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Bruder trauert um Bruder: Das Bild zeigt Martin Furtner am ersten Grab seines Bruders Franz auf dem Dorffriedhof Viéville, der 1914 im Alter von 23 Jahren gefallen war. Doch vier Jahre später fiel auch Martin Furtner, Strehbauernsohn aus Vorderholzhausen. Er wurde 27 Jahre alt. Drei weitere Brüder kehrten allerdings von der Front zurück.

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg

Langenpreisings verlorene Söhne

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Von der Schulbank zur Schlachtbank – dieses Schicksal durchlitten 1914 bis 1918 unzählige junge Männer in Europa. Zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten sollen im Ersten Weltkrieg gestorben sein. Es waren unbeschreibliche Schrecken, von denen jeder eine Geschichte erzählen konnte. Doch heute, 100 Jahre später, sind viele Erinnerungen verblasst. Wer weiß schon noch, wer Simon Sellmeier, Franz und Martin Furtner, Kaspar Leitsch oder Johann Beslmüller waren? Langenpreisings verlorene Söhne, denen Heimatforscher Helmut Lahr nun mit seinem neuen Buch ein Denkmal gesetzt hat.

Langenpreising – Helmut Lahr stellte eine solche Frage bereits als Bub. „Wer war Matthias Unger?“ Viel später wurde das der Ausgangspunkt jahrelanger Recherchen. Und es ist auch der erste Satz seines Buchs „Langenpreising im Ersten Weltkrieg – Die Kriegsopfer der Gemeinde 1914–1918“.

Der Titel hält, was er verspricht. Der 580 Seiten starke Band ist vieles: ein Almanach mit Tabellen und akribischen Recherchen, eine Sammlung von über 1500 historischen und aktuellen Bildern, ein militärgeschichtlicher Abriss des großen Weltenbrands, eine liebevolle Wiedergabe schwerer Schicksale und eine Art Reiseführer zu Soldatenfriedhöfen in Europa.

Alles begann mit einer Grabinschrift

Und außerdem erfährt der Leser, wer Matthias Unger war: der Großonkel des Autors, gefallen im November 2014 bei Arras. All das wusste der heute in Garching lebende 63-Jährige noch nicht, als er und sein Bruder Josef als Kinder immer zu Allerheiligen am Grab von Magdalena Unger in Langenpreising ausharren mussten. „Sonst steht dort ja niemand“, erinnert sich Lahr an die Anweisung seiner Eltern. „Die Inschrift habe ich ziemlich oft durchgelesen“, erzählt der Ingenieur im Ruhestand.

Bald hatte er als Bub die Inschrift auswendig gelernt, nach der Matthias Unger als Held gefallen sei. Und es war nicht die einzige Verbindung der Familie mit diesem Thema. Auch Lahrs Onkel Anton Schäffler starb im Ersten Weltkrieg. „Meine Mutter war noch keine fünf Monate alt, als ihr ältester Bruder gefallen ist“, berichtet der 63-Jährige.

Solch kurzes Familienglück war keine Seltenheit in diesen Zeiten. Schuhmachermeister Matthias Unger – nach dem Kauf des gleichnamigen Anwesens der Rackl-Hias genannt – erfuhr telegrafisch vom Tod seines erst dreieinhalb Monate alten Sohns Simon. Ein Vierteljahr später fiel er selbst.

Der Autor: Helmut Lahr mit seinem neuen Buch.

All diese Details aus der eigenen und vielen anderen Langenpreisinger Familien lagen aber fast 100 Jahre im Vergessenen. Lahrs Forschung fügt verborgene Informationsbruchstücke zusammen und bringt so Licht ins Vergessene.

2010 gingen er und seine Frau Renate erstmals auf Forschungsreise in dieser Sache. Es führte sie auf Ungers Spuren nach Arras ganz im Norden Frankreichs nahe der belgischen Grenze. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof St.-Laurent-Blangy fanden sie dann Spuren des Verwandten. Insgesamt ruhen dort 25 000 gefallene Deutsche, und unter ihnen 13 aus der Gemeinde Langenpreising.

Das Buch ist eines von vielen heimathistorischen Werken, die Lahr in jahrelanger Kleinarbeit recherchiert, aufgeschrieben und im Eigenverlag herausgebracht hat. Zuletzt hatte er Anfang 2018 den Band „Kreuze. Kapellen. Kirchen“ mit Bildern und dazugehörigen Geschichten aus dem ganzen Pfarrverband Wartenberg präsentiert.

Korrektur für Kriegerdenkmäler

Mit der tieferen Recherche für das Buch hat Lahr 2014 begonnen. Diese Arbeit braucht er fast schon wie das Atmen. „Ich war schon immer geschichtsinteressiert“, erzählt er. Seit 1983 wühle er sich durch Archive. Nach dem Ingenieurstudium war sein Wissensdurst – trotz Familie und seiner Arbeit bei Airbus – lange nicht gestillt. „Ich hatte bis dahin mein Leben lang gelernt. Ich wollte nicht damit aufhören.“

In seinem neuen Buch kann Lahr als akribischer Geschichtsschreiber sogar mit Irrtümern aufräumen. Auf den Kriegerdenkmälern in Langenpreising und Zustorf finden sich Namen von 66 Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Lahr kommt allerdings auf 74 Opfer unter den 405 Kriegsteilnehmern aus Langenpreising. „Ich spreche von Kriegsopfern. Es sind ja mitnichten alle gefallen. Manche sind einfach an einer simplen Grippe verstorben“, sagt der Autor. Wie Sebastian Noll: „Es heißt halt tapfer durchhalten, dann wird es schon wieder“, ließ er 1918 einen Kameraden aus dem Lazarett schreiben. Drei Tage später ist der Langenpreisinger tot. Dieser Brief und viele weitere Originaldokumente herzzerreißender Tragödien finden sich in Lahrs Buch.

