Taufkirchen. Ein Ort, an dem Jüngere und Ältere zusammenkommen.

Dorfentwicklung/Wohnbauland

Das Mehrgenerationenhaus spielt für Straßer eine zentrale Rolle bei der Dorfentwicklung, ebenso wie die Alte Schmiede. „Ein Altenheim passt nicht in die Dorfmitte“, meinte Wollschläger. Kaspera nannte sich einen Visionär, als er sich augenzwinkernd „einen großen Backofen“ wünschte, an dem sich Weiblein und Männlein zum gemeinsamen Brot backen treffen. Es brauche Begegnungsstätten, so Kaspera. Zur Dorfentwicklung gehöre nicht allein das Unterwirtsgrundstück, betonte Melerowitz. Er zeichnete mit Worten das Bild eines Weges von der Alten Schmiede, an der deren Geschichte erklärt wird, über das Unterwirtsareal bis zur Kirche.

Was die Schaffung von Wohnraum angeht, läuft Vieles aufs Bauen in die Höhe hinaus. Das machte die Debatte deutlich. Gewerbe und Wohnen in Einklang bringen und nachverdichten, so Wollschlägers Forderung. Nicht nur höher, sondern auch tiefer bauen, ergänzte Straßer. Wer durch Vermietung Geld einnimmt, kann auch beim Bau von Tiefgaragen zur Kasse gebeten werden, so sein Gedanke zur Stellplatzproblematik. Noch einmal sämtliche Bebauungspläne im Gemeinderat überdenken und schauen, wo nachverdichtet werden kann, so ein weiterer Gedanke Straßers.

„Ich brauche weniger Tiefgaragen, wenn ich mit dem Radl fahre“, meinte Wollschläger und erntete damit ein Raunen im Saal. „Viele Autos stehen herum, und keiner braucht sie“, meinte Kaspera. Man könne Autos ja wie in Ramsau vermieten. Tiefgaragen sieht er als Pflicht an.

Der Zuzug lässt sich kaum stoppen, so der Tenor. Doch wie erreicht man, dass die eigenen Jungbürger genug Wohnraum bekommen? Eine Lösung kann das Einheimischenmodell sein, so Melerowitz. Ähnlich sah es Wollschläger, der sogar meinte, man müsse zu Auswärtigen auch mal Nein sagen. Da war Straßer skeptisch. Es komme immer wieder auch vor, dass Bürger Angebote seitens der Gemeinde ausschlagen.

Klimaschutz und Landwirte

Im Umgang mit dem Bienenschutz-Volksbegehren sind die Landwirte „arme Hund’“, meinte Kaspera. Sie würden super Arbeit machen und Blühwiesen anlegen. Über das Kulturlandschaftsprogramm Anreize für Pachterlass schaffen, lautet Melerowitz’ Idee. Er nahm jedoch auch die Bürger in die Pflicht, die in ihrem Garten nicht alles niedermähen sollten.

Potenzial sehen die Kandidaten beim Thema Nahwärme. Das könnte über das kommunale Energieversorgungsunternehmen gestemmt werden. Eine Idee Straßers hinsichtlich Solarengergie: Man könnte an der geplanten Rastanlage Isartal ja die Lkw-Parkplätze mit PV-Anlagen überbauen.

„Das sind ja lauter halbe Grüne“, stichelte Wollschläger am Ende gegen seine drei Mitbewerber.

Bürger heizen den Kandidaten ein

Rund zwei Stunden war bereits diskutiert worden, doch dann wurde es für die vier Kandidaten nochmal so richtig heiß. Bei der Bürger-Fragerunde zeigte sich: Die schwierige Haushaltslage und die Probleme vor allem auf der Einnahmenseite lassen die Bürger nicht kalt. Nachhaltiges Wirtschaften steht bei ihnen weit oben auf der Agenda. Das Gewerbegebiet sei bloß zur Hälfte bebaut, kritisierte etwa der Langenpreisinger Elektriker Georg Reithmeier. 

Dass Josef Straßer eine PV-Anlage an der geplanten Rastanlage Isartal überhaupt ansprach, brachte Johann Faltermair auf die Palme. Er hofft wegen der Lärmbelastung, dass diese Anlage gar nicht gebaut wird. Hans Kaspera machte deutlich, dass das Sache des Bundes sei, der Gemeinde seien die Hände gebunden. Immerhin wird derzeit, wie berichtet, der Alternativstandort Hirschau geprüft. Von schwierigen Gesprächen mit der Autobahndirektion erzählte Straßer. 

„Eine ärztliche Versorgung existiert nicht“, kritisierte Maria Heller. Doch wo soll ein Hausarzt hin? In dem von ihm geforderten Mehrgenerationenhaus könnten Räume dafür geschaffen werden, meinte Straßer. Vor zwei Jahren habe man schon eine Absage vom Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Dorfen bekommen, berichtete Melerowitz. Eine Möglichkeit wäre für ihn noch das MVZ Dachau. Einen Hausarzt auf Kosten der Gemeinde zu locken, dem sagten Kaspera und Wollschläger ab. „Ärzte wollen einfach nicht in kleine Dörfer“, so Wollschläger. 

„Wie soll man Geschosswohnungsbau realisieren, wenn kein einziges Grundstück dafür vorgesehen ist?“, fragte Erich Lechner. Man könne die Reihenhäuser umplanen, so Kaspera. Eine wichtige Rolle spielt hier das Unterwirtsgrundstück. Das hätten die Freien Wähler am liebsten schon vor ein paar Jahren verkauft, kritisierte Andreas Bergmeier, ein Kandidat der Grünen Bürgerliste. 650 000 Euro seien im Haushalt schon eingeplant gewesen. Eine Bürgerinitiative verhinderte damals den Verkauf.

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