Bei der Erstellung der Gedenktafeln auf den Denkmälern seien unterschiedliche Maßstäbe angewendet worden, meint der Autor. Einerseits fehlen Namen, andererseits sind dort fünf Männer verewigt, die zum Zeitpunkt ihres Todes nicht mehr in der Gemeinde gelebt haben.

Auch falsche Geburts- und Sterbedaten und falsche Nachnamen hat der Heimatforscher identifiziert. Gerade das habe aber besonders große Mühen erfordert. „Ich habe mir schon immer gedacht: Chompensüss kann nicht stimmen“, erzählt Lahr. Deswegen hat er in den Archiven nach Variationen des Namens gesucht – und stieß auf Anton Compensis, einen Enkel des Langenpreisinger Sattlers Anton Wild.

Recherche in Archiv mit acht Millionen Aufzeichnungen

Das Kapitel „Letzte Ruhestätte“ ist mit über 460 Seiten der Hauptteil des Buchs. Darin dokumentiert Lahr aufwändig die Soldatenfriedhöfe von Frankreich über Belgien und Rumänien bis in die Ukraine, auf denen Langenpreisinger Söhne beigesetzt wurden. Hier finden sich Infokästen, Landkarten und Bilder von damals und heute.

Jedem der 74 Gefallen widmet Lahr mindestens eine Doppelseite mit Angaben aus der Kriegsstammrolle, der großen Datensammlung des bayerischen Militärs. Dazu kommen unzählige Abbildungen, darunter viele Todesanzeigen aus der Zeitung – zum Beispiel die „Zur frommen Erinnerung an den tugendsamen Jüngling Matthias Noll, Gütlerssohn von Langenpreising“.

Von 73 der 74 Gefallenen sind die letzten Stammrolleneinträge mit dem Todesvermerk im Original abgebildet. Nur bei Michael Stampfl aus Zustorf muss Lahr passen. „Möglicherweise diente er in einer außerbayerischen Armee“, schreibt der Autor.

Die fünfjährige Archiv-Arbeit war mitunter mühsam. Das amerikanische Verlagshaus Ancestry hatte die Kriegsstammrollen der bayerischen Armee aus dem Ersten Weltkrieg digitalisiert. Lahr vermutet, dass hierbei auch Arbeitskräfte aus Asien tätig waren. Anders könne er sich die vielen Rechtschreibfehler kaum erklären. „Das hat meine Nachforschungen schwierig gemacht“, erzählt der Autor. „Langengeisling und Langenpreising zu unterscheiden, das war schon schwierig.“ Denn hier setzte Lahr zunächst an.

Weltkrieg überlebt - und dann?

Er durchforstete das Kriegsarchiv mit acht Millionen Aufzeichnungen in 23 000 Bänden nach Ortsnamen, die mit der Gemeinde zu tun haben – neben Langenpreising sind das die Ortsteile Zustorf, Weipersdorf und Holzhausen. Aber gerade Holzhausen gibt es öfter in Bayern.

Übrig blieben 2200 Einträge, die irgendwie mit Langenpreising in Verbindung stehen. Außerdem enthalten die Stammrollen viele Vermerke pro Soldat – wenn er verlegt wurde, bei Verwundung, Kampfhandlungen oder auch einer Ausbildung. „Der Spitzenreiter hatte 17 Stammrollen-Einträge“, erzählt der gebürtige Langenpreisinger – sein Opa Josef Lahr. Zum Glück für den 63-Jährigen kam der Großvater wieder nach Hause, sonst hätte dieser Stammbaum wie so viele andere ein jähes Ende gefunden. „Die meisten sind ja als junge Männer gefallen, bevor sie Kinder zeugen konnten“, sagt der Autor und erklärt so auch das Verblassen der Erinnerungen.

Zwei Jahrzehnte später wurden Langenpreisings Söhne wieder zu den Waffen gerufen. So kam es vor, dass der Vater für den Kaiser fiel und der Sohn für den Führer – wie Zimmermann Martin Leitsch und sein Sohn Martin Noll. Von ihnen erzählt Lahr in seinem Buch genauso wie von Mathias Six, Straßenwärtersohn aus Langenpreising. Er überlebte den Ersten Weltkrieg schwer verwundet und litt fortan starke Schmerzen. Nach dem Krieg heiratete er in ein kleines Anwesen in Mooslern. Trotz Warnungen wegen täglicher Bombardements auf den Fliegerhorst ging er am 21. April 1945 zum Ackern aufs Feld. Er und seine Ochsen wurden von einem Tiefflieger erschossen.

Das Buch

„Langenpreising im Ersten Weltkrieg – Die Kriegsopfer der Gemeinde 1914–1918“ hat Autor Helmut Lahr im Eigenverlag herausgebracht. 30 Exemplare gehen in den freien Verkauf. Sie sind ab Montag, 12. November, zum Preis von 38 Euro im Pfarrbüro Langenpreising erhältlich.

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